Know-how-Transfer: Ticken wie die „Online-Jungs“

Beispiel Handel: Die gesamte Branche ist in einem fundamentalen Umbruch. Der traditionelle stationäre Handel wurde von Internethändlern wie Amazon, Zalando & Co. zum Teil eiskalt erwischt. Gründerzeit-Größen wie Quelle oder Neckermann mussten sogar aufgeben. Alain Caparros, der Chef vom Handelsriesen REWE (auch Penny, Temma, toom Baumarkt, DER Touristik), gab freimütig zu, dass die Elektroniktochter Promarkt die Konkurrenz aus dem Internet unterschätzte: „Bei ProMarkt haben wir den Online-Trend verschlafen – das war unser größter Fehler. Ich bin heute noch überrascht, wie schnell die Entwicklung uns überrollt hat. Im Weihnachtsgeschäft ließ sich das fast in einer Fallstudie nachvollziehen: Die Märkte waren zwar gut besucht, aber die Kunden kauften nicht unbedingt im Laden, sondern bestellten oft lieber online. Und leider viel zu häufig bei anderen Online-Anbietern.“

Um Bedrohungen auch für andere Konzernbereiche zu parieren und sich strategisch vorne zu positionieren, hat Caparros gehandelt und sich REWE bei digitalen Vordenker-Unternehmen eingekauft. Der Konzern ist etwa beim Online-Möbelhaus Home24 in Form einer Minderheitsbeteiligung eingestiegen. Alain Caparros: „An Home24 haben wir uns nicht beteiligt, um Möbelhändler zu werden: Wir wollen lernen, wie die Online-Jungs ticken. (...) Wir haben als traditionelle Händler keine Chance, wenn wir uns nicht mit deren Arbeitsweise beschäftigen.“

Neben Home24 hat REWE auch „commercetools“ übernommen, ein junges Münchener Unternehmen mit 40 Mitarbeitern, das sich auf cloudbasierte Software und kanalübergreifenden eCommerce (Web, Mobile und In-Store) spezialisiert hatte. Beide Start-ups sind Module und Beschleuniger in der Online-Strategie des international agierenden Handelsriesens, der seine Web-Kultur und Digitalstrategie immer mehr fokussiert.

Win-win: Metro sucht die Nähe zu den Start-ups

Auch der Handelskonzern Metro (u. a. Media-Markt/Saturn, Real, Kaufhof, Cash & Carry) setzt auf das Innovationspotenzial von externen Start-ups, mit dem der Konzern seine Position in der galoppierenden Digitalisierung festigen will. Dazu finden „Meetups“ auf dem Campus von Metro statt, also Meetings mit Metro-Managern, Gründern und Start-ups.

Das sind Ideen-Gipfel, bei denen Gründer ihre Geschäftsmodelle vorstellen, Pitch-Meetings, an denen sogar Konzern-Chef Olaf Koch teilnimmt. Es geht um das Identifizieren von Marktpotenzialen und deren Bearbeitung im digitalen Zeitalter. Das Marktbearbeitungs-Potenzial: Zwei Millionen Restaurants, Hotels, Caterer in Westeuropa, von denen heute ca. 35 Prozent noch keine eigene Webseite haben.

Auch Metro muss nachrüsten: Der Online-Umsatz lag im ersten Quartal 2014/15 bei rund drei Prozent. Was tut der Handelsriese dagegen? Er setzt jetzt verstärkt auf die Expertise von außen und gibt Gründern eine Plattform, ihre Ideen zu präsentieren.
Die Start-ups skizzieren in den Meetups Ihre Modelle, wie sie den Handel der Zukunft sehen und liefern ihre Best-Practice-Lösung dazu. Beispiele:

  • POSPulse: Das Start-up schickt Scouts mit Smartphones durch Geschäfte, die fehlende bzw. gesuchte Produkte in den Regalen erfassen und die Daten in Echtzeit weiterleiten. Das Dienstleistungsversprechen: Kunden-Know-how am Point-of-Sale live bereitstellen zu können und schneller oder günstiger zu sein als Marktforschungsinstitute.
  • „KptnCook“ bietet via APP jeden Tag neue Rezepte (z.B. Tofu-Falafel) mit Einkaufsliste und Kochanleitung an.
  • „Bauerntüte“ versteht sich als ein Wochenmarkt im Internet, der nach einer Art Abo-Modell Wurst, Obst, Gemüse oder Molkereiprodukte direkt bei Bauernhöfen kauft und sie an Privathaushalte, Kindergärten, Kioske und Großraumbüros in NRW ausliefert.
  • „Dinnery“ liefert fertige Gerichte und 3-Gänge-Menues in eingeschweißten Beuteln und Gläsern in Restaurantqualität.

Ob sich in jedem Einzelfall Kooperationen zwischen Konzern und den Gründern entwickeln, steht noch nicht fest. Jedenfalls sagt Olaf Koch: „Ich kann von allen Vieren etwas lernen.“ Im Falle des Düsseldorfer Start-ups Emmas Enkel hat sich Metro bereits für eine Beteiligung (15 Prozent) entschieden. Emmas Enkel ist eine Online-Bestell-Plattform im Look & Feel der alten Tante-Emma-Läden mit Auslieferung der bestellten Ware am selben Tag.

Digitalisierung: Sie funktioniert auch in kleinen Schritten

Elektronische Geräte, Spirituosen, Autos, Kosmetik, Reisen, Mode, ja sogar Unterwäsche wird im Internet gekauft. Nahezu jeder Wirtschaftsbereich ist vom Online-Boom bzw. vom Mega-Trend Digitalisierung herausgefordert und sieht sich dramatischen Veränderungen ausgesetzt. Energie-Kommunikationssysteme zu Hause haben längst angefangen, mit uns (via Internet) zu kommunizieren. Landmaschinen der Bauern sind GPS-gesteuert, säen und ernten internet-gesteuert. Die Produktionswelten in den Fabriken werden revolutioniert, Maschinen kommunizieren untereinander oder melden dem Betriebsleiter automatisch, wenn sie ein Ersatzteil brauchen.

Während es für Konzerne hocheffizient sein kann, sich das digitale Know-how durch Unternehmensbeteiligungen einzukaufen, auch um ganze Geschäftsmodelle (neu) aufzusetzen, kann für mittelständische Unternehmen die Strategie der kleinen Schritte der zielführende Weg sein, um Prozesse, Produkte oder Dienstleistungen rasch zu optimieren.

Beratungsunternehmen wie „Neuland“ unterstützen Unternehmen bei der digitalen Transformation von A bis Z. Am Anfang des Prozesses steht die Analyse, ob bzw. wie digital das Unternehmen sein Geschäft aktuell ausgerichtet hat oder vielmehr ausrichten müsste. Dazu werden Bereiche wie Strategie, Personal, Prozesse, Vertrieb usw. unter die Lupe genommen und auf dieser Basis ein Transformationsplan entwickelt.

Die Unternehmensgröße spielt hier übrigens keine Rolle, denn die künftige Marktstellung wird auch bei sehr kleinen Unternehmen (etwa einstellige Mitarbeiterzahl) durch den realisierten Grad der Digitalisierung bedingt: Arztpraxen und Handwerkerbetriebe inklusive.

Digitalisierung kann auch mit Modulen starten und erlaubt Unternehmen, den Anschluss an Trends zu halten oder sich effizient von Wettbewerbern zu differenzieren. Ein Beispiel ist ein Produkt der Telekom (Hotspot Plug ‚n’ Play-Paket), das beispielsweise Gastronomiebetrieben einen relevanten Wettbewerbsvorteil bietet. So eine Situation kennt fast jeder: Bevor sich ein Gast im Restaurant oder Café niederlässt, fragt er meist: „Gibt´s hier W-Lan?“ Bei der Antwort „Ja“ nimmt der Kunde Platz, bei „Nein“ fragt er im Café nebenan.

Bisher zögerten Gastro- oder auch Hotel-Betreiber mit freiem W-Lan für die Gäste – aus Gründen der Haftung (oder dem sperrigen Log-In-Prozess). Was, wenn der Gast auf unerlaubten Seiten unterwegs wäre. Jetzt können Restaurant- und Café-Betreiber einen Telekom-Hotspot ordern und den Gästen zur Verfügung stellen, ohne selbst ein rechtliches Risiko einzugehen: Weil der Gast-Datenverkehr nun voll getrennt vom Gastronom-Account (Anschlussinhaber) läuft. Auch das ein Schritt Richtung Digitalisierung der Wirtschaft.

 

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