Das Bier und der Bullwhip-Effekt

Um den Bullwhip-Effekt zu erklären, entwickelte der amerikanische Informatiker Jay Forrester am MIT (Massachusetts Institute of Technology) das sogenannte Bierspiel. Dabei übernahmen die Teilnehmer verschiedene Rollen innerhalb der Lieferkette für Bier: Es gab örtliche Getränkehändler, Großhändler, ein Vertriebszentrum und Brauereien. Zielvorgabe war es, die Kosten zu minimieren, und zwar die Kosten der gesamten Lieferkette. Die Kommunikation zwischen den Teilnehmern wurde stark eingeschränkt. Der Spielablauf gestaltete sich wie folgt:

  • Der Getränkehändler verkauft durchschnittlich 10 Kisten Bier am Tag und wird einmal pro Woche beliefert. Um jederzeit lieferfähig zu sein, bestellt er einen Sicherheitsvorrat, nämlich 140 statt der benötigten 70 Kisten.
  • Der Großhändler bezieht saisonale Gegebenheiten in seine Planungen ein und nutzt möglichst Angebote der Brauerei, Mengenrabatte etwa. Er vermutet hinter der erhöhten Bestellmenge des Getränkehändlers ebenfalls saisonale Gründe und erhöht seine Bestände und Bestellungen entsprechend.
  • Die Brauerei vermutet nun ebenfalls eine größere Nachfrage, braut mehr Bier und baut ihrerseits Bestände auf.
Bullwhip-Effekt

Der Bullwhip-Effekt – auch Peitscheneffekt – zeigt immer größere Schwankungen im Lagerbestand einer Lieferkette, je weiter man die Lieferkette vom Endkunden zum Hersteller zurückverfolgt. Durch Aufschaukelungseffekte haben schon kleine Veränderungen beim Einzelhändler erhebliche Auswirkungen auf den Hersteller.

Im Verlauf des Spiels zeigte sich eines sehr schnell: Jeder Teilnehmer versuchte, seine eigene Position zu stärken. Genau dieses Verhalten führte dazu, dass sich das ganze System aus Bestellung, Lieferung und Lagerung schnell aufschaukelte – der Bullwhip-Effekt.

Die erhöhte Bierproduktion und Lagerhaltung beruhten letzten Endes nur auf einem Missverständnis, denn die Nachfrage hatte sich insgesamt nicht erhöht. Wenn Brauerei und Großhändler nun versuchen würden, die Überproduktion beziehungsweise die zu hohen Lagerbestände durch Werbeaktionen mit reduzierten Preisen abzubauen, würden sie den Bullwhip-Effekt sogar noch ankurbeln: Die Aktion würde die Nachfrage zuerst deutlich steigern, danach aber rapide fallen lassen.

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Gründe für den Bullwhip-Effekt

Der Bullwhip-Effekt entsteht vor allem, weil jede Einheit innerhalb einer Lieferkette nur ihre eigene Situation im Blick hat – die Lieferkette als Ganzes verliert dabei. Jede Stufe optimiert ihre Bestellung beim Zulieferer und berücksichtigt dabei Mengenrabatte, Lieferkosten und Losgrößen. Auch die Einschätzung von vermuteten oder tatsächlichen Engpässen spielt eine Rolle. Eine erwartete Verknappung etwa führt zu Hamsterkäufen – die eigenen Bestellmengen steigen. Zwar sind dafür keine Abnehmer vorhanden, aber jeder Akteur möchte seine Lieferfähigkeit sicherstellen. Die nachgeordnete Stufe der Kette wird ebenso handeln und den Effekt noch verstärken.

Folgen des Bullwhip-Effekts

Der Bullwhip-Effekt hat beträchtliche negative Auswirkungen. Produktionskapazitäten sind entweder unausgelastet oder arbeiten am Limit; gleichzeitig kommt es trotz hoher Lagerbestände innerhalb der Lieferkette immer wieder zu erheblichen Lieferproblemen. Die Planungssicherheit für alle Akteure sinkt und damit gleichzeitig die Produktivität. Der Bullwhip-Effekt verursacht also hohe Kosten bei schlechtem Service.

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So lässt sich der Bullwhip-Effekt eindämmen

Vollständig vermeiden lässt sich der Bullwhip-Effekt nicht, er ist der Komplexität eines Wirtschaftssystems mit mehrstufigen Lieferketten geschuldet. Allerdings lässt sich der Bullwhip-Effekt mit einigen Maßnahmen eindämmen:

  • Informationstransparenz. Mit einem stufenübergreifenden Informationsaustausch können zum Beispiel die Plan- und Bestellzahlen des Einzelhändlers der gesamten Lieferkette zur Verfügung gestellt werden. Je genauer der Hersteller die Verkaufszahlen vor Ort kennt, umso präziser kann er planen.
  • Glättung der Preisgestaltung. Schwankende Preise verursachen auch schwankende Bestellungen. Promotion-Aktionen sollten frühzeitig publik und damit planbar gemacht werden.
  • Geringe Losgrößen, geringe Fixkosten. Kostengründe sind oft der Grund für größere Bestelleinheiten – das führt aber eben auch zu höheren Lagerbeständen und schwankender Nachfrage.
  • Klare Verteilungsregeln. Lieferengpässe sollten nicht zu taktischen Hamsterkäufe führen. Denkbar sind zum Beispiel auch Niedrigpreisgarantien, vor allem für Stammkunden.
Mit dem Peitscheneffekt steigt unnötig der Bedarf an Warentransport. (© 2018 )

Es lohnt sich, durch den Bullwhip-Effekt verursachte Schwankungen früh zu identifizieren. IT-basierte Supply-Chain-Manangement-Lösungen können dabei unterstützen. Wenn der Bullwhip-Effekt weitgehend minimiert wird, ist eine optimalere Nutzung von Kapazitäten und eine bessere Produktverfügbarkeit für Kunden möglich.

Außerdem können Kommunikations- und Abstimmungsprobleme reduziert und der Planungsaufwand verringert werden. Letzten Endes führt eine Eindämmung des Bullwhip-Effekts also zu der gewünschten Kostenreduzierung.