Eine Zeitung nannte "Dress and Friends": „eine Art Facebook für den Kleiderschrank" . Die Company selber beschreibt sich so: virtueller Kleiderschrank, soziales Modenetzwerk und Marktplatz.  Markus Römer, Gründer und CEO von "Dress and Friends" erzählt, wie die Unternehmensidee geboren wurde: „Eine Freundin von uns hatte das typische Problem wie wohl die Hälfte aller Leute – sie stand vor ihrem vollen Kleiderschrank und kam zu dem Schluss: ‚Ich hab nix anzuziehen.’

Vor einer anstehenden Hochzeit flogen dann auf den Smartphones die verschiedenen Outfits solange hin und her, bis eins passte. Das war´s: Wir recherchierten andere Apps, befanden: Für dieses Phänomen gibt es einen Markt. Wir beschlossen, dieses Bedürfnis in ein Geschäftsmodell zu gießen, es zu kommerzialisieren.“

mittelstand DIE MACHER: Wie ging es dann weiter?

Markus Römer: „Zu allererst ging es mal um die Finanzierung: Um das Anfangs-Startkapital zu sichern, verkauften wir unsere Autos. Wir sind Gründer aus Leidenschaft. Dann verfeinerten wir das Geschäftsmodell, mussten die Differenzierung herausarbeiten. Wir dachten an strategische Investoren, Kooperationen, an die Arrondierung durch zusätzliche Mehrwerte. So pitchten wir um einen der begehrten Plätze bei Collision Conference in Las Vegas – dieser Start-up-Hub für den US-Markt.“

Mt vier Freunden gründete Markus Römer das Mode-Social-Medium "Dress and Friends". Mt vier Freunden gründete Markus Römer das Mode-Social-Medium "Dress and Friends". (© 2015 M. Römer)

Worin bestand Ihr Haupt-Gewinn? Welche Inspiration brachten Sie wieder mit?

Markus Römer: „Natürlich ging es uns auch darum, Investoren zu finden. Haben wir auch. Wir wurden uns sogar schon mit einem potenziellen Investor einig über eine Summe im siebenstelligen Bereich. Haben uns aber dann doch dagegen entschieden. Weil wir uns zu sehr hätten binden bzw. festlegen müssen. Aber das wichtigste Learning von Silicon Valley liegt im Immateriellen: Das Valley hat uns folgendes gelehrt: Wir haben gelernt, uns nicht nur als Bittsteller zu verstehen, als jemand, der um Venture Capital pitchen muss. Sondern wir haben unseren Wert als Gründer zu schätzen gelernt, der Investoren Möglichkeiten eröffnet, mit lukrativen Geschäftsmodellen Geld zu verdienen. Wir sind mit einer gewissen Schere im Kopf hingereist, nämlich ‚Bittsteller’ zu sein – und wir sind mit dem neuen Selbstwertgefühl zurückgeflogen, ‚Enabler’ zu sein. In diesem mindshift liegt ein kapitaler Mehrwert! Dazu gehört auch gesundes Maß an Respektlosigkeit gegenüber den Großen auf Investorenseite. Heute wissen wir: Wenn die Idee taugt, spielt man auf Augenhöhe. Das ist gut für´s Geschäft.“

Muss man sich Silicon Valley als einen Marktplatz vorstellen?

„Gewissermaßen ja, jedoch ist dieser Marktplatz mehr als überfüllt. Es gibt zahlreiche Startups und Investoren und man muss wissen, wo man diese findet und vor allem: wie man sich platziert. Gerade die Ansprache von Investoren ist nicht so einfach. Es ist die erste Hürde. Wenn man dann aber mal im Gespräch ist, erhält man eine gewisse Aufmerksamkeit und dadurch steigt bestenfalls der eigene Wert bzw. die Nachfrage durch Investoren. Das Valley ist ein dichtes, riesiges Netzwerk in das man eindringen muss, obgleich um strategische Partner, qualifiziertes Personal, oder natürlich VCs und Angels zu überzeugen. Und je höher die eigene Präsenz und dichter das eigene Netzwerk, desto größer der eigene Wert.“

Lohnt sich der Ausflug dorthin generell? Was sind die Benefits, selbst wenn man letztlich keinen Investor angelt?

„Ja es lohnt sich! Die Learnings und die Kontakte sind unglaublich wertvoll. Es gibt einen Silicon-Valley-Spirit – und der ist überall und zu jeder Uhrzeit spürbar. Man kann immer was lernen: täglich finden Pitch-Events statt (hier muss man sich meistens anmelden oder bewerben, wenn man selbst pitchen will), in den Cafés arbeiten und treffen sich Startups (mein Tipp: Philz Coffee), an jeder Ecke gibt es Coworking Spaces (sollte man auf jeden Fall aktiv – nicht passiv! – besuchen) und natürlich können zahlreiche Vorträge von Größen der Szene besucht werden. Am Ende liegt es an einem selbst, ob man zum Sightseeing oder zum Networking ins SV reist. Ein Foto am Uber Headquarter ist eine schöne Erinnerung, aber ein Gespräch im Uber HQ kann unter Umständen die Zukunft deines eigenen Unternehmens verändern.“

Wie funktioniert Kapitalbeschaffung in Silicon Valley? Wie, wo, wann trifft man Investoren?

„Regel 1: Man benötigt einen Türöffner, also jemanden, der einen empfiehlt oder persönlich vorstellt („You should talk“). Dementsprechend ist es wichtig ein großes (qualifiziertes) Netzwerk aufzubauen und dabei deutlich seine Absicht zu kommunizieren. Die Leute müssen wissen, dass man auf der Suche nach Investoren ist. Es kann übrigens nie schaden, direkt nachzufragen, ob sie jemanden kennen, der jemanden kennt, oder ob Sie eine Veranstaltung empfehlen können. Übrigens herrscht im SV ein sehr guter, offener Austausch zwischen den Startups, sodass man den Eindruck hat es wird einem gerne weitergeholfen. Dies gilt auch für potenzielle Investoren, d.h. sollte man beispielweise einen Investor treffen, dieser jedoch kein Interesse haben, so darf man ruhig nachfragen, ob er dennoch einen potenziellen Interessenten oder strategischen Partner kennt.

Regel 2: Im SV funktioniert alles auf einer persönlichen Ebene.
Eine 'kalte' Ansprache per Mail oder Kontaktformular ist, glaube ich, reine Zeitverschwendung (wobei natürlich nichts unversucht bleiben sollte). Anders ist es, wenn ein Investor vor einem steht, obgleich in einem Café, Coworking Space oder auf einer Veranstaltung. Hier sollte man die Gelegenheit nutzen und pitchen. Sprich: Man hat 1 Minute, um zu überzeugen, d.h. vorbereitet zu sein ist absolute Voraussetzung.

Es finden regelmäßige Veranstaltungen statt, auf denen Investoren inkognito oder angekündigt auftreten, wobei hier dann natürlich zahlreiche Startups vor Ort sind. D.h. wer sich hinten anstellt, verliert! Zudem kommt, dass die „besseren“ Events Eintritt bzw. eine Teilnahmegebühr kosten (zwischen 30 und 100 Dollar), sodass man sich sehr gut überlegen sollte, welche man besucht und ob man tatsächlich vom Inhalt der Veranstaltung (oder dem Netzwerk) profitieren kann, obgleich man mit einem Investor ins Gespräch kommt oder nicht.“

Sind deutsche Unternehmen gefragt?

„Auch im SV genießt der Deutsche einen gewissen Ruf. Wir sind fleißig, zielstrebig und pflichtbewusst. Außerdem arbeiten wir effizient und erfolgsorientiert. Dementsprechend ist der deutsche Unternehmer als Persönlichkeit durchaus gefragt, wobei dies nicht unbedingt für deutsche Startups gilt. Ein US Investor investiert ungern in eine deutsche Gesellschaft (UG, GmbH, etc.). Das heißt, es sollte mindestens eine Inc. bestehen, die als Muttergesellschaft fungieren könnte und gleichzeitig sollten alle Verantwortlichen des Unternehmens bereits in USA leben, oder zumindest bereit sein, zuzuziehen. Dies führt dazu, dass man sich als Startup ggf. umorientieren muss. Warum? Ein US Investor will mit dem Fahrrad zum HQ fahren und jederzeit eingreifen können. Zudem spielen natürlich auch steuerliche und rechtliche Hintergründe eine Rolle.
Gleichzeitig eröffnen immer mehr US VCs einen Standort in Europa, um eben auch in europäische Unternehmen zu investieren, auch wenn (noch) in einer viel späteren Phase. Dadurch verändert sich m. E. die Offenheit gegenüber ausländischen Startups.“

Keine Angst, dass die Idee geklaut wird?

„Natürlich hat man Angst, dass einem die Idee geklaut werden könnte, gerade wenn diese bereits über den Ideenstatus hinaus gewachsen und evaluiert ist. Hinzu kommt, dass im SV viele qualifizierte Entwickler leben und die Kapitalakquise anscheinend einfacher wie in Europa ist. Aber wie heißt es so schön: ‚Eine Idee ist nur so viel wert wie Ihre Umsetzung und das Team dahinter.’ Dementsprechend sollte man sich zwar genau überlegen, was man über das eigene Unternehmen oder Vorhaben erzählt, aber dennoch so offen wie möglich mit dem gegenüber sprechen, um qualifiziertes Feedback zu erhalten. In einem Erstgespräch müssen ja nicht unbedingt alle wesentlichen USPs erläutert werden, aber sobald man „live“ ist, gibt es eigentlich nichts zu verstecken. Entscheidend ist m.E., mit wem man sich unterhält, bzw. vor wem man pitcht. Einem direkten Konkurrenten würde ich auch nicht alles erzählen, aber gleichzeitig würde ich versuchen, alles über Ihn zu erfahren. Einem Investor muss man zwangsläufig mehr, oder andere Dinge erzählen, um von sich zu überzeugen. Einem potenziellen Strategischen Partner versucht man die Vorteile einer Zusammenarbeit zu erläutern.

Zusammenfassend sollte man immer offen mit der eigenen Idee umgehen, um gutes Feedback zu erhalten, gleichzeitig jedoch verschiedene Faktoren berücksichtigen. Fragen wie ‚Besteht bereits eine Vertrauensbasis?’, ‚Sind gewisse Infos wichtig, um beispielsweise die notwendige Aufmerksamkeit zu wecken, oder selbst Informationen zu erhalten?’ oder ‚Wie wichtig ist der Gegenüber für mich?’ kann man in der Regel bereits vor oder auch im Laufe einer Unterhaltung beantworten.“

Worin besteht Ihr Geschäftsmodell?

„Wir bieten Unternehmen der Fashion Industrie (Labels, Designer, Retailer) – egal ob klein, groß, neu, etabliert – in einem vertikalen, sozialen Netzwerk die Möglichkeit, qualitative Reichweite zu generieren und gezielt zu interagieren, bzw. zu werben.
Dabei liegt der Fokus zunächst auf dem User bzw. dem User-Erlebnis, der nicht durch unerwünschte Beiträge „gespamt“ werden soll, sondern das Gefühl erhält perfekt und individuell beraten zu werden, sofern er das überhaupt möchte (wir legen sehr großen Wert auf die Privatsphäre).
Die Mission ist also, unseren Algorithmus kontinuierlich weiterzuentwickeln, um die Bedürfnisse der User, aber auch der Werbetreibenden perfekt zu „matchen“.

Wie geht´s jetzt weiter?

„Neben der technischen Weiterentwicklung der Applikationen (iOS und Android) wollen wir natürlich die Plattform weiterhin bekannt machen. Dementsprechend starten wir demnächst verschiedene Werbekampagnen in den unterschiedlichen Zielmärkten. Auch werden wir neue Funktionen implementieren, die neue Zielgruppen ansprechen und folglich die Vielfältigkeit von Dress and Friends steigert. Unsere Vision ist die weltweit führende Informations- , Inspirations- und Austausch-Plattform für Fashion zu werden.

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