Die Kontrolle des Bauherrn steht an: Wie viel ist seit dem letzten Mal geschehen? Die Besichtigung beginnt im Erdgeschoss des knapp 70.000 Quadratmeter großen Einkaufszentrums. Endlich wurden die Rolltreppen eingebaut, die Zwischenwände für erste Ladenlokale sind exakt nach Bauplan errichtet. Weiter geht’s ins Untergeschoss: Haben die Bauarbeiter hier die verschiedenen Anschlüsse an den richtigen Stellen verlegt? Um das zu überprüfen, war früher ein Ortstermin unerlässlich. Dank Digitalisierung geht das jetzt schneller – per virtuellem Modell am PC, Tablet oder einem anderen Internet-fähigen Gerät.

Markt mit Wachstumspotenzial

Erstellt hat den digitalen Gebäudezwilling ein Mitarbeiter der Deutschen Telekom, ausgerüstet mit einem mobilen Messgerät des Partnerunternehmens NavVis. Der Trolley ist mit sechs 360-Grad-Kameras sowie drei Laserscannern ausgestattet. Schiebt man den Trolley durch ein Gebäude, erfasst er jeden Winkel, vermisst die Innenräume zentimetergenau und digitalisiert sie vollständig – bis zu 30.000 Quadratmeter am Tag. Die gewonnenen Daten werden anschließend in das Herzstück der Lösung exportiert: den IndoorViewer, in dem das exakte 3D-Modell der Räume per Webbrowser besichtigt werden kann. Zusätzlich dienen die erfassten Daten als Grundlage zur unkomplizierten Indoor Navigation.

NavVis hat mit seinem weltweit einzigartigen System eine Marktlücke gefüllt. Denn während Straßen und Städte durch Dienste wie Google Street View bereits weitgehend digital erfasst sind, gilt das für über 90 Prozent der Innenräume – und damit rund 50 Milliarden Quadratmeter – nicht.

3D-Modelle und Indoor Navigation

Viel Raum für Entwicklung: Die im IndoorViewer sichtbaren digitalen Zwillinge haben das Potenzial, die Bauindustrie zu revolutionieren. „Überall dort, wo Baufirmen oder das Gebäudemanagement bisher zu Plänen und Grundrissen gegriffen haben, spielen die digitalisierten Räume ihre Stärken aus“, sagt Patrick Eberwein, verantwortlicher Startup- und Partnermanager von der Telekom. „Denn mit den Trolleys lassen sich Raummaße und -eigenschaften schnell und effizient ermitteln; im IndoorViewer werden sie zentimetergenau wiedergegeben.“ So sehen alle Projektbeteiligten nicht nur, wie gerade der aktuelle Stand des Baus ist. Auch der Abgleich mit den ursprünglichen Plänen wird einfacher. Dank der vorhandenen Schnittstellen vergleicht der Bauleiter das 3D-Modell mit den zuvor erstellten CAD-Plänen in wenigen Schritten. Jede Revisionsklappe, jedes Fenster und jeder Feuerlöscher werden sichtbar. Das beschleunigt Inventarisierung ebenso wie Bauplanung und -ausführung.

Auch die Orientierung wird dank der digitalen Lösung einfach. Durch einen Abgleich der aufgenommenen 360-Grad-Ansichten zeigt der schlaue digitale Wegweiser von NavVis Nutzern stets die richtige Richtung. Aufgerufen über eine Smartphone-App, erleichtert die Indoor Navigationslösung den Rundgang durch die digitalisierten Gebäude. Oder lotst Besucher großer Firmensitze und öffentlicher Gebäude durch Gänge und Etagen. Die Technologie funktioniert ohne GPS; eingeblendete Informationen zu verschiedenen Ortspunkten geben hilfreiche Hinweise. Mithilfe einer Volltextsuche finden die Nutzer unterschiedliche Ziele innerhalb des Objekts ganz leicht per Klick.

Über NavVis

2013 in München gegründet, beschäftigt das Technologie-Startup NavVis heute über 130 Mitarbeiter. Die Vision der vier Gründungsmitglieder: eine Technologie entwickeln, mit der sich hochauflösende 3D-Modelle von Gebäuden sowie die Innenraum-Navigation einfach realisieren lassen. Inzwischen hat das junge Unternehmen ein internationales Partnernetzwerk aufgebaut und vermarktet das Herzstück seiner Technologie, den NavVis-Trolley, bereits in über 30 Ländern weltweit.

Sichere Daten in der Open Telekom Cloud

Das Münchner Startup und die Telekom kooperieren seit Anfang 2017 bei Vertrieb und Vermarktung des Systems miteinander. Der Bonner Konzern hat die Technologie in sein Produktportfolio integriert und bietet sie als Komplettlösung an: So übernimmt die Telekom die Planung und Durchführung der Indoor Digitalisierung, bearbeitet und hostet die digitalen Daten in der Open Telekom Cloud.

„Besonders für deutsche Kunden ist eine nachgewiesene Datenspeicherung und -verarbeitung nach den strengen deutschen Datenschutzbestimmungen entscheidend“, sagt Patrick Eberwein. „In unseren hochsicheren, mehrfach zertifizierten Rechenzentren sind die Daten der Scans optimal geschützt.“

Mit ein paar Klicks zum Ziel – das gilt künftig auch für Mitarbeiter und Besucher der Telekom am Firmensitz in Bonn: Das Unternehmen hat seine Gebäude mit der innovativen Technologie vermessen und bietet künftig via App eine schnellere Orientierung bei der Suche nach Meeting-Räumen und Büros.