Sir Simon Rattle mit seinem markanten, weißen Lockenkopf betritt schwungvoll die Bühne. Tosender Applaus für den Chefdirigenten brandet ihm aus der voll besetzten Berliner Philharmonie entgegen. Die Kamera fährt einen Zoom auf den Fagottspieler, eine Totale auf die Bratschen. Der Schlagzeuger erscheint jetzt in Nahaufnahme, im Hintergrund die Posaunenspieler und Violinisten. Ein Schwenk zurück auf den Dirigenten, er ist im Bild ganz nah – und völlig in seinem Element. Zuschauer und Zuhörer erleben das Erste Konzert des Brahms/Schumann-Zyklus.

So nah kommen aber Klassik-Fans dem berühmten Orchester niemals in echt. Im Internet ist das anders, dank des Streaming Angebots der Digital Concert Hall (DCH). Mit hochaufgelöstem Bildschirm und Lautsprecher mit Spitzenklang sind die Streicher und Posaunen ein wahrer Augen- und Ohrenschmaus für zu Hause – oder auch für unterwegs auf dem Tablet und Smartphone.

Genau das war der Plan von Olaf Maninger, Medienvorstand der Berliner Philharmoniker und Geschäftsführer der Berlin Phil Media GmbH. Der gelernte Cellist wollte nicht weniger, als die klassische Musik aus der Nische heraus und mitten ins Leben holen. Sie sollte für alle, die Schuhmann oder Beethoven genießen wollen, nur einen Mausklick weg sein: registrieren, Ticket oder Abo wählen, einloggen, Live-Konzert oder eines der zahlreichen Streaming-Konzerte aus dem Archiv von 320 Mitschnitten auswählen und los geht’s. Den einmaligen Musikgenuss gibt es für 9,90 Euro, das Monatsabo für 14,90 Euro.

Lässt sich damit Geld verdienen?

Klassik meets Internet. Geht das überhaupt? Lässt sich im Internet damit Geld verdienen? Die Zahlen sprechen für sich: Zwischen Tokio und Los Angeles gibt es inzwischen 550.000 Fans und rund 20.000 zahlende Kunden. Der Ton kommt in CD-Qualität über die Leitung, das Bild kann man je nach Endgerät in sechs verschiedenen Auflösungen empfangen.

Aber wie kommt eine renommierte Philharmonie aus der Alten Welt auf die Idee, sich zu digitalisieren? „Auf einer Asien-Reise erlebten wir, wie 40.000 Menschen die Live-Übertragung unseres Konzerts auf einer Leinwand auf einem öffentlichen Platz mit verfolgten“, erzählt Medienvorstand Maninger von seinem Aha-Erlebnis. „Danach überlegten wir, wie wir unsere Konzerte sowohl live als auch auf Abruf online verfügbar machen könnten. Und das in einer optimalen Bild- und Tonqualität.“

Anfang 2009 war die Technik freilich noch nicht so weit wie heute. Doch die Berliner Philharmoniker sind bekannt für ihre Aufgeschlossenheit: Schon die 1963 eröffnete neue Scharoun Philharmonie gilt als Pionier der Raumakustik. Ab 1980 ließ Chefdirigent Herbert von Karajan die Philharmoniker das digitale Aufnahmeverfahren als eines der ersten Orchester testen und sorgte dafür, dass Kameras und Tonstudios für Übertragungen eingebaut wurden. Es brauchte dennoch ein wenig Überzeugungsarbeit, schließlich sind herangezoomte Live-Streamings doch etwas anderes als die gewohnten Radio- oder Fernsehaufnahmen. Letztlich machten alle Musiker mit.

test Chefdirigent Sir Simon Rattle eröffnete am 6. Januar 2009 offiziell die Digital Concert Hall mit dem ersten Parallel-Konzert in der Off- und Online-Welt. (© 2015 AstroStar/Shutterstock)

Mobiler Zugang spielt eine immer größere Rolle

„Von Vorteil ist auch, dass wir seit der Gründung der Stiftung Berliner Philharmoniker im Jahr 2002 unsere eigenen Chefs im Haus sind und frei entscheiden können“, sagt Maninger. So besorgte sich die Stiftung die allerneusten Maschinen, um Klänge und Bilder zu digitalisieren. Die Technik entwickelte sich so schnell weiter, dass schon nach drei Jahren das ganze Videostudio ausgewechselt werden musste. „Heute haben wir eine absolut perfekte Senderqualität im Internet“, schwärmt Maninger. Jede Saison werden 40 Live-Konzerte in bester HD-Qualität im Web übertragen.

Immer mehr Abonnenten loggen sich mobil ein, inzwischen rund ein Drittel. Die entsprechenden Apps für den Konzertsaal können sie kostenlos laden. Damit auch Freunde der klassischen Musik in anderen Zeitzonen zu angemessenen Uhrzeiten auf ihre Kosten kommen, stehen die Live-Mitschnitte wenige Tage später im Archiv, zusammen mit historischen Aufnahmen von Konzerten mit Herbert von Karajan und Claudio Abbado, Dokumentarfilmen und kostenlosen Interviews mit Dirigenten und Solisten. Eine ausverkaufte Vorstellung oder eine weite Anreise ist für Klassik-Fans heute kein Thema mehr.

Wie funktioniert die Technik?

  • Fest installierte und ferngesteuerte Mikrofone und Kameras fangen Bild und Ton ein. Die Techniker im Studio führen die Regie.
  • Der Stereoton wird bei 48 Kilohertz und mit 24 Bit aufgenommen und in AAC-Kodierung mit einer Datenrate von 256 Kilobit pro Sekunde übertragen.
  • Sieben hochauflösende Kameras (H.264-Standard) sind rund um das Orchesterpodium montiert und vermitteln ein authentisches Konzerterlebnis.
  • Je nach Internet-Anschluss stehen sechs Übertragungsqualitäten zur Wahl – ohne Bild- und Tonstörung.

BERLINER PHILHARMONIKER

Sie gelten als eines der weltweit führenden Ensembles mit derzeit 128 Musikern. 1963 eröffnete die von Hans Scharoun konzipierte neue Berliner Philharmonie. Heute ist sie akustisches Vorbild für Konzerthäuser in aller Welt. Seit der Ära Herbert von Karajans nutzen die Philharmoniker alle aktuellen Möglichkeiten der Tontechnik aus.