Einfach nur aufwärts ist Gerlinde Kaltenbrunners Sache nicht. Sicher, es geht steil nach oben, wenn die Bergsteigerin wieder einmal aufbricht, um auf das Dach der Welt zu steigen. Dahin, wo es kaum Leben gibt, wo die Bedingungen unmenschlich sind, wo der Tod ein ständiger Begleiter wird. Alle 14 Achttausender der Welt hat die zierliche Frau mit den offenen Augen erklommen. Ohne Sauerstoffflaschen, ohne Hochträger. Kaum jemand hat das je geschafft, -gerade zwölf Menschen überlebten diese Mördertouren der 8 000er-Gipfelstürme ohne Unterstützung. Ebenso viele waren auf dem Mond. Die jedoch hatten Hilfe beim Auf- und Abstieg. Gerlinde Kaltenbrunner nicht. Aus eigener Kraft will sie den Berg hoch, sagt sie. Und ihre Stimme wird dabei so fest wie Granit. Wie macht sie das bloß? Vor allem: Warum?

Die Aufsteigerin Die Aufsteigerin (© 2015 Manuel Hauptmannl)

„Das sind ganz intensive Erlebnisse“, erklärt sie und entschuldigt sich fast dafür, dass ihre Erklärung so knapp ausfällt. „Es sind die Natur, die Berge und die Menschen drumhe-rum, die mich begeistern. Das ist mein Antrieb“, schiebt sie nach einer kurzen Pause hinterher und gestattet ihrem leichten österreichischen Akzent, für einen Augenblick emporzukommen. „Da ganz oben zu stehen ist mein Glück. Es ist ein tiefes, unbeschreiblich schönes Erlebnis.“ Man nimmt ihr jedes Wort ab. Obwohl Kaltenbrunner viele Interviews gibt und monatelang durch Europa tourt, um ihre Expeditionen in Vorträgen lebendig zu machen, hört es sich so an, als sagte sie das zum ersten Mal. Begeisterung allein reicht indes nicht aus, um das zu schaffen, was die sportliche Frau, die gerade mal 43 Jahre alt ist, erreicht hat: von über 30 Expeditionen, Gipfelstürmen bei minus 44 Grad, Lawinen-unglücken und Abstürzen gesund nach Hause zu kommen. Da muss schon mehr her. „Ich höre auf mein Bauchgefühl“, antwortet sie auf die Frage, was sie von den vielen anderen Menschen unterscheidet, die an den Bergen gescheitert sind. „Ich gehorche 100 Prozent meiner Intuition.“

In den Bergen liegen Tod und Leben, Verzweifelung und Glück nahe beieinander.

Gerlinde Kaltenbrunner

Profi-Bergsteigerin

 


Gerline Kaltenbrunner

Gerline Kaltenbrunner Gerline Kaltenbrunner (© 2015 Manuel Hauptmannl)

Mit 23 Jahren erreichte sie 1994 den Gipfel des Broad Peak und damit ihren ersten Achttausender. 17 Jahre später steht sie im August 2011 auf der Spitze des K2 und besteigt damit als erste Frau die höchsten Berge der Welt ohne künstlichen Sauerstoff. 2003 gibt sie ihren Beruf als Krankenschwester auf und verdient ihr Geld als Höhenbergsteigerin. 2007 heiratet sie den Profi-Bergsteiger Ralf Dujmovits. Gerlinde Kaltenbrunner lebt in Bühl, Schwarzwald.

Dass sie sich auf sich selbst verlassen kann, hat Kaltenbrunner oft das Leben gerettet. Mehrere Male entschied die Bergsteigerin kurz vor dem Gipfel kehrtzumachen, sich lieber zurückzuziehen, anstatt einen ungewissen Aufstieg zu wagen. „Niemals auf Biegen und Brechen“, erklärt sie knapp. Bei besten Wetterbedingungen hatte die Österreicherin 2007 kurz vor dem Gipfel des K2 abgebrochen und war wieder nach unten gestiegen. Ein Jahr zuvor drehte sie am Lhotse lediglich 100 Meter vor der Bergspitze um. Nach all den Strapazen, den monatelangen Vorbereitungen dann auf einer Höhe von mehr als 8 400 Metern loszulassen, sein Ziel zu verabschieden, obwohl das Glück zum Greifen nah ist – dazu gehört eine Menge Mut, eine Art Selbstgewissheit, so sicher wie ein Fels. Doch oft zahlt sich der Rückzug aus, wenn plötzlich das Wetter umschlägt und der Berg zum lebensbedrohlichen Feind wird. „Ich bin ehrgeizig“, sagt sie. „Aber ich muss nichts erzwingen. Ich höre auf den Berg, und umzudrehen ist für mich kein Scheitern. Es ist eine Chance, es beim nächsten Mal besser zu machen, es noch einmal zu versuchen.“ Scheitern als Teil vom Erfolg, das ist Kaltenbrunners Weg nach oben. Das ist keine Manager-Floskel, es geht um Leben und Tod. „Wir wissen nicht, ob wir je wieder runtergekommen wären“, sagt sie.

Den Tod vor Augen zu haben ist Kaltenbrunner ohnehin nicht fremd. Nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester arbeitet sie in der Onkologie, spezialisiert auf Sterbebegleitung. In dieser Zeit lernt sie „Respekt vor dem Leben“. Obwohl sie ihren Beruf längst an den Nagel gehängt hat und stattdessen dem Ruf der Berge folgt, nutzt sie jede Gelegenheit, um „noch ein wenig Pflegerin zu spielen“, wie sie ihr Engagement für viele humanitäre Projekte nennt. Mehrere Krankenstationen haben sie und ihr Mann Ralf zusammen mit der Nepalhilfe Beilngries errichtet. Dorfschulen wurden gebaut, dazu eine Lehrwerkstatt für Näherinnen, fünf Krankenwagen bestellt und eine Berufsschule gegründet. Es sind die Ärmsten der Armen, denen sie hilft. „Das ist mein Leben“, beschreibt sie das ewige Auf und Ab. Wenn sie nicht selbst hochsteigt, dann soll es wenigstens für andere aufwärts gehen.