Herr Schmidt, ein Kapitel Ihres Buchs widmen sie dem Thema „Digitale Jobs der Roboter“. Viele Menschen sind verunsichert und glauben, dass Roboter massenweise ihre Jobs wegrationalisieren. Wie sehen Sie das?

Buchcover von Buch „Deutschland 4.0: Wie die Digitale Transformation gelingt“. Buchcover von Buch „Deutschland 4.0: Wie die Digitale Transformation gelingt“. (© 2016 Springer)
Holger Schmidt: Keine Frage, Roboter werden für die Menschen vor allem körperlich schwere, aber auch sich stetig wiederholende Routinetätigkeiten erledigen. Das geschieht erstmals nicht nur in den Fabriken, sondern auch in den Büros, in denen „händische Datenverarbeitung“ von intelligenter Software übernommen wird. Die Menschen sollten sich darauf vorbereiten: Weiterbildung ist der Schlüssel, um die eigene Arbeit kreativer zu machen. Denn darin sind die Menschen den Maschinen noch eine sehr lange Zeit überlegen.

Roboter können inzwischen mehr als monotone Routinearbeiten erledigen. Was bislang Menschen vorbehalten war, etwa die visuelle Wahrnehmung, das räumliche Denken und die Geschicklichkeit, beherrschen sie nun auch. Nehmen uns die Roboter langfristig auch die anspruchsvollere Arbeit weg?

Holger Schmidt: Die künstliche Intelligenz hat in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht, auch wenn noch viel zu tun bleibt. „Machine Learning“ heißt eine Disziplin, deren Name schon das Wesentliche verrät: Die Maschinen können Dinge, die sie von den Menschen gelernt haben, selbständig anwenden. Davor sollten wir aber keine Angst haben, sondern uns über die Chance freuen, die gewonnene Zeit für andere sinnvolle Dinge einzusetzen. So entsteht Fortschritt.

Geraten Unternehmen, die auf Roboter verzichten, schnell ins Hintertreffen gegenüber ihren Wettbewerbern, die sie einsetzen?

Holger Schmidt: Global gesprochen sind es vor allem China, die USA, Südkorea und Deutschland erhöhen ihre Investitionen in Roboter deutlich. Diese Länder werden ihre Arbeitsproduktivität merklich ausbauen – und der Rest fällt zurück. Mit einem Verzicht auf Roboter würden wir unsere führende Rolle als Industrienation schnell aufs Spiel setzen“

China hat in seinem neuen Fünf-Jahresplan festgelegt, dass es die Roboternation der Welt werden will – und das bei dem ohnehin niedrigen Lohnniveau. Was bedeutet das für Deutschland?

Holger Schmidt: China hat den größten Druck, weil Roboter seinen Lohnkostenvorteil eliminiert. Zum Beispiel fertigt Adidas zum ersten Mal seit 23 Jahren wieder Turnschuhe in Deutschland. In der Fabrik arbeiten natürlich nur Roboter und 3D-Drucker, beaufsichtigt von Technikern. China muss seine Rolle als Werkbank der Welt verteidigen. Wir können nur gewinnen. Aber dafür müssen wir ebenfalls investieren, auch außerhalb der Autoindustrie.

Wie können mittelständische Unternehmen es schaffen, Mensch und Maschinen intelligent zusammenarbeiten zu lassen?

Holger Schmidt: Digitalisierung bedeutet mehr als „Industrie 4.0“, worunter meist die Vernetzung der Fabriken verstanden wird. Mittelständler haben daher die gleichen Startvoraussetzungen wie die Großen, nämlich ihre Produkte an den Kundenwünschen auszurichten, sie zu digitalisieren und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Sie sollten nur nicht den Fehler machen, sich mit 20 Prozent Effizienzgewinn durch Industrie 4.0 zufrieden zu geben. Das ist keine Digitalisierung.

Warum fällt es vielen Unternehmen in Deutschland so schwer, den technischen Wandel durch die Digitalisierung anzunehmen?

Holger Schmidt: Deutschland liegt bei der Adaption digitaler Technologien fast überall am Ende vergleichbarer Ländern. Das gilt für Konsumenten, zum Beispiel beim Thema Virtual Reality, ebenso wie für Unternehmen beim Thema Cloud Computing. Die Gründe sind vielschichtig. „German Angst“ gehört dazu, eine gesunde Skepsis sicher auch. Allerdings sollten wir in den ersten 20 Jahren der Digitalisierung gelernt haben, dass übergroße Vorsicht zum Verlust vieler Märkte beigetragen hat. Die Amerikaner oder Asiaten waren mutiger und haben viele Märkte besetzt. Diesen Mut sollten wir nun auch zeigen, um die für Deutschland wichtigen bevorstehenden Digitalmärkte für das selbstfahrende Auto oder das Internet der Dinge zu gewinnen.

Was fasziniert Sie persönlich beim Thema Roboter?

Holger Schmidt: Roboter sind in der Lage, die jahrzehntelang geübte Praxis der weltweiten Arbeitsteilung zu ändern. Eine Auslagerung in Billiglohnländer ist nicht mehr nötig; wir werden künftig wieder mehr am Ort des Konsums produzieren, was hoffentlich auch die CO2-Emissionen des Transports nachhaltig senkt. Es sind diese Struktureffekte, die ich sehr spannend finde.

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