Wir hören und lesen es täglich: Die Digitalisierung dringt unaufhaltsam in alle Branchen vor. Sie stellt jahrzehntelang etablierte Geschäftsmodelle und bewährte Geschäftsprozesse in Frage. Marktanalysten, Unternehmensberater und Trendforscher warnen eindringlich vor den Folgen des digitalen Umbruchs. Ihre Botschaft: Unternehmen müssen schleunigst ihre Strategie anpassen und ihre Geschäftsprozesse vernetzen. Wer heute nicht digitalisiert, wird früher oder später untergehen.

„Viele Firmen haben sich viel zu wenig Gedanken darüber gemacht, wie sie ihr Geschäftsmodell digital anpassen können“, meint Karl-Heinz Land, Unternehmensberater und Digitalexperte in Köln. Gerade kleine Betriebe und kleine Firmen verlieren den Anschluss, warnt er. „Die Kunden wandern ab, Markt und Angebote verändern sich.“

Auch wenn die Zahl der Schwarzmaler groß ist, die Chancenverwerter überwiegen: Wer seine mittelständische Firma oder seinen Betrieb technisch fit hält, kann im internationalen Wettbewerb locker mithalten. Das fängt mit einer durchdachten Internet-Präsenz an und geht über die Vernetzung mit Standorten, Partnern, Lieferanten und Kunden bis zur Nutzung der Cloud.

Zunehmend wichtiger werden Online-Shops als weitere Vertriebskanäle, der Einsatz von Social Media für eine effiziente Kommunikation und Zusammenarbeit im Unternehmen sowie die sogenannte Maschinenkommunikation (M2M).

Rolf Hollander Cewe Color hat den Sprung in die digitale Welt geschafft: Den Umsatzrückgang im analogen Fotogeschäft konnte das Unternehmen mehr als kompensieren, berichtet Rolf Hollander, CEO von Cewe Color. (© 2015 Cewe Color) - http://cewe.de

Zeichen der Zeit erkennen

Es gibt wenige Unternehmen, die mit klarem Blick frühzeitig erkennen, wie digitale Produktionsprozesse die herkömmliche analoge Welt anfangs ergänzen, bald aber die Prozesse auf den Kopf stellen. Beispiel Fotoshops: Wie hätten die ehemaligen Fotofachläden überleben können, wenn immer mehr Kunden auf neue Digitalkameras umsteigen und sie zudem weniger Fotos, Alben und Kalender kaufen?

Eine bedrohliche Entwicklung, dessen Folgen der Fotodienstleister Cewe Color aus Oldenburg bereits 1997 erkannt hatte. Folgerichtig stellte das Unternehmen die weltweit erste Annahmestation für digitale Bilddaten in einem Fachgeschäft auf. Logisch auch der nächste Schritt: Die Entwicklung einer Bestellsoftware für Endkunden übers Web. Seit 2004 funktioniert die Onlinebestellung auch per Smartphone.

Immer wieder nutzt die Neumüller Cewe Color Stiftung neu aufkommende Techniken und setzt Standards bei der Einführung digitaler Techniken und Produkte. Das Ergebnis: Den Umsatzrückgang im analogen Fotogeschäft konnte das Unternehmen nicht nur kompensieren, sondern durch Zusatzangebote wie Kalender, Grußkarten und Fotobücher steigern. Zusätzlich wurde der Online Druck als erweitertes Geschäftsfeld ausgebaut, berichtet CEO Rolf Hollander.

Zukünftig will die Versandapotheke seine Kunden mittels Videochat beraten. Zukünftig will die Versandapotheke seine Kunden mittels Videochat beraten. (© 2015 DocMorris)

Digitalisierung richtig einsetzen

Ähnlich konsequent geht der Versandapotheker DocMorris in Sachen Digitalisierung vor. Neben der schnellen Lieferung setzt DocMorris auf eine vertrauliche und detaillierte pharmazeutische Beratung – bisher am Telefon oder per E-Mail.

Um die Interaktion mit seinen Kunden auszubauen, setzt DocMorris jetzt den so genannten LiveBerater der Telekom ein. Seit einigen Wochen testen einige Kunden die neue Lösung auf Herz und Nieren – mit positivem Feedback. Nach der Pilotphase will DocMorris den LiveBerater auf der Website integrieren.

Bei DocMorris werden die Beraterplätze mit HD-Kamera, PC und Headset ausgestattet. Auf Kundenseite ist der LiveBerater einfach zu bedienen: Der Anwender klickt auf einen Link, und nach einem kurzen Systemtest wird eine Verbindung zur Versandapotheke hergestellt. Dabei sieht der Nutzer auch, wie lange er noch auf sein Beratungsgespräch warten muss. Die technischen Bedingungen für den LiveBerater wie ein Mikrofon sind bei handelsüblichen Rechnern oder auch Tablets und Smartphones inzwischen Standard. Die benötigte Bandbreite des Anschlusses von zwei MBit/s ist in der Regel auch in ländlichen Gebieten verfügbar.

Per Videochat beantwortet das pharmazeutische Fachpersonal die Fragen der Patienten. In einem weiteren Fenster lassen sich während des Gesprächs Videos, Animationen oder Bilder einblenden. Zudem können die DocMorris-Berater gemeinsam mit den Kunden Dokumente bearbeiten. Und nach dem Gespräch kann der Nutzer alle gezeigten Informationen herunterladen. Die Berater-, Kunden- und Backend-Applikationen stellt die Telekom aus der Cloud zur Verfügung.

DocMorris ist ein gutes Beispiel für die Suche nach innovativen Digitallösungen, um das bestehende Geschäft oder Prozesse auszubauen. „Nur wer seine Firma oder seinen Betrieb technisch fit hält, kann im Wettbewerb mithalten“, bestätigt auch York von Borcke, Co-Autor des Bestsellers „Think new – 22 Erfolgsstrategien im digitalen Business.“ „Es gibt übrigens keine Standardlösung, die für alle gilt“, sagt von Borcke. „Aber insgesamt kann man sehr wohl feststellen: Die Fähigkeit und Potenziale jedes einzelnen Mittelständlers lassen sich durch die Digitalisierung deutlich besser nutzen.“