Millionen von Einzelhändlern, Handwerkern und Dienstleistern stellen sich die Frage: Wie kann ich denn heute weiter wachsen? Geht das nur noch digital über´s Internet? Oder soll ich doch eine weitere Zweigstelle aufmachen? Viele, auch kleinere Unternehmen, setzen schon seit langem stark auf Online-Marketing und nutzen klug die Social Media, um mehr überregionale Awareness zu schaffen, sich einen markanten Ruf aufzubauen und den eigenen Umsatz richtig anzukurbeln. Die Pâtisserie "TörtchenTörtchen" aus Köln hat im "Sowohl-als-auch" den richtigen Weg für sich gefunden...

Digitale Strategie: Viele Unternehmen fokussieren auf Social Media

Social Media wie Blogs, Facebook, Twitter & Co. bieten hohes Erfolgspotenzial, wenn sie die ganz persönliche Handschrift (mit Ecken und Kanten) des Absenders tragen. Drei Unternehmer, die mit ihren Blogs herausstechen und damit besonders erfolgreich sind:

Anwalt Christian Solmecke: Der Rechtsanwalt hat sich und seiner Kanzlei durch einen Video-Blog, in dem er seit Jahren aktuelle Rechtsthemen aufgreift und reflektiert, bundesweit einen Namen als Medien-Experte gemacht – mit entsprechendem Kundenwachstum.
Fleischermeister Ludger Freese: Die Fleischerei entwickelte er zu einem Restaurant mit Party-Service (world-wide-wurst.de) weiter, den Ludger Freese mit seinem Blog „Essen kommen!“ promotet. Im Schnitt klicken seinen Blog täglich 5.000 Besucher an.
Maler und Lackierer Matthias Schultze: Der Familienunternehmer hat allein durch seinen Blog für das Unternehmen im vergangenen Jahr ein Umsatz-Plus von 600.000 Euro eingefahren.

Alle drei lassen nicht schreiben oder machen, sondern posten selbst, portraitieren sich und ihr Leistungsportfolio authentisch. Der Erfolg kommt allerdings nicht über Nacht, sondern baut sich über Jahre auf. Dafür ist der nicht flüchtig, sondern nachhaltig.

Die IHK sieht in diesen Ansätzen große Chancen vor allem für inhabergeführte Ladengeschäfte und Unternehmen, die in einem großen Einzugsgebiet liegen. Es ist zugleich das probate Mittel, um:

• sich aus einer Anonymität heraus zu arbeiten
• sich gegenüber Wettbewerbern zu differenzieren
• einen Experten-Ruf anzustreben
• um eine größere emotionale Nähe zu Kunden aufzubauen
• um Umsatz zu steigern

Top-Pâtissier Matthias Ludwigs aus Köln verfolgt eine Doppel-Strategie: Während viele Unternehmer mit Hochdruck auf digitale Medien setzen, entwickelt er sein Geschäft nicht nur digital weiter, sondern gleichermaßen stationär.

Die „kulinarische Karriere“ des 35-jährigen Co-Inhabers von „TörtchenTörtchen“: Mit 16 ging er zum ersten Mal in die Lehre, lernte Koch. Seinen Wehrdienst absolviert er in Bonn – in der Backstube des Verteidigungsministeriums (nach der Grundausbildung), heuert später auf dem „Traumschiff“, der MS Europa, an.

Digital und stationär: die Doppel-Strategie von Pâtissier Ludwigs

Mit 25 geht Ludwigs dann ein zweites Mal in die Lehre – diesmal: Ausbildung zum Konditor (inkl. Meisterbrief). Auf der anschließenden „Walz“ lernt er bei den Großen der Zunft: Sterne-Koch Dieter Müller, Stefan Marquard, Frederic Guillon. Nach Lehrjahren in der berühmten Graugans und Schloss Lerbach kürt ihn der Gault Millau 2009 zum Pâtissier des Jahres. Ganz nebenbei schreibt Ludwigs sechs Back- und Dessertbücher, tritt in TV-Back-Shows auf und hält Back-Seminare in der eigenen Eventhalle aus rotem Backstein-Gemäuer.

mittelstand DIE MACHER fragte Matthias Ludwigs: Wie sieht Ihre Doppel-Strategie aus?

„Wir setzen auf Wachstum im Netz, durch das Netz und wir expandieren auch stationär. Wir eröffnen gerade unseren vierten Laden. Mit den Läden entwickeln wir uns bewusst nur regional. Köln-Bonn: das ist unser Raum. Ganz bewusst im Gegensatz zu Franchise-Konzepten oder Industrie-Produkten. Gerade heute, wo so vieles austauschbar geworden ist, ist es mir wichtig, unverwechselbar, einzigartig zu bleiben. Ziel ist, dass wir das auch durch unsere regionalen Läden und unser handwerkliches Backen erreichen. Ich möchte, dass man TörtchenTörtchen mit Köln, mit der Region verknüpft.

Gleichzeitig können wir durch die Homepage und unsere Social Media-Aktivitäten unsere Marke national aufbauen. Das funktioniert. Vorher war ich skeptisch, aber es funktioniert. Wir erreichen so Kunden und Aufmerksamkeit in ganz Deutschland und sogar in den angrenzenden Ländern. Es kommen Holländer oder Belgier gezielt in unsere Läden. Das ist mein Ziel, dass sich Menschen – auch wegen TörtchenTörtchen – bewusst nach Köln aufmachen. Die Läden erlauben uns, unverwechselbar zu bleiben. Am Ende zahlt beides – digital und stationär – aufeinander ein. Unsere 6.000 digitalen Follower sind ja letztlich auch unsere Kunden. Steigt die Zahl der Follower, steigt auch die Zahl der Kunden.

So gesehen sind wir ein digitaler Tante-Emma-Laden. Durch unsere Läden hier verwurzelt, ganz nah am Kunden, kantig-markant, urig, unverwechselbar. Dabei aber in der Kommunikation nach außen, über die Landesgrenzen hinaus, immer mehr eine Marke – die auch online wächst.“

Blick auf die Facebook-Seite von TörtchenTörchen. Blick auf die Facebook-Seite von TörtchenTörtchen. (© 2015 M. Ludwigs)

 

Auf welche sozialen Kanäle setzen Sie?

„Unsere Favoriten sind: Facebook und vor allem Instagram. Die richtigen Medien für uns. Dadurch schaffen wir es, wenn Leute von außerhalb nach Köln kommen, dass sie eben auch zu uns kommen. Der andere wichtige Punkt ist: Gerade auf Fotos kann man soviel herauslesen. Viele von denen entstehen natürlich in den Back-Events bei uns im Haus. Da sehe ich, was die Leute flasht. Sehe sofort, was ankommt. Die Menschen fotografieren Dinge und vermitteln mir damit Details so, wie sie es mir sonst nie sagen würden. Mit den Informationen, die ich dadurch bekomme, kann ich mich natürlich stetig verbessern. Gerade in der Selbständigkeit: Da sagt einem ja keiner mehr, wo´s langgeht: außer der Kunde. Natürlich bleibt dann auch gelegentliche Kritik nicht aus. Gott-sei-Dank: Denn auch das hilft mir wiederum, meine Abläufe, Prozesse oder Einstellungen zu verbessern.“

TörtchenTörtchen suchte via Facebook Tester für ein Online-Vertriebsprojekt. TörtchenTörtchen suchte via Facebook Tester für ein Online-Vertriebsprojekt. (© 2015 M. Ludwigs)

 

Verkaufen Sie online?

„Wir wollen das forcieren. Durch die Online-Medien, die Bücher und unsere Back-Kurse, die wir hier auch jede Woche geben, steigt die Nachfrage. Wir haben über Facebook mal einen ‚Testballon’ steigen lassen. Wollten wissen, ob sich Macarons auch online verkaufen lassen, haben dazu Macaron-Tester im Netz gesucht und gefunden. Der Test verlief erfolgreich, sodass wir nun mit einer angemessenen Geschwindigkeit den Online-Verkauf aufbauen.“

Wie schnell möchten Sie wachsen?

„Organisch und qualitativ. Wir haben mal über Franchising nachgedacht, das aber wieder verworfen. Industrielle Macarons sind nicht unsere Sache: Wir backen jeden Tag frisch – das ist auch genau das, was ich will. Und unsere Qualität macht uns so schnell keiner nach. Da kann man reinbeißen und schmeckt genau den Unterschied. Unser Reason Why!“

In dieser Backstube gibt Spitzen-Pâtissier Matthias Ludwigs jede Woche Backkurse. In dieser Backstube gibt Spitzen-Pâtissier Matthias Ludwigs jede Woche Backkurse. (© 2015 M. Ludwigs)

Ihr Unternehmens-Ziel?

„Ich möchte jeden Tag stolz auf meine Arbeit, auf unsere Produkte, unser Unternehmen sein. Ich habe das Glück, dass ich meinen Beruf liebe und Leidenschaft für ihn habe. Der ist aufregend: jeden Tag. Was ein Freund mal formulierte, gilt abgewandelt so auch für mich: Das tollste Rezept für mich ist das, was ich noch nicht gebacken habe. Der Konditorei in Deutschland ist in der Vergangenheit Originalität, Unverwechselbarkeit abhanden gekommen. Ein Ziel von mir ist, der Konditorei durch meine Ideen wieder mehr Charakter und Anerkennung zu erarbeiten. Daran möchte ich ‚mitbacken’...“

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