Börsengang spült Geld in Unternehmenskassen

Haben Sie schon mal über einen Börsengang nachgedacht? Die Idee ist gar nicht so abgehoben, wie sie auf den ersten Blick aussehen mag. Vor allem, wenn es in Ihrem Unternehmen nur so vor innovativen Ideen sprudelt, die Umsetzung aber an mangelndem Eigenkapital scheitert. Fast 200  KMU  steigen derzeit in den Entry Standard ein, das Börensegment extra für Mittelständler. Das kann sich lohnen.

Über 1,4 Milliarden Euro – so viel sammelte zum Beispiel das Internetunternehmen Rocket Internet Ende 2014 durch seinen Börsengang bei Anlegern ein. Da war die schillernde Internetschmiede gerade mal sieben Jahre alt.

Mit ihrer Neuemission bewiesen die  Gründer Pioniergeist. Mitinitiator Oliver Samwer formulierte es gegenüber der FAZ so:

„Früher war das Ziel der Gründer immer ein Börsengang in Amerika (...). Jetzt sehen Gründer, dass auch ein Börsengang in Deutschland geht. Wir konnten es schließlich auch tun, und wir sind ganz normale Leute.“

Diese „ganz normalen Leute“ spielen zwar noch nicht in einer Liga mit DAX-Schwergewichten wie Lufthansa, Lanxess oder K+S. Aber immerhin hat es Rocket Internet mit seinem Börsengang oder kurz IPO (Initial Public Offering) schon mal in den Entry Standard geschafft.

Der Entry Standard: Das Börsensegment für KMU

Ein paar Fakten: Der Entry Standard ist seit 2005 Teil des international orientierten Open Markets und gehört damit zum Freiverkehr der Frankfurter Wertpapierbörse. Er ist allerdings kein amtliches, sondern ein privatrechtliches Börsensegment mit relativ niedrigen Transparenzanforderungen. Warum? Weil in diesem Fall die Richtlinien nicht der Gesetzgeber, sondern die Deutsche Börse selbst bestimmt.

Das macht den Einstieg in den Entry Standard für KMU wesentlich leichter als zum Beispiel in seine Open-Market-Brüder General Standard und Prime Standard.  Beide gehören nämlich zum Regulierten Markt, in dem nach den strengeren, gesetzlichen EU-Regeln gespielt wird.

Zugang zum Entry Standard: So kommen Sie rein

Der Entry Standard vereinfacht es also KMU, Unternehmensanleihen am Kapitalmarkt zu platzieren. Und das wiederum bringt frisches Geld zum Beispiel für weiteres Wachstum. Doch wie kommen Sie rein? Als Türöffner brauchen Sie zunächst einen an der Frankfurter Wertpapierbörse zugelassenen Handelsteilnehmer. So ein Listing Partner begleitet Sie beim Börsengang und vermittelt zwischen Ihnen und  der Deutschen Börse. Dabei schaut er Ihnen ganz genau auf die Finger, denn läuft etwas bei Ihrem Börsengang aus dem Ruder, ist auch er haftbar. Mehr als 300 dieser Spezialisten gibt es. Die Deutsche Börse hilft Ihnen bei der Suche.

Natürlich ist es mit einem Listing Partner allein nicht getan. Und so brauchen Sie für  einen erfolgreichen Start in den Entry Standard unter anderem noch folgende Qualifikationen:

  • Ihr Unternehmen muss wenigstens zwei Jahre alt sein.
  • Das Grundkapital muss mindestens 750.000 Euro betragen.
  • Die Aktien müssen jeweils einen Wert von mindestens einem Euro haben.
  • Zehn Prozent der Aktien müssen in Streubesitz sein.
  • Sie müssen einen öffentlichen Wertpapierprospekt erstellen.

Weitere Voraussetzungen für den Entry Standard finden Sie hier.

Wenn Ihr Pflichtenheft stimmt, steht dem Börsengang nicht mehr viel im Weg. Alles in allem dauert es rund ein halbes Jahr, bis Sie ihre ersten eigenen Aktien auf den Markt werfen.

Die Pflichten als Börsenneuling

Geschafft? Nicht ganz. Als Neu- und Alt-Emissionär im Entry Standard unterliegen Sie noch folgenden Transparenzanforderungen:

  • Ein jährlich aktualisiertes Unternehmenskurzporträt sowie ein Unternehmenskalender (zum Beispiel auf der Unternehmenshomepage) sind obligatorisch.
  • Ein testierter Konzern-Jahresabschluss einschließlich Lagebericht muss innerhalb von sechs Monaten nach Beendigung des Berichtszeitraums unter Berücksichtigung nationaler Standards ( zum Beispiel GAAP, HGB oder IFRS) publiziert werden.
  •  Innerhalb von drei Monaten nach dem ersten Halbjahr ist jeweils ein Zwischenbericht vorzulegen.
  • Relevante Unternehmensnachrichten oder -umstände, die für die Bewertung des Wertpapiers oder des Unternehmens bedeutsam sein können, sind unverzüglich zu publizieren.

All diese Informationen gehören zumindest auf Ihre Homepage. Und zu Ihren künftigen Pflichten gehört auch ein Umbau Ihrer Führungsetage. Sie brauchen nämlich einen Vorstand und einen kontrollierenden Aufsichtsrat. Nicht zu vergessen, die jährliche Hauptversammlung, auf der Sie den Aktionären Rede und Antwort stehen.

Noch ein Wort zu den Kosten. Den Eintritt in den Entry Standard lässt sich die Deutsche Börse mit 1.500 Euro bezahlen. Weitere 5.000 Euro werden als jährliche Notierungsgebühr fällig. Wesentlich happiger sind da schon die Aufwendungen im Vorfeld. So sollten für den Prospekt oder Werbeanzeigen summa summarum rund ein Zehntel des Emissionswerts Ihres Börsengangs veranschlagen.

Binnen eines Jahrzehnts hat sich der Entry Standard als Börsensegment für KMU etabliert. Die Welt machte dazu Ende 2014 eine statistische Rechnung auf.  Bis dahin waren 182 Unternehmen im Entry Standard gelistet. Immerhin 155 von ihnen waren deutsche Betriebe aus den verschiedensten Branchen wie beispielsweise dem Software- und Technologie-, Pharma, Finanzdienst-, Industrie- oder dem Medienbereich. Eine zukunftsträchtige Mischung.

Dazu gehören auch jene 78 KMU, die seit seiner Eröffnung neu in den Entry Standard eingestiegen sind, also den Börsengang gewagt haben. Fünf entwickelten sich so erfolgreich, dass sie später in den Prime Standard aufgestiegen sind. 26 Unternehmen allerdings sind aus dem Segment geflogen.

Börsengang im Entry Standard: Vor- und Nachteile

KMU kann ein Börsengang viel Geld in die Kasse spülen. Insbesondere der Entry Standard erleichtert den Zugang zu Fremdkapital. Und das kostengünstig und relativ schnell. Kritiker bemängeln jedoch oft die mangelnde Informationsbasis des Entry Standards. Diese geringe Transparenz würde Anleger abschrecken. Und tatsächlich tummeln sich auf dem Parkett in erster Linie Profiaktionäre mit Mut zum Risiko. Und der scheint auch angebracht.

Denn  viele KMU im Entry Standard sind noch relativ jung und weisen eine vergleichsweise niedrige Kapitalquote auf. Das macht sie anfällig gegenüber Krisen. Ob selbst verschuldet oder nicht. So sanken bei Rocket Internet die Börsenwerte tatsächlich schon wenige Wochen nach dem Börsengang. Angesichts der Performance einzelner Aktien wird auch gern der gesamte Index Entry Standard All Share infrage gestellt. Jedoch bleibt oft unberücksichtigt, dass die Geschäftsmodelle von KMU in der Regel nicht auf kurzfristige Erfolge ausgerichtet sind. Wer also mit einer guten Idee und soliden Bilanzen den Börsengang angeht, für den hält der Entry Standard die Tür zum Kapitalmarkt weit geöffnet.

Weiterführende Links:

  • Die Börse Frankfurt definiert Begriffe wie Entry Standard, Open Market oder Prime Standard im Detail.
  • Einen ausführlichen Leitfaden für ein Engagement von KMU im Open Market gibt es hier.
  • Die Deutsche Börse Group hat die wichtigsten Fragen zu Open Market und Entry Standard in einem FAQ zusammengestellt.