Es klingt so banal wie selbstverständlich: Technik ist Männersache. Kein Vorurteil, wie man meinen könnte. Denn Zahlen vom Bundesverband Deutsche Startups e. V. belegen schwarz auf weiß: Von allen technischen Neugründungen hierzulande entfielen 2013 gerade 13 Prozent auf Frauen. Start-ups zählen damit zu den letzten Bastionen der Männerwelt.

Das soll sich bald ändern: Die Geekettes, eine Plattform für Frauen in der IT, sind angetreten, das überfällige Gleichgewicht herzustellen. „Wir dürfen nicht länger zulassen, dass diese wichtige Industrie von nur einem Geschlecht dominiert wird“, fordert Gründerin Jess Erickson kämpferisch. Vom weiblichen Einfluss auf die Entwicklung und das Design von Technologien, davon ist Erickson überzeugt, werden Produkte erfolgreicher, vielfältiger und innovativer.

Frauen und Technik Berliner Geekettes: Jess Erickson (l.) und Denise Philipp (© 2015 Werner Amann)

Die Geekettes betonen ihre soziale Kompetenz

„Wir suchten nach einem Namen, der uns nicht in die Girlie-Ecke stellt, aber doch die weibliche Note betont“, erklärt Ko-Gründerin Denise Philipp. Eine Geekette, die weibliche Form von Geek, verfügt im Unterschied zum Nerd nicht nur über technische, sondern auch über soziale Kompetenzen. Beide Gründerinnen sind denn auch smarte, gepflegte Frauen. Das Bild der langweiligen IT-Nerds strafen sie Lügen: Sie sind selbstverständlich an Mode und Design interessiert, sind natürlich glänzend ausgebildet – echte Business-Frauen.

Wenn wir Frauen heute nicht mitmachen, stehen wir in zehn Jahren komplett außen vor.

Denise Philipp

Ko-Gründerin Berlin Geekettes

Jess Erickson (29), US-Amerikanerin aus Minneapolis mit norwegisch-koreanischen Wurzeln, studierte an der London School of Economics and Political Science. Sie arbeitete zuvor als PR-Managerin bei verschiedenen Start-ups in Berlin wie 6Wunderkinder und General Assembly, einer Weiterbildungsorganisation für Technologie, Unternehmergeist und Design. Dass Jess wenig Deutsch spricht, spielt keine Rolle. Berlin ist längst international, die Start-up-Szene sowieso.


Netzwerk für Gleichgesinnte

Berlin  Geekettes Berlin Geekettes (© 2015 Geekettes)

 

Die Plattform bietet technikinteressierten Frauen Workshops, Seminare und ein ausgefeiltes Mentorenprogramm. Eine Außenstelle der Geekettes gibt es in Hamburg. Das Ziel bis Ende 2014: mindestens 10.000 Geekettes. Hier geht es zum Netzwerk.

Denise Philipp, gebürtige Berlinerin mit südkoreanischer Mutter, ging nach dem Abitur in die USA. Sie studierte in der Nähe von Atlanta Technische Kommunikation und Informationsdesign und arbeitete dort als Technik-Texterin. Die Zeit in den USA klingt manchmal nach, etwa wenn sie aufgeregt diskutiert, dann ringt sie nach den passenden deutschen Begriffen. Heimweh und die gute soziale Absicherung brachten sie zurück nach Berlin. „Die spannendste Start-up-Metropole in Europa“, schwärmt sie.

Geekettes sind mehr als ein Netzwerk für Frauen in Technikberufen

Die Idee zu einer Non-Profit-Organisation keimte bei Jess 2011, als sie auf IT-Veranstaltungen fast nur Männer traf. Auf ihre Frage, aus welchem Grund Gründer kaum Frauen einstellen, kam die unglaubliche Antwort, Frauen würden ihre männlichen Kollegen zu sehr ablenken. Diese alte Denke hat mich echt schockiert!“, sagt sie.

Frauen und Technik Aufbruchstimmung in Berlin: Die Geekettes (v. l.): Mimmi Sjöklint, Leonie Gross, Jess Erickson, Amélie Anglade, Denise Philipp, Lisa Lang und Aurélie Bazard (© 2015 Werner Amann)

Sieben gleichgesinnte IT-Frauen lernt sie bei einem Programmierworkshop kennen, darunter ihre Mitgründerin Denise Philipp. Bald entsteht eine Facebook-Gruppe, und sie organisieren Treffen und Workshops für Frauen. Mit der Telekom haben sie ihren ersten Sponsor gefunden, mit einem weiteren stehen sie in Verhandlungen.
Die Geekettes sind weit mehr als ein Netzwerk für Frauen in Technikberufen: Sie organisieren Weiterbildungs- und Mentorenprogram-me, unterstützen Firmen bei der Suche nach qualifizierten weiblichen IT-Kräften und verhelfen Start-ups zu Investorengeld.

Frauen und Technik Von Frau zu Frau: Netzwerken gehört zum Alltag von Mimmi Sjöklint (l.) und Leonie Gross in Berlin. (© 2015 Werner Amann)

Die Begeisterung für Technik startet schon in der Schule

Außerdem gibt es die All-Women-Hackathons (2014 sind vier geplant). Das letzte Mal nahmen 115 Frauen aus 20 Nationen teil und wetteiferten um die besten frauenspezifischen Apps. 26 Projekte kamen am Ende heraus, -etwa die „Babywatch“, die den Herzschlag des Babys auf dem Smartphone anzeigt. Oder „Rent a Role Model“, die Lehrer mit weiblichen IT-Profis zusammenbringt. Denn eines der wichtigsten Ziele der Geekettes lautet: Mädchen und junge Frauen bereits in der Schule für Technik begeistern.

Das Trüppchen in Berlin-Mitte hat sich mittlerweile zu einer Organisation mit mehr als 600 Frauen und einer ersten Außenstelle in Hamburg mit über 200 Frauen entwickelt. Als Fernziel will Jess Erickson die Geekettes zu Hause in den USA organisieren, Denise Philipp in Europa. „Wenn wir Frauen heute nicht mitmachen“, sagt sie, „stehen wir in zehn Jahren komplett außen vor.“