Azubis profitieren von guter Wirtschaftslage und Nachwuchsmangel

Einst galt der Spruch „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“. Doch in vielen Branchen scheint diese Binsenweisheit angesichts von Nachwuchsmangel und stark sinkenden Schulabgänger-Zahlen nun der Vergangenheit anzugehören.

Laut einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) lag die Ausbildungsvergütung 2014 im Westen bei durchschnittlich 802 Euro brutto pro Monat – das sind 4,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Ostdeutsche Jugendliche brachten mit 737 Euro 4,1 Prozent mehr nach Hause als 2013. Azubis profitieren neben der verhältnismäßig guten Wirtschaftslage in Deutschland auch von einem Übermaß an unbesetzten Lehrstellen.

Tarifvergütung oder branchenüblicher Satz?

Die Ausbildungsvergütung ist also heute höher als noch vor einigen Jahren – auch wenn das am 01.01.2015 verabschiedete Mindestlohngesetz nicht für Auszubildende gilt. Doch wie viel genau müssen Sie Ihrem Lehrling nun zahlen? Die Höhe der Ausbildungsvergütung richtet sich entweder nach ...

  • dem jeweiligen Tarifvertrag der Branche oder
  • den ortsüblichen Sätzen.

An Tarifverträge sind Sie als Arbeitgeber nur dann gebunden, wenn Sie Mitglied in einem tarifschließenden Arbeitgeberverband sind oder ein allgemein verbindlicher Tarifvertrag besteht. Bei vielen kleinen oder mittelständischen Unternehmen ist dies jedoch nicht der Fall.

Bei nicht tarifgebundenen Unternehmen gibt das Berufsbildungsgesetz lediglich vor, dem Auszubildenden eine „angemessene“ Vergütung zu zahlen. Was ist darunter zu verstehen? Als Richtwert gilt hierbei das, was ähnlich strukturierte Betriebe oder Wirtschaftszweige zahlen oder die Durchschnittsvergütung. Diese wird jedes Jahr vom Bundesinstitut für Berufsbildung ermittelt und beträgt derzeit (Stand: Januar 2015):

Westdeutschland Ostdeutschland
1. Ausbildungsjahr 723,00 € 661,00 €
2. Ausbildungsjahr 798,00 € 737,00 €
3. Ausbildungsjahr 884,00 € 807,00 €

Ob nun tarifgebunden oder nicht: Generell muss die Ausbildungsvergütung nach dem Berufsbildungsgesetz mindestens einmal jährlich ansteigen (§ 17 Berufsbildungsgesetz). Weiterhin muss sie spätestens bis zum letzten Arbeitstag des Monats ausgezahlt werden(§ 18 Berufsbildungsgesetz).

Keine Abweichungen über 20 Prozent

Grundsätzlich können Sie, wenn Sie als Arbeitgeber nicht tarifgebunden sind, Gehälter beziehungsweise die Ausbildungsvergütung frei vereinbaren. Da die Vergütung von Auszubildenden jedoch weitaus geringer ausfällt, als die von „normalen“ Arbeitnehmern, verfolgt das Berufsbildungsgesetz hier eine strenge Richtlinie. Die vereinbarte Vergütung darf nicht weiter als 20 Prozent von dem branchenüblichen Satz bzw. der Durchschnittsvergütung abweichen.

Vereinbarungen mit Ihrem Lehrling, bei der die Ausbildungsvergütung den üblicherweise gezahlten Tariflohn um 20 Prozent unterschreitet, gelten als sittenwidrig und werden von den Gerichten (gegebenenfalls auch nachträglich) korrigiert.

Das verdienen Maurer, Friseure, Floristen und Co.

800 Euro brutto – das ist die vom Bundesinstitut für Berufsbildung errechnete Durschnittsvergütung eines Auszubildenden im Jahr 2014 in Deutschland, alle Branchen und Regionen zusammengerechnet. Angehende Maurer, Mechatronikern sowie Finanz- und Versicherungskaufleute liegen mit um die 1000 Euro brutto im Monat an der Spitze.

Weit schlechter ergeht es angehenden Floristen, Friseuren oder Bäckern – erst recht, wenn sie in Ostdeutschland in die Lehre gehen. Azubis dieser Branchen gehen gerade mal mit 269 bis 572 Euro nach Hause.

Wie der Deutsche Gewerkschaftsbund im Ausbildungsreport 2014 ermittelte, kommt nur die Hälfte aller Auszubildenden mit ihrer Ausbildungsvergütung über die Runden. Die andere Hälfte braucht Unterstützung, beispielsweise von den Eltern oder vom Staat.

Gute Arbeit sollte belohnt werden!

Viel Arbeit, aber wenig Geld: Eine Ausbildung zu machen, erscheint heute angesichts der bescheidenen finanziellen Aussichten vielen jungen Menschen nicht besonders attraktiv. In den Jahren 2013 und 2014 gab es daher erstmals mehr Studienanfänger als Auszubildende in Deutschland.

Einige Firmen buhlen daher bereits mit Geldprämien, der Übernahme von Führerscheinkosten oder Dienstwägen um ihre Lehrlinge, so der "Spiegel".

In Zeiten, in denen sich ein guter Lehrling zu einem immer knapper werdenden Gut entwickelt, ist also auch ein Umdenken bei den Arbeitgebern gefragt. Da das Ausbildungsgehalt nicht in Stein gemeißelt ist, sollten Sie beispielsweise in Erwägung ziehen, Ihrem Azubi für gute Arbeit nach einer gewissen Zeit auch eine kleine Gehaltserhöhung zu geben. Denn gute Arbeit zu honorieren, ist in jedem Falle angemessen.

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