Unternehmergeist, Geschwindigkeit, Mut zu Fehlern – wenn es nach Rüdiger Kabst geht, BWL-Professor an der Universität Paderborn, sind das die Qualitäten, die Unternehmen Richtung Zukunft leiten: „Unternehmen sind traditionell gut bei der inkrementen Erneuerung, sie sind schlecht bei disruptiven Innovationen – wie aktuell der Digitalisierung.“ Hier etwa können Unternehmen von den Generation Y lernen.

Start-ups rütteln etablierte Märkte auf

Einer, der genau weiß, wie man etablierte Märkte aufrüttelt, ist Gunnar Froh. Wo er antritt, muss sich das Establishment warm anziehen. Früher Deutschland-Chef der digitalen Zimmervermittlung Airbnb – heute Gründer des Start-ups WunderCar. Unter dem Label machte er sich mit einer Mitfahr-App selbständig – und sein Unternehmen zum Magneten industrieller Interessenten. Mega-Trend: Sharingkonzepte.

Die Geschäftsidee geht zurück auf die Mitfahrzentralen. WunderCar vermittelt digital Mitfahrgelegenheiten in Großstädten (derzeit außerhalb Deutschlands). Autobesitzer können sich auf der Plattform als Fahrer registrieren – und so Mitfahrer, die von A nach B wollen, finden. Motto: Zu zweit oder zu dritt fahren ist schöner, als allein fahren.

Modell und Handling sind denkbar einfach: App herunter laden. Mitfahr-Gelegenheit checken, fixen und mitfahren. Die Fahrt ist kostenlos – natürlich steht es einem zufriedenen Gast am Ende der Fahrt frei, dem Fahrer ein Trinkgeld zu geben (an dem dann WunderCar einen Anteil erhält).

‚Tolle Idee’ findet offenbar auch Autobauer BMW. Wettbewerber Daimler ist beim Start-up myTaxi eingestiegen. Auch RWE, Metro, REWE und andere multinationale Unternehmen suchen gezielt Start-ups und kluge Gründer, um ihr eigenes Geschäft weiterzuentwickeln.

mittelstand DIE MACHER fragte Gunnar Froh: Was haben Start-ups denn Konzernen oder traditionellen Mittelständlern voraus?

„Größere Unternehmen sind in der Regel erstmal eines, was Start-ups häufig nicht sind und nie schaffen: Sie sind profitabel. Insofern sollten wir als Gründer und Start-up Vertreter vorsichtig sein mit guten Ratschlägen. In Start-ups wünscht sich mancher weniger Aktionismus und den langen Atem eines erfolgreichen Mittelständlers. Beide Seiten können von einander lernen.

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Start-ups und Existenzgründungen. Bei Start-ups steht die kreative Zerstörung im Vordergrund. Es handelt sich um den projektartigen Versuch, eine erhebliche Änderung des Status Quo zu erreichen und das Ergebnis schnell zu skalieren. Dafür wird von Mitarbeitern viel abverlangt. Prozesse gibt es zunächst noch nicht. Meistens scheitern diese Versuche. Wo es gelingt winkt, die Aussicht auf großen finanziellen Ertrag.

Eine einfache Definition von einem Start-up ist: Ein Start-up ist eine Gruppe von Menschen, die auf der Suche nach einem profitablen Geschäftsmodell sind.

Erfolgreiche Start-ups haben darum insbesondere zwei Werte internalisiert, die auch Mittelständlern und Konzernen nutzen können: Experimentierfreude und Durchhaltevermögen."

Warum ist es manchmal für traditionelle, große Unternehmen so schwierig, sich - aus sich selbst heraus - neu zu erfinden? 

„Schon in einem kleinen Start-up mit 20 Mitarbeitern sehen wir nach wenigen Monaten die ersten Anzeichen, dass die Innovationsgeschwindigkeit nachlässt: Es sind Pfadabhängigkeiten entstanden, sogar Silos entstehen. Wir versuchen das immer wieder aufzubrechen, indem sich Aufgaben verändern und alle Mitarbeiter auch informell zusammen gebracht werden, beim gemeinsamen Essen oder Sport.

Eine der einfachsten aber trotzdem effektiven Wege die Zirkulation der Ideen wieder anzuheizen ist es, eine neue Sitzordnung zu schaffen. Manchen Mitarbeitern muss dabei vorgeschrieben werden, wo sie zukünftig sitzen, weil es ihnen schwer fällt, sich von ihren vertrauten Nachbarn zu verabschieden. Das alles ist bei größeren Belegschaften natürlich deutlich aufwändiger."

Was sind die wichtigsten Erfolgs-Parameter für Startups: die einzigartige Geschäftsidee, die unternehmerische Leidenschaft, der Biss, das visionäre Talent, die Unternehmenskultur?

Erfolgreiche Start-ups zeichnen sich insbesondere durch zwei Fähigkeiten aus: Sie experimentieren ständig und sie haben ein hohes Durchhaltevermögen. Beides kann Anfangs durch einen starken Gründer oder ein starkes Führungsteam getrieben werden. Um weiter zu wachsen muss es Teil der Unternehmenskultur werden."

Wenn Sie Boss eines DAX-30-Konzerns wären: Wie würden Sie Ihren „Tanker“ in puncto Denke oder Unternehmenskultur verjüngen?

„Ich würde versuchen, eine Kultur des Experimentierens und Durchhaltens zu etablieren. Dazu gehört in einem ersten kleinen Schritt eine räumliche Veränderung: regelmäßig müssten meine Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz tauschen!“

Wie findet ein großes Unternehmen am besten ein passendes Startup, den geeigneten Gründer für sich?

„Überlegen Sie, wer in Ihrer Industrie tätig ist und dort am meisten für Unruhe sorgt. Falls das nicht eindeutig ist, fragen Sie einen VC, welches Start-up aus seiner Sicht in Ihrer Industrie das größte Potential hat. Ein Indikator ist, dass dieses Start-up bekannte internationale VCs als Investoren an Bord hat. Das ist in unserem Umfeld in den meisten Fällen ein starkes Gütesiegel.“

Mitfahr-App geht um die Welt

Während Gunnar Froh in Hamburg um „Grünes Licht“ von den Behörden für die Zulassung von WunderCar kämpft, wächst sein Unternehmen in anderen europäischen Metropolen, vor allem in Osteuropa (Budapest, Prag, Warschau). Mehr als 8.000 Fahrer sind bei dem Start-up mittlerweile registriert, alle sechs Wochen verdoppelt sich ihre Zahl. Nächster Zielmarkt: Lateinamerika.

 

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