Dennoch geben in einer Studie der Mittelstandsinitiative der Commerzbank, "Management im Wandel: Digitaler, effizienter, flexibler!", unter 4 000 Führungskräften zwei von drei Befragten offen zu, dass sie sich nicht ausreichend darum kümmern, sondern erst einmal die Konkurrenz beobachten.

Erst jedes sechste Unternehmen zählt sich zu den digitalen Vorreitern. Sie setzen erfolgreich auf neue Trends der Digitalisierung, etwa um Wertschöpfungsketten zu vernetzen oder Produkte zu individualisieren.

"Mut zum Ausprobieren ist das beste Rezept, um den digitalen Wandel im Unternehmen erfolgreich zu managen", erklärt Markus Beumer, Vorstand der Commerzbank und verantwortlich für das Mittelstandsgeschäft.

Digital aktiv sind nur knapp 30 Prozent der Mittelständler, fanden auch die Unternehmensberater Christian Hoffmeister und Yorck von Borcke bei Befragungen heraus. "Das Thema Digitalisierung ist im Mittelstand präsent, aber bei der Umsetzung hakt es noch", sagt von Borcke. Viele Firmen wissen offenbar nicht, wo sie anfangen sollen.

Helfende Hand: Die Firma KUKA zeigt den Leichtbauroboter LBR iiwa (intelligent industrial work assistant). So lassen sich beispielsweise Kommissionierarbeiten sinnvoll zwischen Mensch und Maschine aufteilen. Helfende Hand: Die Firma KUKA zeigt den Leichtbauroboter LBR iiwa (intelligent industrial work assistant). So lassen sich beispielsweise Kommissionierarbeiten sinnvoll zwischen Mensch und Maschine aufteilen. (© 2015 KUKA)

"Unternehmer müssen sich drei Fragen stellen", sagt Telekom-Manager Rickmann. "Wie lässt sich durch die Digitalisierung das Kundenerlebnis deutlich verbessern? Wie kann ich Prozesse in der digitalisierten Welt transparenter machen und optimieren? Und wie kann ich über die digitalen Kanäle meine Wertschöpfung erweitern und mein Geschäftsmodell öffnen?"

Und es sind alle Branchen betroffen: Die Digitalisierung breitet sich zeitverzögert in allen Kernindustrien aus, stellt Frank Deburba, Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Infront in Hamburg, fest.

"Alle Dienstleistungsbranchen, die leicht zu digitalisieren waren, wie Musik, Film und Medien, hat sie bereits massiv verändert."

Das belegt auch eine 2014 von Infront gemeinsam mit der Zeitschrift Capital durchgeführte Studie. In der Analyse "Digitale Transformation in deutschen Kernindustrien" nahmen die Berater die Geschäftsmodelle verschiedener Branchen unter die Lupe.

Im Zentrum der Veränderung steht vor allem der Handel, der noch mitten in der Neugestaltung seines Geschäftsmodells steckt. "Hier ist noch nicht klar, in welche Richtung das gesamte Geschäftsmodell geht", erklärt Deburba. "Viele Händler sind der Meinung, dass weder der reine Onlinehändler überleben wird noch der mit dem rein stationären Handel, sondern dass es eine Kombination von beiden unter dem Stichwort 'Omnichannel' sein müsse. Wie genau, weiß aber noch keiner", sagt er.

Wie es vielleicht gehen könnte, zeigt etwa der neue Media Markt in Ingolstadt: Der Elektronikhändler experimentiert mit einer komplett anderen Einrichtung und Warenzusammenstellung im Laden, bietet breitere Gänge und eine luftigere Anordnung. Die Waren werden thematisch nach ihrer Verwendung zusammengefasst.

Auch neu: Nur ein Teil der Ware wird ausgestellt, den Rest kann der Kunde online auf digitalen Displays vor Ort betrachten, sich virtuell beraten lassen und gleich bestellen. Folgerichtig haben feste Preisschilder hier ausgedient. Digitalschilder wurden installiert und lassen sich gezielt für Aktionen per Knopfdruck aktualisieren.

Banken und Maschinenbau

Nicht nur der Einzelhandel, auch Banken und Versicherungen befinden sich im Umbruch. "Sie werden gerade auf der gesamten Breite ihres Geschäftsmodells angegriffen", sagt Deburba. "Im Versicherungsbereich beobachten wir große Veränderungen. Das Thema Transparenz, vor dem sich die Branche so gescheut hat, um keine Vergleichbarkeit darzustellen, wird jetzt durch die Digitalisierung geliefert."

Als Vorreiter gilt die Schweiz: Dort wurde im Sommer 2015 der digitale Versicherungsmanager "Knie" als App eingeführt. Im Auftrag seiner Kunden durchforstet er alle Versicherungsverträge und schlägt optimierte Angebote vor. "So wandern wertvolle Kundenbeziehungen ab", sagt Deburba. "Den Kunden ist es egal, wem die Anwendung gehört. Sie wollen Bequemlichkeit und Nutzen."

Inzwischen müssen sich die klassischen deutschen Fertigungsindustrien wie Maschinenbau und die Autoherstellung neuen Wettbewerbern aus der digitalen Welt stellen. Suchmaschinengigant Google zum Beispiel prescht mit einem 
rollenden Roboterauto vor. Und Newcomer Tesla bietet mit seinem E-Auto gleich ein Jahr Stromtanken inklusive – Produkt und Service verschmelzen.

Mechanische Erntehelfer:  Die spanische Firma Agrobot hat einen Erdbeer-Roboter entwickelt. Die Maschine wurde so programmiert, dass sie nur Erdbeeren mit einem bestimmten Reifegrad und in einer bestimmten Größe erntet. Der Roboter schneidet die Erdbeeren behutsam ab und legt sie anschließend auf ein Förderband. Mechanische Erntehelfer:Die spanische Firma Agrobot hat einen Erdbeer-Roboter entwickelt. Die Maschine wurde so programmiert, dass sie nur Erdbeeren mit einem bestimmten Reifegrad und in einer bestimmten Größe erntet. Der Roboter schneidet die Erdbeeren behutsam ab und legt sie anschließend auf ein Förderband. (© 2015 Agrobot)

Unter den Maschinenbauern jedoch stießen die Autoren der Infront-Studie auf geteilte Ansichten zum Thema: "Die einen sagen, Digitalisierung betrifft uns nicht, weil eine Maschine nicht zu digitalisieren ist", erzählt Deburba. "Die anderen sagen, das betrifft uns sehr wohl, weil wir an verschiedenen Stellen Messpunkte haben, die Daten produzieren."

Fest steht: Je nach Branche weist der Grad des Wandels deutliche Unterschiede auf. Anfangs sind es in der Regel Prozessverbesserungen. Nach kurzer Zeit gibt es bereits umfangreiche Auswirkungen auf das Geschäftsmodell. "Die Versicherungsbranche, der Maschinen- und Anlagenbau und viele weitere Industrien stehen erst am Anfang", sagt Unternehmensberater Deburba.

Digitalisierung birgt Chancen

Trotz der tiefgreifenden Veränderungen sind sich die Experten über die Vorteile einig: Egal welche Branche, wer heute digitalisiert, ist morgen dem Wettbewerb voraus.

"Für kleinere Unternehmen geht es um die Optimierung einzelner Prozesse und Bereiche", sagt Telekom-Manager Rickman. "Großunternehmen müssen dagegen häufig ihre gesamte Wertschöpfung auf den Prüfstand stellen".

"Die Digitalisierung ist nur ein Risiko für diejenigen, die nicht mitmachen",

betont Rickmann. Anderswo werden Prozesse verschlankt und digitalisiert – und schon wird die Arbeit effizienter.

Serviceroboter des Fraunhofer-Instituts IPA sollen den Menschen zu Hause, im Hotel oder im Krankenhaus unterstützen Serviceroboter des Fraunhofer-Instituts IPA sollen den Menschen zu Hause, im Hotel oder im Krankenhaus unterstützen (© 2015 Fraunhofer-Institut IPA)

Etwa beim Gemeinschaftskrankenhaus Bonn: Die Klinik strebt mit einem einheitlichen digitalen Dokumentations- und Erfassungssystem eine größtmögliche Prozesssicherheit an. Gemeinsam mit der Telekom hat Klinikdirektor Klaus-Werner Szesik ein Informationssystem mit 200 iPads installiert. Rund 150 Ärzte und an die 450 Pflegekräfte arbeiten jetzt per Tablet mit Befunden, Diagnosen oder Röntgenaufnahmen. Das neue System hilft, Fehler zu vermeiden, erhöht die Qualität der Dokumentation und spart Zeit für die Patientenbetreuung. „Die Menschen werden einfach besser versorgt“, freut sich Szesik.

Nicht nur die Großen verbessern sich, auch die Kleinen profitieren vom Digitalturbo, so wie das Deutsche Mode-Institut in Köln. Die Digitalisierung der Farbe war nur der Anfang: Jetzt arbeitet das Institut an einer Cloud-Lösung, die das vernetzte Arbeiten von überall ermöglicht. "Dank der einheitlichen Messdaten können Lieferanten und Produzenten Einzelteile entwerfen und mithilfe von 3-D-Modellen ganze Kollektionen zusammen-stellen", schwärmt Institutsleiter Müller-Thomkins. Von der Pfauenfeder bis zum Pferdehaar – jede erdenkliche Farbe und Struktur lässt sich abbilden.

So beflügelt die Technik auch die Kreativität. "Kleine Firmen können genauso erfolgreich sein wie große", sagt Telekom-Geschäftsführer Rickmann. "Zukunft ist am Ende das, was man daraus macht."