Die digitale Welt zwischen 0 und 1 beschäftigte schon vor 20 Jahren Nicholas Negroponte. In seinem Bestsellerbuch „Total Digital“ beschrieb der Gründer des Media Lab am Massachusetts Institute of Technologie (MIT) Szenarien, die heute Realität geworden sind: digitale Arbeitsplätze, sprechende Rechner, tragbare Minicomputer. Was Negroponte aber damals nicht voraus sehen konnte: Die Digitalisierung dringt unaufhaltsam in alle Branchen vor und stellt jahrzehntelang etablierte Geschäftsmodelle und bewährte Geschäftsprozesse in Frage. Wie ein digitaler Tsunami spült der digitale Wandel ganze Branchen einfach fort.

Anpassen oder untergehen

So warnen Marktanalysten, Unternehmensberater und Trendforscher eindringlich vor den Folgen des digitalen Umbruchs. Ihre Botschaft: Unternehmen sollten schleunigst ihre Strategie anpassen und ihre Geschäftsprozesse vernetzen. Wer heute nicht digitalisiert, wird früher oder später untergehen. „Wenn Unternehmer die Notwendigkeit der digitalen Transformation erkannt haben“, sagt Yorck von Borcke, Co-Autor von Think new – 22 Erfolgsstrategien im digitalen Business, „hakt es aber häufig noch bei der Umsetzung.“

Auch wenn die Zahl der Schwarzmaler und Pessimisten groß ist, die Chancenverwerter überwiegen. Der digitale Wandel bietet auch neue Möglichkeiten, sagen sie. Wer seine Firma oder seinen Betrieb technisch fit hält, kann im internationalen Wettbewerb locker mithalten. Das fängt mit einer durchdachten Internet-Präsenz an und geht über die Vernetzung mit Standorten, Partnern, Lieferanten und Kunden bis zur Nutzung der Cloud.

Zunehmend wichtiger werden Online-Shops als weitere Vertriebskanäle, der Einsatz von Social Media für eine effiziente Kommunikation und Zusammenarbeit im Unternehmen sowie die sogenannte Maschinenkommunikation (M2M). In wenigen Jahren werden nämlich mehr Maschinen über Mobilfunk miteinander kommunizieren, als Menschen. Ein auffälliges M2M-Beispiel ist jeden Tag in vielen Großstädten zu sehen: car2go. Erst mit der Digitalisierung war dieses Geschäftsmodell des sogenannten „Free-Floating“ überhaupt möglich: Die Autos werden auf der Straße per Smartphone gefunden und gebucht und am Ziel einfach für den nächsten Fahrer abgestellt.

„Cloud der Dinge“ hilft bei M2M

Im Zuge der Digitalisierung lassen sich vor allem Geräte und Maschinen steuern und aus der Ferne verwalten. Doch wie werden Software-Updates aufgespielt? Wie können Firmen die Messdaten und Informationen auslesen und verwerten? Eine effektive Lösung geht über ein Kontrollzentrum in der Cloud. Die Telekom zum Beispiel bietet mit dem Industrie 4.0-Paket gleich eine Komplettlösung an. Dazu gehören der Zugang zum Gerätemanagementportal, die sogenannte „Cloud der Dinge“, ein Gateway mit spezieller M2M-SIM-Karte, um Daten und Werte zu übermitteln, sowie ein Premium-Supportdienst durch die Telekom. Über das Portal lassen sich alle angeschlossenen Maschinen warten, steuern, tracken und überwachen. So behalten Unternehmen den Überblick und sind optimal mit ihren Maschinen vernetzt.

Vernetzt im digitalen Zeitalter

Dabei sein und sich vernetzen ist im digitalen Zeitalter alles. Und dennoch hat nach Angaben des Digitalverbands BITKOM jedes sechste Unternehmen noch nicht einmal eine eigene Homepage. „Der Aufbruch in die digitale Welt geht auch mit vielen kleinen Schritten“, erklärt Dirk Backofen, Leiter Marketing Geschäftskunden bei der Deutschen Telekom. „Sie können mit der Präsenz im Netz Ihren Aktionsradius einfach und kostengünstig erweitern“, sagt er.

Erfolgsbeispiele gibt es genug: Zum Beispiel die Polstermanufaktur von Inhaberin Jessica Çakir in Berlin. Dank neuer Internetpräsenz rennen die Kunden ihr heute quasi die Bude ein. Der Umsatz stieg um sagenhafte 75 Prozent.

Digital durchdacht

„Gerade kleine Firmen können mit durchdachten digitalen Strategien erfolgreicher sein als die Großen“, ist Karl-Heinz Land überzeugt. Der Autor des Buchs „Digitaler Darwinismus: Der stille Angriff auf Ihr Geschäftsmodell und Ihre Marke“ hat viele Beispiele parat: Ein Optiker verknüpft mit seiner virtuellen Warenauslage sein Fachgeschäft mit dem Webshop, Zahnärzte optimieren ihre internen Abläufe mit einer selbstentwickelten Software und vermarkten sie. Einer Galeristin gelingt es, mit ihrem Webshop eine neue, junge Zielgruppe für ihre Kunst zu gewinnen.

„Schauen Sie sich um, es gibt viele funktionierende Modelle“, weiß Land. „Man muss nicht das Rad neu erfinden.“ Häufig bringen kleine Schritte überraschende Resultate, wie bei der Raumausstatterin Jessica Çakir in Berlin. Sie weiß heute: „Man muss sich nur trauen – und machen!“

Beispiel Cewe Color: First Mover sein

Cewe Color-Chef Rolf Hollander konnte dank Digitalisierung den Online-Druck als zusätzliches und erweitertes Geschäftsfeld etablieren. Cewe Color-Chef Rolf Hollander konnte dank Digitalisierung den Online-Druck als zusätzliches und erweitertes Geschäftsfeld etablieren. (© 2015 Anje Jager/ Soothing Shade)

Es gibt wenige Unternehmen, die mit klarem Blick frühzeitig erkennen, wie digitale Produktionsprozesse die herkömmliche analoge Welt anfangs ergänzen, danach aber verdrängen werden. Wie können etwa Fotoshops überleben, wenn immer mehr Kunden auf neue Digitalkameras umsteigen und immer weniger Fotos, Alben und Kalender kaufen?

Schon 1997 hat der Fotodienstleister Cewe Color aus Oldenburg die Bedeutung des digitalen Wandels erkannt und die weltweit erste Annahmestation für digitale Bilddaten in einem Fachgeschäft aufgestellt. Folgerichtig auch der nächste Schritt: Die Entwicklung einer Bestellsoftware für Endkunden übers Web. Seit 2004 funktioniert die Onlinebestellung auch per Smartphone. Jahr für Jahr setzt die Neumüller Cewe Color Stiftung Standards bei der Einführung neuer digitaler Techniken und Produkte.

Das Ergebnis: Den Umsatzrückgang im analogen Fotogeschäft konnte das Unternehmen nicht nur kompensieren, sondern durch Zusatzangebote wie Kalender, Grußkarten und Fotobücher steigern. Zusätzlich wurde der Online Druck als erweitertes Geschäftsfeld ausgebaut, sagt CEO Rolf Hollander.

Beispiel Haufe Gruppe: Talente schneller fördern:

Markus Reithwiesner, Geschäftsführer der Haufe Gruppe, schätzt beim digitalen Talentmanagement die Schnelligkeit und Transparenz im Prozess. Markus Reithwiesner, Geschäftsführer der Haufe Gruppe, schätzt beim digitalen Talentmanagement die Schnelligkeit und Transparenz im Prozess. (© 2015 Anje Jager/ Soothing Shade)

Ursprünglich als Fachverlag in Berlin gegründet, ist die Haufe Gruppe heute zu einem Medien- und Softwarekonzern mit Sitz in Freiburg aufgestiegen. Um die eigenen Bewerbungsprozesse zu beschleunigen und Talente auch intern für neue Positionen zu finden und zu qualifizieren, setzen die Freiburger auf ein digitales Talentmanagement: Von der Bewerbung und Einstellung bis zur Weiterbildung und zum Zeugnis sind alle Schritte dank einer Software der Haufe-Tochter Umantis in einem digitalen Workflow zusammengefasst. Medienbrüche durch einen Mix aus E-Mail und Papier sind passé. Jeder Berechtigte hat dabei alle Prozessschritte im Blick.

Auch mobil lassen sich Freigaben am Smartphone bestätigen. „Wir sind damit viel schneller und transparenter geworden“, sagt Geschäftsführer Markus Reithwiesner. Auch die Mitarbeiter und Bewerber profitieren von der digitalen Transparenz: Sie werden in ihren jährlichen Personalgesprächen sowohl von ihren Vorgesetzten wie auch von ihren Kollegen bewertet. Die Software verschickt dazu automatisch Feedback-Aufforderungen. So kann jeder Mitarbeiter besser einschätzen, wo er steht.

 

 

Digitale Transformation: Welche Unternehmen setzen sich im Zuge der Digitalisierung durch? Digital Darwinist & Evangelist Karl-Heinz Land geht dieser Frage im Gespräch mit Birte Karalus auf den Grund: