Es ist nicht zu hoch gegriffen, das vergangene Jahr als Wegmarke in der digitalen Transformation des Mittelstands zu sehen. Mit großen Schritten sind mittelständische Unternehmen derzeit dabei, ihr Image als Digitalisierungsverweigerer abzustreifen. Schlafmützig, reformfaul, einfach noch nicht weit genug – diese Schlagworte prägten lange das öffentliche Bild und viele Studien über den Digitalisierungsgrad des Mittelstands. Wie vielen Unternehmern auch geht mir diese Schwarzmalerei seit Langem auf die Nerven.

"Wenn ich unsere Kunden besuche, treffe ich durch die Bank hochengagierte Unternehmer, die seit jeher auf höchste Qualität und Kundenorientierung setzen. Und die alles tun, um in der zweiten Halbzeit der Digitalisierung auf der Siegerseite zu stehen."

Hagen Rickmann

Geschäftsführer Geschäftskunden­ Telekom Deutschland GmbH

Hagen Rickmann Hagen Rickmann (© 2017 Deutsche Telekom)

Diese Haltung lässt sich mit Zahlen belegen. Die Telekom hat, zusammen mit den Analysten von techconsult, den digitalen Reifegrad im deutschen Mittelstand untersucht. Das Ergebnis: Der Mittelstand ist weit digitaler, als viele denken. Fast drei Viertel (72 Prozent) der befragten Unternehmen bewerten die Digitalisierung als bedeutend für ihre Firma und Branche. Nahezu die Hälfte (46 Prozent) setzen Transformationsprojekte um. Die Unternehmen haben die Dringlichkeit erkannt – viel mehr aber noch die Möglichkeiten: 53 Prozent versprechen sich mehr Innovationskraft, 54 Prozent wollen neue Kunden und Märkte erschließen.

Jedoch bleibt auch 2017 noch viel zu tun. Denn natürlich sind nicht alle Unternehmen so digital, wie sie sein sollten. Und noch mehr sind nicht so digital, wie sie sein könnten. Es stellt sich die Frage, warum das so ist. Nach vielen Gesprächen mit Kunden, aber auch mit Startups und Internet-Konzernen im Silicon Valley, sehe ich drei große Herausforderungen, die die digitale Transformation hemmen, verzögern oder in die falsche Richtung leiten können.

Es sind: die Wucht, aber auch das Potential der Veränderung nicht zu erkennen. Zuviel auf einmal zu wollen, statt Schritt für Schritt vorzugehen. Digitalisierung als reines Technikprojekt zu sehen statt als einen tiefgreifenden unternehmerischen Wandel, der ein ganz anderes Denken erfordert.

Energie aus der Cloud

Das Familienunternehmen Mundt beliefert seine Kunden seit mehr als fünfzig Jahren mit Energie. Irgendwann musste die Firma aufgrund ihrer Expansion in ein größeres Gebäude umziehen. Dabei entschied sich Mundt gegen ein eigenes Rechenzentrum im Keller – und für die Private Cloud der Telekom. Die gesamte Serverinfrastruktur wurde in ein Rechenzentrum der Telekom verlagert, mit OctopusNetPhone wurde eine Telefonanlage mit vielen neuen Funktionen eingerichtet. Ob Kassen auswerten, auf Kundendaten zugreifen – die Cloud hat die internen Prozesse bei Mundt enorm beschleunigt. Wächst das Unternehmen weiter, kann auch die Telefonanlage einfach mitwachsen. Kurz: Ausgehend von einem eher traditionellen Problem – wie soll das Rechenzentrum nach dem Umzug aussehen? – erkannte Mundt das Potential der Digitalisierung und ergriff die Gelegenheit, mit der Neuorganisation der IT auch gleich alle anderen Prozesse effizienter und kundennäher zu machen.

Um auf Erfolgskurs zu bleiben suchte Mundt-Chef Helmut Klaassen-von Nitzsch eine Cloud-Lösung, die die eigene Server-Landschaft ersetzt. Die IT-Abteilung sollte dabei entlastet werden, die Mitarbeiter an allen Standorten auf Firmendaten zugreifen können. Um auf Erfolgskurs zu bleiben suchte Mundt-Chef Helmut Klaassen-von Nitzsch eine Cloud-Lösung, die die eigene Server-Landschaft ersetzt. Die IT-Abteilung sollte dabei entlastet werden, die Mitarbeiter an allen Standorten auf Firmendaten zugreifen können. (© 2017 Jan Greune)

Das heißt nicht, alles auf einmal umzukrempeln. Jeden Tag erreichen uns Dutzende Nachrichten von technologischen Innovationen – und es wäre fatal, jeder Neuerung unbesehen hinterherzulaufen und zu versuchen, alles umzusetzen, nur weil es irgendwie digital klingt. Nicht alles, was im Silicon Valley erdacht und erfunden wird, ist auch für ein mittelständisches Unternehmen in Deutschland sinnvoll oder praktikabel. Der kluge Innovator bewertet – und betreibt den Wandel mit Augenmaß. Effizient, pragmatisch und mit klarem Fokus auf der Frage: Was bringt es mir für mein eigenes Geschäft?

Gemüselieferung mit GPS

Der Gemüselieferant Novum etwa überzeugt seine Kunden seit Jahren mit seinem Angebot an Bio-Obst und –Gemüse von regionalen Erzeugern, die in einer Kiste bis vor die Haustür geliefert werden. Novum wollte die Routen seiner Auslieferer weiter optimieren und zusätzlich die internen Abläufe schlanker und schneller machen. Ein klares Ziel – mit einer klaren digitalen Lösung: Novum stattete die Lieferfahrzeuge mit einer M2M-Lösung aus; die Busse senden Informationen zu Geschwindigkeit, Stand- und Fahrtzeiten an die Zentrale. Mit den aktuellen Daten werden die Routen optimiert, das Unternehmen spart Zeit, Geld und schont zudem die Umwelt. Eine neue Telefonanlage und ihre Verknüpfung mit dem CRM-System steigerte zusätzlich die Produktivität. Zwei kleine, aber extrem effektive Schritte auf dem Weg der digitalen Transformation. Der damit natürlich längst nicht zu Ende ist – aber eben Step by Step beschritten wird.

Digitaler Champion: Die Kunden von Novum können am heimischen Rechner online sehen, wo sich der Fahrer befindet und wann die Frische-Kiste bei ihnen zu Hause eintreffen wird. Digitaler Champion: Die Kunden von Novum können am heimischen Rechner online sehen, wo sich der Fahrer befindet und wann die Frische-Kiste bei ihnen zu Hause eintreffen wird. (© 2017 Eric Remann)

Digitalisierung ist mehr als nur Technologie

Die wichtigste Herausforderung aber ist nicht an ein bestimmtes Produkt oder ein organisatorisches Problem geknüpft. Sie ist mir auf der Reise, die wir im vergangenen Herbst mit einigen Kunden ins Silicon Valley unternahmen, noch einmal sehr deutlich bewusst geworden: Digitalisierung ist mehr als nur Technologie. Wer sie erfolgreich meistern will, muss die Art und Weise ändern, wie er denkt und sein Geschäft organisiert. Digitalisierung ist vor allem: Kulturwandel. In Kalifornien konnten wir live erleben, wie Dinge angepackt werden, anstatt lange zu analysieren. Wie Fehler gemacht wurden, und aus den Fehlern Großartiges entstand. Wie einfach mal ausprobiert wurde. Eben: Digitalisierung einfach machen.

Das ist eine Frage des Wollens, nicht des Könnens. Und deshalb ist diese dritte Herausforderung der Digitalisierung vielleicht die schwierigste, weil sie am wenigsten greifbar ist, sich am schlechtesten in Charts und Tabellen giessen lässt. Aber sie ist auch die wichtigste. Denn ohne ein Denken in den Kategorien des permanenten Wandels bleibt auch der schönste Umbau der IT-Struktur nur Stückwerk. Die Telekom unterstützt ihre Kunden auf diesem Weg, wo sie kann. Mit Analysen, Produkten, Strategien. Doch den wichtigsten Schritt, die Entscheidung zum kulturellen digitalen Wandel – den muss jedes Unternehmen und jeder Unternehmer von sich aus tun.

Weiterführende Links zum Artikel

Digitalisierungsindex Mittelstand - Wo stehen Sie mit Ihrer Firma?

Digitaler Wandel im Mittelstand: Ein E-Magazin der Telekom Deutschland (Ausgabe April 2016)

Digitaler Wandel im Mittelstand: Ein E-Magazin der Telekom Deutschland (Ausgabe Dezember 2016)

Novum: Gemüse mit GPS

TelekomCLOUD: Wenn die Server ausziehen

Hagen Rickmann: "Mehr Beratung wagen"