Haben klassische Hierarchien ausgedient?

Das Konzept der Holokratie ist relativ neu und geht auf den US-amerikanischen Unternehmer Brian Robertson zurück. In seiner Firma Ternary Software Corporation wurde das Modell Holocracy, wie es auf Englisch heißt, zum ersten Mal in der Praxis umgesetzt. Mittlerweile haben mehrere Unternehmen es bereits erfolgreich umgesetzt: Der US-Onlinehändler Zappos mit 1.500 Mitarbeitern hat sich nach diesem Modell organisiert. Dort stieß das neue Konzept aber auf einige Widerstände und zahlreiche Mitarbeiter verließen das Unternehmen freiwillig. In Deutschland experimentieren zum Beispiel das Berliner Start-up Blinkist, eine Abteilung der Telekom und einzelne Bereiche der Deutschen Bahn mit dem Konzept. Sina Haghiri von Blinkist zeigt sich im Gespräch mit „XING Spielraum“ begeistert vom Modell Holocracy: „Das führt zu enormer Mitarbeiterzufriedenheit – hier werden Werte erreicht, von denen man in klassischen Arbeitsmodellen nur träumen kann“, erklärt der Personaler.

Infobox: Holokratie

Der Begriff Holokratie stammt aus dem Altgriechischen: holos bedeutet ganz und kratia heißt Herrschaft. Im englischen Sprachraum, wo das Konzept entwickelt wurde, ist es als holocracy bekannt.

Der Kern: Statt Unternehmen nach klassischen Hierarchien zu strukturieren, sollen die einzelnen Mitarbeiter mehr Verantwortung übernehmen. Damit das funktioniert, braucht es aber klare Strukturen: Jeder Kollege muss genau wissen, für welche Bereiche er zuständig ist und mit wem er dabei zusammenarbeitet. Holokratie ist also keineswegs Büro-Anarchie, sondern funktioniert nach einem ausgeklügelten System.

Holocracy: Arbeit in Rollen und Kreisen

Die Organisationsstruktur basiert auf Rollen für die einzelnen Mitarbeiter, die wiederum in Kreisen zusammengefasst werden. So könnte es zum Beispiel einen Marketing-Kreis geben, in dem verschiedene Kollegen für Social Media Marketing, Content Marketing und Direktmarketing zuständig sind. Je nach Unternehmensgröße könnten diese Teilbereiche aber auch jeweils eigene Kreise mit verschiedenen Rollen bilden. Die Kreise organisieren sich selbst und legen die Zuständigkeiten untereinander fest. Es ist auch möglich, dass ein Mitarbeiter mehrere Rollen einnimmt und entsprechend zu mehreren Kreisen gehört. Außerdem kann er bei Bedarf auch seine Rolle wechseln und ist so flexibel in einem anderen Bereich einsetzbar. Damit die Kreise in Kontakt stehen und nicht aneinander vorbeiarbeiten, gibt es das Prinzip der doppelten Verbindung: Die Kreise entsenden jeweils einen Vertreter in den nächsthöheren Kreis, dem sie angehören, und einen in die unteren Kreise, die zu ihnen gehören.

Die Kreise treffen sich zu regelmäßigen Besprechungen. Die Kreise treffen sich zu regelmäßigen Besprechungen. (© 2017 Rawpixel.com/Shutterstock)

Strukturen ständig hinterfragen

Eine wichtige Unterscheidung, die Meetings in der Holokratie effizienter macht, ist die zwischen operativen Treffen und Steuerungstreffen. In operativen Meetings regeln die Kreise alltägliche Aufgaben. Die Steuerungsmeetings dienen dagegen dazu, die Strukturen weiterzuentwickeln: Lassen sich die Zuständigkeiten sinnvoller verteilen? Sollten zwei Kreise zusammengelegt oder einer in mehrere aufgeteilt werden? Die große Flexibilität macht es möglich und oft auch nötig, die Strukturen kontinuierlich anzupassen und auf neue Entwicklungen schnell zu reagieren.

Holokratie verändert den Alltag von Chefs

Werden klassische Hierarchien abgebaut, müssen Manager oft Entscheidungsgewalt abgeben. Das sollten sie jedoch nicht als Defizit wahrnehmen. Holocracy macht den Chef nicht überflüssig – sie gibt ihm vielmehr neue Freiheiten: Er muss nicht mehr Planungen aus jeder Abteilung absegnen, sondern wird nur noch bei kritischen Fragen konsultiert. Das verschafft ihm Freiräume, in denen er sich mit der Entwicklung neuer Konzepte beschäftigen kann. Die Mitarbeiter können dafür mehr Verantwortung übernehmen und unter Umständen sogar produktiver arbeiten.

In einer Holokratie tragen alle Mitarbeiter ihren Teil zu Entscheidungen bei. In einer Holokratie tragen alle Mitarbeiter ihren Teil zu Entscheidungen bei. (© 2017 Gajus/Shutterstock)

Checkliste: So kann Holokratie funktionieren

  • Verbindlichkeit
  • Transparenz
  • Fokus auf Rolle und Aufgabe
  • Gute Diskussionskultur
  • Flexibilität der Mitarbeiter