Für sich selbst spricht die Erfolgsgeschichte vom Werkzeugmaschinen-Hersteller TRUMPF in Ditzingen: Ein global agierendes Familienunternehmen mit mehr als 60 Tochtergesellschaften (auch Elektrowerkzeuge, Lasertechnik, Elektronik, Medizintechnik), einer der weltgrößten Anbieter von Werkzeugmaschinen mit Produktionsstandorten rund um den Erdball.

Herausragende Persönlichkeit an der Spitze ist Dr. Nicola Leibinger-Kammüller. Die promovierte Philologin (Germanistik, Anglistik und Japanologie) führt das Unternehmen (10.914 Mitarbeiter) auf nachhaltigen Wachstumskurs. Die Gruppe hat die 2,6 Milliarden-Umsatz-Marke im Visier – und zeigt nicht nur der eigenen Branche, wo´s in puncto Innovationen und neues Denken langgeht.

TRUMPF führte ein flexibles Arbeitszeit-Konto ein, das die Unternehmens-Notwendigkeiten und Mitarbeiter-Bedürfnisse klug austariert, bei dem die Mitarbeiter – je nach persönlicher Lebenssituation – selbst entscheiden können, wie viele Stunden sie in der Woche arbeiten. Dr. Nicola Leibinger-Kammüller sagt: „...es ist doch unübersehbar, dass starre Arbeitszeitregimes einfach nicht mehr in unsere Zeit passen. Wer jung und frisch ist und ohne Frau oder Mann, die darauf warten, dass man endlich nach Hause kommt, der kann und will richtig viel arbeiten. Übrigens auch entsprechend viel Geld verdienen. Später hätte er vielleicht gern mehr Zeit für seine Familie und will dann eventuell wieder mehr arbeiten, wenn die Kinder flügge werden. Unser Modell atmet mit den Lebenszyklen, das ist das entscheidend Neue.“

Verblüfft hat die „Familienunternehmerin des Jahres“ auch die Bankenwelt, als der Werkzeugmaschinenhersteller kurzerhand eine eigene Bank gründete. Um Kunden günstige, zeitgerechte und passgenaue Investitionen möglich zu machen, die womöglich so von traditionellen Banken nicht bekommen.

Aber weder eine solche Unternehmens-Entwicklung oder strategische Richtungsentscheidungen können die Frage final beantworten, ob Frauen anders führen. Noch können das Studien letztlich, die die These zu belegen scheinen.

mittelstand DIE MACHER hat Thomas Staller, Gesellschafter und Geschäftsführer von Reiss Profile Germany GmbH, ein Beratungsunternehmen mit dem Schwerpunkt 'Persönlichkeitsanalyse', nach seiner Einschätzung gefragt:

mittelstand DIE MACHER: Führen Frauen anders als Männer?

Thoma Staller: „Nein. Jeder Mensch hat einen eigenen Führungsstil, der auf seiner Persönlichkeit und den damit verbundenen Bedürfnissen basiert. Ein Beispiel: Das Bedürfnis, „aus sich heraus“ nach Macht zu streben, ist bei jedem Menschen anders ausgeprägt – und das übrigens kulturübergreifend. Jeder von uns kennt sowohl Männer als auch Frauen, die Spaß daran haben, zu führen und Entscheidungen zu treffen. Und wir kennen solche, die genau das eben nicht so gern tun. Beide Gruppen können es in Führungspositionen schaffen und führen, wenn Macht kein wichtiger Antreiber ist, eben über andere Aspekte ihrer Persönlichkeit. Wie eine Frau oder ein Mann in einer Führungsposition einen vorhandenen Wunsch nach Einfluss auslebt, kann sich – bedingt durch die Sozialisierung – aber sehr wohl unterscheiden. Hinzu kommt: Dasselbe Verhalten, das ein Mann oder eine Frau in der Führungsrolle zeigt, wird im Auge des Betrachters oft anders bewertet. Um es noch einmal deutlich zu sagen, es sind die individuellen und tiefer liegenden Motive eines Menschen, seine Persönlichkeit, die seinen Führungsstil bestimmen. Und das ist zunächst geschlechtsunabhängig.“

Aber es gibt doch immer wieder Beispiele, die belegen, dass Frauen gerade deshalb erfolgreich sind, weil sie nicht das erwartete männliche Verhalten zeigen.

Staller: „Wie bereits angedeutet: der Eindruck, Frauen und Männer führten geschlechterspezifisch, hat auch mit gesellschaftlich geprägten Erwartungen an bestimmte Verhaltensmuster zu tun. Frauen können das natürlich nutzen, um zu überraschen.“

Was raten Sie Frauen, die in Unternehmen gestaltende Führungsverantwortung übernehmen wollen?

Staller: „Ich setze bei der Persönlichkeit an. Was treibt diese Frau an? Wo liegen ihre Lebensprioritäten? Wie kann sie diese im Rahmen der Führungsrolle nutzen, um einerseits authentisch zu wirken und andererseits gestaltend Einfluss zu nehmen? Dabei geht es auch darum, vorhandene Aspekte der Persönlichkeit, die die individuelle Strahlkraft dieser Person ausmachen, positiv zu besetzen. Im zweiten Schritt geht es dann darum, Spielräume auszuloten und zu erweitern.“

Führen ist also weniger ‚weiblich’ oder ‚männlich’, sondern vielmehr das zielgerichtete Freisetzen von Leistungsvermögen?

Staller: „Unternehmen die besonders fortschrittlich sind, sind dies deshalb, weil sie ihren Mitarbeitern ein optimales Leistungsumfeld bieten. Das heißt, sie fragen sich, unter welchen Bedingungen ihre Mitarbeiter maximale Leistung abliefern können ohne „zu verbrennen“. Der Schlüssel dazu ist nach meiner Erfahrung, die Mitarbeiter nach ihren individuellen Bedürfnissen zu fragen und, wo mit den Unternehmenszielen vereinbar, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen. Dies erleben Mitarbeiter als echte Wertschätzung und sind dann auch bereit, Leistung abzuliefern. Denn eines ist klar: Stimmt der Output, schafft es die Führungskraft, auch oben zu bleiben.“

Sind Frauen vor innerbetrieblichen Konflikten oder Machtspielen besser gefeit als Männer?

Staller: „Überall dort, wo sich Menschen messen und Einfluss nehmen wollen, kommt es auch zu Machtspielen und Konflikten. Davon sind weder Frauen noch Männer frei.“

Wird die Initiative, mehr Frauen in die Aufsichtsräte zu holen, die Wirtschaft verändern? Werden wir in ein paar Jahren einen anderen Führungsstil sehen?

Staller: „Studien zeigen, dass unterschiedlich zusammengesetzte Teams und Organisationen erfolgreicher sind. Es reicht jedoch nicht, ein paar Frauen mehr in die obersten Führungsetagen zu holen. Vielmehr kommt es darauf an, unterschiedliche Persönlichkeitsaspekte quer zu den klassischen Diversity-Kategorien in den Blick zu nehmen, wie zum Beispiel Risikofreude und Bewahrenwollen, analytisches und praktisches Denken, Entscheidungsfreude und Spaß an der Umsetzung, Wettbewerbsdenken und Konsensorientierung usw. Gelingt es, die verschiedenen Qualitäten in einem Team abzubilden und produktiv zu nutzen, ist es in der Regel erfolgreich.“

TRUMPF-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller hat einmal die Frage, was einen guten Unternehmer auszeichne, beantwortet mit der Charakterisierung: „Begeisterungsfähigkeit, Hingabe an seine Aufgabe, Fantasie, Veränderungsbereitschaft, Nähe zu Menschen. Und Intelligenz.“

 

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