Hitzewellen schlagen bei vielen Mitarbeitern auf die Konzentration, lähmen Arbeits-abläufe wie -Prozesse und drosseln insgesamt die Arbeitseffizienz im Unternehmen. Bei Temperaturen jenseits von 26 Grad müssen Unternehmen Vorsichtsmaßnahmen ergreifen.

Hitzewellen sind lebensgefährlich

Was kann Hitze schon anrichten? 2003 wurde ganz Europa von einem Jahrhundertsommer heimgesucht – mit dramatischen Folgen: In Freiburg kletterte das Quecksilber an 53 Tagen über 30 Grad. Allein in Deutschland starben in jenem Sommer 7.000 Menschen an Folgen der Hitze .

Aber auch außerhalb solcher Ausnahmesommer sind Temperaturen von über 35 Grad bei uns keine Seltenheit. Schon bei 26 Grad und mehr steigt das Risiko für das menschliche Herz-Kreislauf-System – selbst am ganz normalen Arbeitsplatz. Gerade bei direkter Sonneneinstrahlung sind Sonnenstich (Übelkeit), Hitzschlag (Bewusstlosigkeit) oder ein Kreislauf-Kollaps nicht zu unterschätzende Gefahren.

Die für normale Büro- und Geschäfts-Tätigkeit empfohlene Raumtemperatur liegt um die 21 und 22 Grad. Arbeitsschutzgesetz und insbesondere die Arbeitsstättenverordnung (gültig seit August 2004) legen Schwellenwerte fest, ab denen Arbeitgeber bestimmte Sicherheitsmaßnahmen (über Sonnenschutz hinaus) gewährleisten müssen. Sie richten sich an alle Mitarbeiter und nicht nur an besondere Personengruppen wie werdende oder stillende Mütter, ältere und gesundheitlich gefährdete Beschäftigte (Nierenkranke, Diabetiker) oder Kollegen mit bestimmter medikamentöser Behandlung:

• ab +26 bis 30 Grad (auch in Sozialräumen) sollen z. B. morgens gelüftet werden, Jalousien runter gelassen sein, nicht benötigte Geräte ausgeschaltet, Gleitzeit-Modi eingesetzt, Kleidungsregeln gelockert werden.
• +30 bis 35 Grad müssen z. B. Nachtauskühlung veranlasst sein, Jalousien schon ab morgens runter gelassen werden, nicht benötigte Geräte ausgeschaltet, Gleitzeit-Modi eingesetzt, Kleidungsregeln gelockert werden (z.B.: „Krawatte aus“).
• ab +35,1 Grad gilt das normale Büro, der Laden als Arbeitsraum ungeeignet.

mittelstand DIE MACHER fragte die Arbeitsmedizinerin Dr. Anette Wahl-Wachendorf, wie sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber in Hitze-Sondersituationen verhalten sollten. Die leitende Ärztin ist Vizepräsidentin vom Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte.

Dr. Anette Wahl-Wochendorf, Vizepräsidentin des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte Dr. Anette Wahl-Wochendorf, Vizepräsidentin des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte (© 2015 A. Wahl-Wachendorf)

Wenn die Sommer-Temperaturen extrem hochgehen: Was empfehlen Sie Unternehmern für ihre Büros, vor allem auch in Betrieben, um Sicherheit der Mitarbeiter und Effizienz ein Einklang zu bringen?

Dr. Wahl-Wochendorf: „Die wichtigsten Grundregeln im Büro, vor allem solchen ohne Klima-Anlage, sind ganz leicht umzusetzen: Morgens gut lüften, am besten Stoßlüften. Vor allem bei ansteigender Außentemperatur Fenster schließen, Jalousien runterlassen. Luftige Kleidung!

Frauen sollten auf enge Mode verzichten, stattdessen auf Baumwolle oder Leinen umsteigen. Männer, überall, wo es der Job zulässt: Jacket und auch Krawatte weglassen. Sehr wichtig: Mindestens einen Liter pro Tag mehr trinken als sonst. Wir haben z. B. bei uns in der heißen Zeit immer Leitungswasser mit Zitrone auf dem Tisch stehen. Mineralwasser oder Früchte-Tee sind natürlich genauso gut. Hauptsache viel trinken.“

Ist Hitze-Prävention persönliche Angelegenheit der Mitarbeiter - oder ist auch der Arbeitgeber in einer (gesetzlichen) Sorgfalts-Pflicht? Könnte er sich strafbar machen?

"Ja, der Arbeitgeber hat eine persönliche Sorgfaltspflicht: Zwar ist das nicht auf das Strengste nach Gradzahlen geregelt. Aber er darf die Gesundheit der Mitarbeiter nicht aufs Spiel setzen. Beispiel Dachdecker: Er sollte Mitarbeiter nicht über Stunden ohne angemessene Pausen (ohne Schatten) der prallsten Sonne aussetzen, zumal wenn sie keine Trinkpausen einlegen können. Er muss die Kollegen auch zum Tragen von T-Shirts oder einer Kopfbedeckung auffordern wenn sie diese nicht tragen."

Was kann der Chef noch tun, um ein möglichst effizientes Arbeiten zu ermöglichen?

„Hilfreich ist bei großer Hitze, die Arbeitszeiten vorübergehend zu ändern. Z. B. morgens eine Stunde früher anfangen, dafür eine Stunde früher aufhören. Oder eine längere Mittagspause einlegen, etwa im Kühlen oder Schatten. Gut für´s (Arbeits-)Klima ist übrigens auch, wenn sich der Vorgesetzte bei den Mitarbeitern einfach zwischendurch mal erkundigt: ‚Alles in Ordnung?‘ Oder die Belegschaft zwischendurch mal auffordert, Wasser oder andere Erfrischungsgetränke zu trinken- das kann auch per Mail sein ."

Sollte ein Ernstfall eintreten und ein Mitarbeiter einen Schwächeanfall erleiden: Worin besteht die wichtigste erste Hilfe?

„Mit folgenden vier Maßnahmen kann man schon eine Menge gutmachen: 1. Den Betroffenen sofort aus der Sonne raus, in den Schatten bringen. 2. Ansprechen und wachhalten. 3. Ihn in die stabile Seitenlage bringen. 4. Gegebenenfalls einen Notarzt rufen."

Stichwort Hautkrebs: Bau, Landwirtschaft und andere Betriebe, in denen unter freier Sonne gearbeitet wird: Was müssen, was sollten Arbeitgeber vorgeben, um die Mitarbeiter gegen UV-STrahlung zu schützen?

„In erster Linie ist der Schutz vor der Sonne durch entsprechende Arbeit im Schatten oder geschützt - Sonnensegel oder in die frühen Morgenstunden verlagert wichtig . In den heißen Mittagsstunden sollte eine Pause eingelegt werden. Daneben kann Sonnenschutz, d.h. eincremen an exponierten Hautstellen helfen. Hierzu beraten wir die Beschäftigten und den Arbeitgeber. Es wird besprochen was im Einzelfall an Maßnahmen erforderlich oder hilfreich ist.“

Ab 35,1 Grad ist das Büro als Arbeitsraum ungeeignet

Sobald also die Temperatur dauerhaft bei 35,1 Grad und aufwärts liegt, sind Chefs zum wirksamen Handeln verpflichtet. „Der Arbeitgeber hat eine Sorgfaltspflicht, eine Handlungspflicht. Er muss darauf achten, dass Arbeitnehmer bei Erledigung ihrer Arbeit keinen Schaden nehmen“, konstatiert Dr. Stefan Lochner, Experte für Arbeitsrecht in der Kanzlei „Beiten Burkhardt“. mittelstand DIE MACHER fragte ihn weiter:

Ab wann gerät der Arbeitgeber in ein Haftungsrisiko?

Dr. Stefan Lochner: „Der Arbeitgeber hat eine Sorgfaltspflicht gegenüber Arbeitnehmern, die auch Handlungspflichten begründen kann. Er muss bspw. darauf achten, dass Arbeitnehmer bei Erledigung ihrer Arbeit keinen Schaden nehmen. Die Schwellenwerte, bei denen der Arbeitgeber handeln muss, liegen im Büro bei 26, 30 und 35 Grad. Ab 35,1 Grad Dauer-Temperatur ist ein normales Büro nach der geltenden Arbeitsstättenverordnung nicht mehr als normaler Arbeitsplatz geeignet. Schafft es der Arbeitgeber nicht, die Temperatur unter den Schwellenwert von 35 Grad zu senken oder andere geeignete Maßnahmen zur Reduzierung der Hitzebelastung umzusetzen, kann er in ein Extremfällen sogar in ein Haftungs-Risiko laufen, etwa für den Fall, dass ein Schwächeanfall, Kollaps oder Schlimmeres kausal auf die Hitze im Büro zurückzuführen ist.“

Dürfen Arbeitnehmer bei großer Hitze ihren Arbeitsplatz verlassen?

„Ja, und zwar unter folgenden Voraussetzungen: Liegt die Temperatur am Arbeitsplatz anhaltend über 35 Grad, muss der Arbeitnehmer zum Chef gehen und ihn auffordern, dafür zu sorgen, dass die Temperatur unter 35 Grad fällt oder andere geeignete Maßnahmen zur Reduzierung der Hitzebelastung ergriffen werden. Wenn der Chef entweder nicht reagiert oder nur wirkungslose Maßnahmen ergreift, hat der Mitarbeiter ein sogenanntes ‚Zurückbehaltungsrecht’. Heißt, er hat dann das Recht, sich selbst Linderung zu verschaffen, sich selbst vor möglichen Hitze-Folgen für seine Gesundheit zu schützen, indem er den Arbeitsplatz verlässt. Das ist dann auch keine Pflichtverletzung. In diesem Fall darf der Arbeitgeber den Lohn übrigens nicht kürzen. Und: Etwaige Abmahnungen oder Vergleichbares sind rechtsunwirksam.“

Wie kann der Arbeitgeber jedes Haftungs-Risiko ausschließen?

„Entweder indem er die Temperatur am Arbeitsplatz unter die kritische Schwelle von 35 Grad bringt und hält. Oder indem er andere geeignete Maßnahmen zur Reduzierung der Hitzebelastung ergreift, z. B. vorübergehend während der Hoch-Temperatur-Phase nach spanischem Vorbild sehr lange Mittagspausen einführt, etwa von halb zwölf bis halb vier. Auf Nr. Sicher geht der Chef, wenn er betroffene Mitarbeiter nach Hause schickt. Dann ist er außerhalb jeden Haftungs-Risikos und läuft nicht Gefahr, sich in einem gravierendem Fall einer Gesundheitsschädigung durch Hitze u. U. sogar strafbar zu machen.“

Bei der Einleitung bzw. Umsetzung der Maßnahmen zur Senkung der Temperaturen am Arbeitsplatz sollten Unternehmen in folgender Reihenfolge vorgehen:

  • technische Maßnahmen realisieren: Ventilatoren aufstellen, Luftbefeuchter einsetzen, Jalousien oder Markisen vor den Fenstern montieren, Sonnenschutz-Fenster einbauen, Klimaanlagen installieren
  • organisatorische Maßnahmen implementieren: Stoßlüften gleich morgens gehört dazu, wie auch kurzzeitiges Querlüften (gegenüberliegende Fenster und Türen komplett öffnen). Geräte oder Maschinen vorübergehend abschalten, die neben der Außenwärme für zusätzliche Hitze am Arbeitsplatz sorgen: Computer, Drucker, Scanner, Lampen, alle nicht gebrauchten Maschinen. Konsequent Pausen einlegen (z.B. ab 35 Grad: 15 Minuten pro Stunde)
  • personenbezogene Maßnahmen veranlassen: viel trinken, kaltes Wasser über Handgelenke laufen lassen, keine ‚schweren’ Mahlzeiten zu sich nehmen (belastet Herz, Kreislauf, Verdauung), wenn möglich sommerliche Kleidung tragen, besondere Gleitzeitregegelungen ergreifen, Mitarbeiter nach Hause schicken

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