Wenn die Forscher des Kernforschungszentrums CERN die Daten auswerten, die ihr Teilchenbeschleuniger generiert, nutzen sie dafür enorme Rechenkapazitäten: Gut 10.000 durchschnittliche Büroarbeitsplätze könnte ein Unternehmen mit den IT-Ressourcen betreiben, die das CERN in Spitzenzeiten aus der Open Telekom Cloud abruft. Nur ein Beispiel, das zeigt, welche wichtige Rolle Public Cloud-Computing schon heute in der Wissenschaft spielt. Die Bedeutung wird künftig noch steigen, davon ist T-Systems-Manager Jurry de la Mar überzeugt.

Herr de la Mar, warum profitiert ausgerechnet die Wissenschaft Ihrer Ansicht nach von der Cloud?

Jurry de la Mar
Jurry de la Mar Jurry de la Mar (© 2017 Telekom)

Der Physiker steht im engen Austausch mit europäischen Forschungsinstitutionen hinsichtlich Entwicklung, Implementierung und Betrieb von Cloud-Lösungen. Der IT-Experte beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit komplexen IT- und Netzwerkinfrastrukturen, seit 1994 im Dienste von T-Systems, der Großkundensparte der Telekom.

Weil die Cloud geradezu maßgeschneidert für die Bedürfnisse eines Forschers ist. Wer riesige Datenmengen verarbeiten muss oder in seiner Arbeit auf Simulationen angewiesen ist, der nutzt die Cloud. Rechenkapazitäten lassen sich flexibel über das Internet von einem Anbieter buchen. Abgerechnet wird stets nur der Verbrauch. Das ist für Wissenschaftler ideal, denn sie benötigen die IT-Infrastruktur oft nur temporär und je nach Bedarf mit mehr oder weniger Leistung. Noch vor wenigen Jahren hatten kaum Institute Zugriff auf solch extrem leistungsstarke Rechner. Heute kann sich jeder seinen Supercomputer einfach als Cloud-Lösung buchen.

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Aber ist das wirklich neu? Cloud-Computing gehört mittlerweile zum Standard, nicht nur in der Wissenschaft, auch längst in der Wirtschaft.

Das ist richtig, aber wenn wir demnächst die Zusammenarbeit unter den Instituten und Forschungsbereichen mithilfe der Cloud verbessern, wird das möglicherweise schon bald dazu beitragen, große Probleme und Rätsel der Menschheit zu lösen.

Was meinen Sie konkret?

Zum Beispiel solche, die im Zusammenhang mit Hirnfunktionen stehen. Wir verstehen noch immer nicht in allen Details, wie das Gehirn funktioniert. Deshalb gibt es noch kein Heilmittel gegen Parkinson oder Alzheimer. Um das Gehirn besser zu verstehen, sind Erkenntnisse vieler unterschiedlicher Fachbereiche notwendig. Biologie, Chemie, Neurologie, Physik – das Gehirn ist nun einmal das komplexeste menschliche Organ. Lüften wir seine Geheimnisse, haben wir die Chance, nicht nur Parkinson, sondern Hunderte von Krankheiten zu verstehen, die aus Dysfunktionen im Gehirn resultieren. So kommen wir den Ursachen auf die Spur und können wirkungsvolle Therapien entwickeln. Aktuell bremst der fehlende Datenaustausch unter wissenschaftlichen Teams den Fortschritt aber aus. Eine technologische Herausforderung, an der wir arbeiten.

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Eine Internet-Verbindung gibt es nahezu überall auf der Welt, Datenaustausch sollte da keine Hürde darstellen.

Natürlich kann jeder Wissenschaftler auf der ganzen Welt einem anderen Forscher innerhalb weniger Sekunden seine Daten mailen. Doch in der Realität gibt es noch immer zu viele Silos. Eine Herausforderung besteht zum Beispiel darin, die Informationen sauber zu verwalten und sie fachgebietübergreifend einheitlich abzulegen. Und das in einem Format, das jeder Forscher versteht, und in einer Struktur, in der sich jeder Wissenschaftler sofort zurechtfindet. Eine solche Struktur etablieren wir aktuell im Auftrag des CERN. Wir haben kürzlich den Auftrag erhalten, die europäische Forschungs-Cloud-Lösung Helix Nebula aufzubauen und zu betreiben. Ein wesentlicher Bestandteil wird dabei die Open Telekom Cloud auf Basis von OpenStack sein.

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Wie funktioniert das?

Wie die Cloud dabei hilft, Krankheiten zu heilen

Zahlreiche Wissenschaftler weltweit arbeiten täglich an denselben Fragen. Etwa, wie das Gehirn genau funktioniert; das Denkorgan zählt nach wie vor zu den großen Rätseln der Menschheit. Ohne ein grundlegendes Verständnis seiner Funktionsweise gibt es keine wirksame Therapie gegen Krankheiten wie Parkinson oder Alzheimer. Doch wenn die Wissenschaft ihre Kräfte bündelt, indem Forscher ihre Erkenntnisse teilen, könnten sie deutlich schneller vorankommen. Das ist die Idee hinter Helix Nebula, der europäischen Wissenschafts-Cloud auf Basis der Open Telekom Cloud, die T-Systems im Auftrag des CERN aufbaut.

 

Die Public Cloud der Telekom kommt nicht nur aufgrund ihrer flexiblen Skalierbarkeit gut bei wissenschaftlichen Nutzern an, sondern auch aufgrund ihrer offenen Architektur auf Basis von OpenStack – ein Cloud-Betriebssystem, das in der Wissenschaft gerne genutzt wird.

Dazu muss man verstehen, wie Wissenschaftler arbeiten. Vor 30 Jahren hat noch jeder für sich geforscht. Kaum jemand hat interdisziplinär gearbeitet. Anders die Medizin: In Krankenhäusern liefen die Fäden schon immer zusammen. Biologen, Chemiker, Physiker. Und dieses Prinzip versuchen wir gerade, in alle Bereiche zu übertragen. Wir möchten unter dem Dach einer übergeordneten Instanz unterschiedliche Bereiche integrieren. Also Zusammenarbeit im großen Stil fördern, die nicht nur international, sondern auch interdisziplinär funktioniert. Heißt konkret: Wo bisher beispielsweise ein einzelner Physiker aus Norwegen nicht mit dem renommierten CERN zusammenarbeiten konnte, macht Helix Nebula das künftig möglich. Dafür schaffen wir jetzt die Voraussetzungen, damit Wissenschaftler künftig im Forschungsverbund die großen Fragen der Menschheit beantworten können.