Sie stellen in Ihrer Einleitung zum Buch fest, dass unsere Welt ungeheuer digital geworden ist. Ist das nicht eine Binsenweisheit?

Ja klar, dennoch meinen viele Menschen, dass die Digitalisierung nur etwas mit Rechnern und ihrem PC zu tun hat. Der Anteil dessen, was wir Digitalisierung nennen, nimmt in unserem Leben mit jedem Tag zu. Wie wir arbeiten, was wir arbeiten, was und wie wir kommunizieren und interagieren, verändert sich in atemberaubender Geschwindigkeit. Wir unterschätzen auch die Folgen und die Dynamik der Digitalisierung, also wie stark und wie schnell sich alles verändert hat. Bei diesem Tempo neigen wir dazu, die Entwicklung nicht mehr zu hinterfragen. Zum Beispiel unser Smartphone: Studien belegen, dass wir täglich mindestens zwei Stunden mit dem Handy verbringen, einem Gerät, das vor einem Jahrzehnt noch gar nicht existierte.

Digitalisierung muss durch Einfachheit bestechen

Woran liegt es, dass die meisten Anwender sich kaum mit den Folgen der Technisierung beschäftigen?

Zum Mantra der Digitalisierung gehört auch die Einfachheit der Bedienung und Nutzung. Man denkt einfach nicht darüber nach, weil alles so schön bequem ist. Das hat sich so regelrecht in unser Leben eingeschlichen. Dazu kommt, dass wir sehr technikverliebt sind: Für alles gibt es scheinbar eine digitale Lösung.

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Zur Person

Kai Anderson ist ein gefragter Veränderungsexperte sowie Gründer und Vorstand der Promerit AG. Sein Spezialgebiet ist Agilität und die Aktivierung der Belegschaft in internationalen Organisationen.

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Andererseits gibt es noch viele Menschen, die in der traditionellen Industriedenke verharren, nach dem Motto: Es läuft doch alles bestens. Warum fällt es diesen Menschen so schwer, sich zu verändern und das Neue zu umarmen?

Es liegt am individuellen Verhalten des Einzelnen. Dennoch gilt als Faustregel, dass rund 20 Prozent der Mitarbeiter im Unternehmen veränderungsfähig sind. Etwa 10 bis 20 Prozent wollen oder können nicht; die Mehrheit, also 60 bis 70 Prozent, sind abwartend. Die Deutschen sind insgesamt sehr veränderungswillig, im Gegensatz zu ihrem Image mit der „German Angst“.

Sie sagen voraus, dass disruptive Techniken deutlich mehr Arbeitsplätze vernichten werden, als neue entstehen. So etwas wie sichere Arbeitsplätze wird es künftig nicht mehr geben. Das klingt doch sehr düster ...

Ich meine vor allem Arbeit im Sinne von Arbeitszeit. In Summe ist das über die Jahrzehnte deutlicher weniger geworden. Daraus ergeben sich ganz neue Fragen: Wie beschäftigen wir die Leute? Wie verteilen wir die Arbeit? Welche neuen Arbeitsformen gibt es? Es scheint zumindest so, dass wir zunehmend Routinetätigkeiten abschaffen werden. Das Service-Center der Zukunft zum Beispiel wird komplett automatisiert sein. Chatbots übernehmen den Kundendienst – wir werden davon nichts merken.

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Sie setzen sich dafür ein, die Balance zwischen Beschäftigung und Kaufkraft zu erhalten. So wird die Welt nicht von wenigen Superreichen dominiert. Ist das aber nicht schon längst eingetreten?

Wir müssen jedenfalls aufpassen, dass die Kluft nicht zu groß wird. Wir können auch den Standpunkt vertreten, dass wir nicht alles immer technisch umsetzen, was auch technisch möglich ist. Sind uns Menschen nicht wichtiger? Wir müssen das also in einer gewissen gesellschaftlichen Verantwortung sehen. Daher gehen die Diskussionen mit der Robotersteuer oder mit dem bedingungslosen Grundeinkommen schon in die richtige Richtung. Doch es ist wichtig zu verstehen: Das müsste weltweit umgesetzt werden, sonst sind wir national nicht mehr wettbewerbsfähig.

Zum Buch Digital + Human: Der Mensch im Mittelpunkt der Digitalisierung

Bettina Volkens und Kai Anderson plädieren für eine Digitalisierung, die mit den Menschen entsteht und für Menschen da ist. Beiträge aus unterschiedlichen Branchen zeigen, wie jeder Mitarbeiter eines Unternehmens sich selbst auf die Digitalisierung vorbereiten und von ihr profitieren kann. Und was Unternehmen für ihre Mitarbeiter tun können und müssen, um in der neuen Arbeitswelt Schritt halten zu können.

Das Buch „Digital + Human: Der Mensch im Mittelpunkt der Digitalisierung“ ist 2017 im Campus Verlag erschienen.

Als zentrale Antwort auf die neuen Herausforderungen setzen Sie die Bildung. Was muss jeder Einzelne für sich tun?

Ich setze auf den Willen zur Veränderung. Uns muss klar werden, dass die schöne alte Welt vergeht. Die Erkenntnis lautet: Wandel ist normal! Nach der Veränderung ist vor der Veränderung. Wandel gehört zum Leben dazu, lass es uns anpacken! Persönlich bedeutet das, eine neue Form der Agilität zu leben, offen und neugierig zu sein, Lernen als Lebensprinzip. Gleichzeitig nutzen wir die Vorteile der Digitalisierung zu wenig: Sie fördert die Kreativität und stärkt unser Schaffen. Das müssen wir uns klar machen.

Human-Digital-Cover Die vielen Autoren des Buches plädieren für eine menschenzugewandte Digitalisierung. Unternehmen wie SAP, Lufthansa, Otto, TUI und die Telekom machen es vor, und deren Vorgehensweisen werden im Band von Bettina Volkens und Kai Anderson analysiert. (© 2017 )

Sie fordern also, die Veränderung als Konstante zu akzeptieren. Wie soll das im Tagesgeschäft funktionieren?

Am Ende kommt es auf den Dialog an. Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir mit dem Team und den Mitarbeitern reden. Es bringt nichts, etwas zu verordnen, wenn zum Beispiel der Geschäftsführer befiehlt: Stellt um auf Tablet-PC. Man muss es auch vorleben, zeigen, was der Wandel mit sich bringt, und fragen: Wo wollen wir gemeinsam hin? Es ist wichtig zu verstehen: Nichts bleibt, wie es ist! Mir ist klar: Für viele Dialoge und Fragen fehlt es schlichtweg an Zeit. Es ist aber ein großer Fehler, immer nur das Tagesgeschäft zu sehen.

Ohne Führung geht nichts. Jedes Unternehmen und jede Gesellschaft braucht die Vormacher und Gestalter.
Kai Anderson, Gründer und Vorstand der Promerit AG

Das erfordert aber auch eine Abkehr vom hierarchischen Führungsverständnis. Alle müssen sich beteiligen. Doch wer führt dann, und wo kommen die Visionäre her?

Ohne Führung geht nichts. Jedes Unternehmen und jede Gesellschaft braucht die Vormacher und Gestalter. Und auch Digital Labs in den Unternehmen sind wichtig. Doch das Neue muss auf breiter Front einziehen. Es ist keine Frage von Spitzensport oder Breitensport. Die Spitze löst aus, dann ist jeder Einzelne in der Pflicht, um das Thema in die Breite zu tragen.

Letzte Frage: Dass die Digitalisierung Veränderung bedeutet, ist unbestritten. Doch sie setzt voraus, dass wir überhaupt das Neudenken lernen. Kann das gelingen?

Wir müssen uns Raum geben – und Zeit. Wir brauchen die Möglichkeit, neu zu denken. Deswegen stellen wir den Menschen in den Mittelpunkt. Er ist der Auslöser, nicht die Technik. In diesem Sinne ist der Mensch Anfang und Ende gleichermaßen.

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