Wer bei einem Cyborg an martialische Film-Gestalten wie Robocop denkt, der irrt. Cyborgs sind Menschen wie du und ich. Zumindest fast: Denn aus der blonden Topffrisur von Neil Harbisson wächst vom Hinterkopf bis zur Stirn eine Antenne. Er nennt sie „Eyeborg“: Sie sieht für ihn Farben und übersetzt sie in Töne. Der Künstler und Aktivist, der auf der DIGITAL2018 eine große Bühne fand, ist das Paradebeispiel dafür, dass Menschen eins werden können mit der Digitalisierung – und er ist der erste staatlich anerkannte Cyborg der Welt.

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Digitale Technologie wird zur eigenen Natur

Neil Harbisson kam farbenblind zur Welt. Vor gut 15 Jahren zerriss er den Grauschleier und ließ sich den Eyeborg implantieren. Vor seiner Stirn erfasst dieser Antennensensor die Frequenz der Farben und leitet sie an einen Chip weiter, den Ärzte in seinen Hinterkopf einsetzten. Der übersetzt die Wellenlänge des Lichts in Schallwellen, die Harbisson im Schädelknochen spürt. Ergebnis: Neil Harbisson hört Farben. Für ihn verwandeln sich Farben in Noten. Seitdem verzaubert digitale Technik die Putzmittelabteilung eines Supermarkts für ihn in eine faszinierende Klanglandschaft. Längst sei die Apparatur zu einem Teil seines Körpers geworden, erklärte er den DIGITAL2018-Gästen. Das Implantat habe sich zu einem neuen Sinnesorgan, einem natürlichen Teil seiner selbst entwickelt: „Ich nutze keine Technologie, ich bin Technologie.“ Harbisson forderte seine Zuhörer auf, seinem Beispiel zu folgen und sich in einen „Cybernetic Organism“, kurz: Cyborg, zu verwandeln. Permanente Transformation ist ohnehin sein Motto: Dank mehrerer Updates kann Harbisson inzwischen auch UV- und Infrarotstrahlung wahrnehmen und ist bereits mit dem Internet verbunden. „Mit digitaler Technologie können Sie die eigenen Sinne erweitern und die Welt ganz neu wahrnehmen.“ Seine Zukunftsvision: zum Internet der Dinge wird sich schon bald das Internet der Sinne gesellen.

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Hype um Computer-Hirn-Schnittstellen

Mit der Cloud ins Internet der Dinge

Das Internet der Sinne ist vorerst nur ein Traum von Cyborgs wie Neil Harbisson. Mit dem Internet der Dinge dagegen haben viele Mittelständler bereits neue Geschäftsmodelle entwickelt, bieten ihren Kunden mehr Komfort, machen ihre Lieferkette transparenter oder reduzieren durch vorausschauende Wartung ihre Kosten. Mit dem Industrial Machine Monitoring Paket der Telekom können die Unternehmen beispielsweise ihre Maschinendaten erfassen und über die Cloud der Dinge überwachen. Die Wartungsarbeiten der Mitarbeiter lassen sich so viel zielgenauer planen.

Die Cyborg-Thematik ist jedoch weit weniger schräg, als sie auf den ersten Blick anmutet: Jeder, der einen Herzschrittmacher trägt oder dank eines Cochlea-Implantats wieder hört, könnte sich mit einigem Recht zur Cyborg-Spezies zählen. An der Technisierung des Menschen arbeiten nicht nur Nerds oder Künstler wie Harbisson, sondern auch seriöse Wissenschaftler.

Überall auf der Welt entwickeln Forschungseinrichtungen wie Unternehmen sogenannte Brain-Computer-Interfaces (BCI) – englisch für Computer-Gehirn-Schnittstellen. Dabei geht es ihnen darum, Hirnaktivitäten in Signale umzuwandeln – zum Steuern von Computern, Robotern oder Prothesen. Derzeit konzentrieren sich Neurowissenschaftler darauf, mit einer Computer-Gehirn-Schnittstelle bewegungsunfähigen Patienten zu helfen.

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Mehr Leistung fürs Gehirn

Dabei wird es vermutlich nicht bleiben. Nicht nur Neil Harbisson stellt die Frage, warum gesunden Menschen die digitale Optimierung des eigenen Körpers verwehrt bleiben sollte. Unternehmer und Investor Elon Musk möchte mit seinem Startup Neuralink Elektroden entwickeln, die Computer und Gehirne verknüpfen. Er will verhindern, dass nur Maschinen immer smarter werden und rechnet unseren digital getunten Köpfen bessere Chancen im Wettkampf mit der künstlichen Intelligenz aus. Noch wird über die Frage, wie viel Technik der Mensch physisch, psychisch und moralisch verträgt, wenig gestritten. Die Diskussion befindet sich erst am Anfang. Aber die Spezies der Cyborgs wird wachsen, Elektronik immer mehr mit dem Körper verschmelzen, ist nicht nur der Historiker und Zukunftsforscher Yuval Noah Harari überzeugt. „Der Homo sapiens, wie er seit Zehntausenden von Jahren existiert, wird in diesem Jahrhundert verschwinden. Unsere Nachkommen werden sich so stark von uns unterscheiden wie wir uns von Schimpansen.“

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