"Am 30. Januar, nachts um halb eins, kam der Anruf von Peter Star", erzählt Bernheim. "Er weiß, dass ich erst sehr spät schlafen gehe. Er darf das." André und Ronnie, die Gebrüder Bernheim, wie sie von ihren 1200 Angestellten und Millionen Schweizer Uhrenträgern genannt werden, lenken die Firma Mondaine und deren zahlreiche Tochterfirmen gemeinsam. "Wir können uns blind aufeinander verlassen", sagt Ronnie, der acht Jahre ältere Bruder. Klar, dass sie auch gemeinsam die Verschwiegenheitsklausel später unterschreiben, die Stas ihnen als Bedingung abverlangt, als er in dieser Nacht um ein baldiges Treffen bittet. Noch wissen die Brüder nicht, worum es geht.

Drei Tage später stehen sich Stas und die Brüder Bernheim im Bahnhof Bern, auf der Strecke zwischen Genf und Mondaines Firmensitz Biberist, gegenüber. "Noch während uns Peter Stas seinen Prototyp erklärt hat, haben Ronnie und ich uns entschieden. Wir mussten uns nur einmal ansehen und wussten: Wir sind dabei", sagt André.

Alles an seinem Platz?  Martin Eugster prüft noch einmal, ob alle elektronischen Bauteile in dem Kaliber richtig sitzen. Ursprünglich wurde das Werk entwickelt, um Zeit und Datum anzuzeigen. Heute sind hier Sensoren eingebaut, die den Schlaf messen und die Schritte des Nutzers registrieren. Auch der winzige Bluetooth-Funkchip  wurde hier untergebracht. Alles an seinem Platz? Martin Eugster prüft noch einmal, ob alle elektronischen Bauteile in dem Kaliber richtig sitzen. Ursprünglich wurde das Werk entwickelt, um Zeit und Datum anzuzeigen. Heute sind hier Sensoren eingebaut, die den Schlaf messen und die Schritte des Nutzers registrieren. Auch der winzige Bluetooth-Funkchipwurde hier untergebracht. (© 2015 Tom Haller)

Stas erklärt den Uhrenbauern, was er vorhat, und ermuntert die beiden, eine eigene Connected Watch zu entwickeln. Lizenzen und die Technik der Sensoren sollen von MMT kommen. Mit einem Handschlag an diesem grauen, frostigen Morgen des 2. Februar startet Mondaine in ein neues Zeitalter: Die 1951 gegründete Firma verbindet ihre klassischen Uhren erstmals mit dem Internet.

Seit dem 29. Juli läuft der Verkauf der Helvetica 1 Smartwatch. Zum Start gilt der Einführungspreis von 795 Schweizer Franken, danach werden 100 Franken mehr fällig. Nur sechs Monate hatten die Entwickler und Konstrukteure Zeit, um das Projekt "Connected Watch" auf die Beine zu stellen. Die Uhr funktioniert im Prinzip wie die von Frédérique Constant. Die Konstruktion musste aber angepasst werden. "Wir haben in das Gehäuse einen doppelten Boden eingezogen", sagt Uhrmacherin Nicole Geiger, bei Mondaine für die Montage der Kaliber zuständig.

Das dritte Auge:  Ohne Lupe geht in der  Produktion nichts. Sie  ist ständiger Begleiter  von Uhrmacherin  Nicole Geiger. Das dritte Auge: Ohne Lupe geht in derProduktion nichts. Sieist ständiger Begleitervon UhrmacherinNicole Geiger. (© 2015 Tom Haller)

Bis zu 2400 Uhrwerke werden täglich unter den Augen der jungen blonden Frau mit den schlanken Händen bei Mondaine zusammengefriemelt. Es ist Millimeterarbeit, kein Staubkorn darf sich zwischen Rädchen, Zeiger oder Zifferblatt niederlassen. "Im Boden sitzt der Gong, der dann seinen Besitzer weckt, wenn es für ihn am günstigsten ist", erklärt Geiger einen der Vorteile der Smartwatch und streift sich die obligatorischen rosafarbenen Gummihütchen über Daumen und Zeigefinger, bevor sie nach einem Uhrwerk greift. Schweiß und Körperfett sind für die Kaliber Gift, abgeschnittene Gummihandschuhe sollen die filigrane Mechanik schützen. Das wird seit jeher so gemacht. Wie viele der neu entwickelten Werke hier am Hunnenweg in Biberist pro Jahr gebaut werden sollen, weiß sie nicht, denn noch kann niemand abschätzen, wie die Uhren laufen werden.

Die Smartwatch Helvetica 1 von Mondain ist für knapp 900 Schweizer Franken zu haben. Die Smartwatch Helvetica 1 von Mondain ist für knapp 900 Schweizer Franken zu haben. (© 2015 Mondain)

Mondaine: Helvetica 1 Smartwatch

Connected Watch: Ein leichter Druck auf die Krone signalisiert der Uhr, dass ihr Besitzer zu Bett geht. Die Mondaine Helvetica 1 Smartwatch beginnt mit ihrer Arbeit und zeichnet minutiös den Schlaf auf, das Handy bleibt solange außen vor. Die Verbindung mit dem Smartphone und der zugehörigen App erfolgt später. Der integrierte Wecker klingelt nur in einer Leichtschlafphase und nicht, wenn man tief schläft. Im Tagesmodus zählt die Armbanduhr Schritte und misst die Aktivität des Trägers. Die Anzeige im unteren Drittel der Uhr verrät das angestrebte Tagesziel.

Wissen: Das Silicon-Valley der Uhrmacher

Die großen mehrstöckigen Häuser 
in La Chaux-de-Fonds stehen in Reih und Glied, alle adrett nach Süden ausgerichtet, wie Sonnenblumen, die sich zum wärmenden Licht drehen. Drei bis vier Kilometer lang, Straßenzug um Straßenzug, fällt in den oberen Stockwerken viel Licht durch die Fensterfronten herein. 
Hier befinden sich Ateliers und Werkstätten der Uhrmacher, die im letzten und vorletzten Jahrhundert Pendeluhren, seltene Turmuhren und später aufwendige Armband- und Taschenuhren in filigraner Arbeit zusammenbauten. La Chaux-de-Fonds galt Ende des 19. Jahrhunderts als Mittelpunkt der weltweiten Uhrenindustrie: Die Hälfte aller Uhren stammten aus dem Bergdorf im Hochjura.

Ortsbild von La Chaux-de-Fonds. Einst stammte die Hälfte aller Uhren aus diesem Dorf in Kanton Neuenburg. La Chaux-de-Fonds galt als Silicon-Valley der Uhrmacher. Dann kam in den 1970er-Jahren die Quarzkrise. Ortsbild von La Chaux-de-Fonds. Einst stammte die Hälfte aller Uhren aus diesem Dorf in Kanton Neuenburg. La Chaux-de-Fonds galt als Silicon-Valley der Uhrmacher. Dann kam in den 1970er-Jahren die Quarzkrise. (© F1online)

Es war so etwas wie das Silicon-Valley der Uhrmacher. Über die Zeit prägten die Feinmechaniker das Erscheinungsbild des Städtchens. Sie reglementierten zum Beispiel die Höhe der Häuser und die Länge der Vorgärten. So konnte am kürzesten Tag des Jahres, dem 21. Dezember, die Sonne über das Dach des Vorhauses in die Ateliers hineinstrahlen und den Uhrmachern genug Tageslicht bieten. Anfangs lebten 5.000 Seelen im Bauerndorf bei Biel. Nach und nach siedelten sich französische Hugenotten an, die das Uhrenhandwerk mitbrachten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die Siedlung auf 24.000 Einwohner gewachsen. In den 70er Jahren war Schluss, und die Stadt wurde zum Symbol des Niedergangs der Schweizer Uhren-industrie. Seit 2000 geht es wieder aufwärts, viele namhafte Hersteller wie Corum, Ebel, Girard-Perregaux und TAG Heuer sind zurückgekehrt. Jetzt gelten die Sonnenhäuser wieder als Symbol der Hoffnung.

Weiterführende Links zum Thema

Frédérique Constant: Die Digitalisierung der Schweizer Uhrenindustrie

Mondaine

Montblanc: Display im Armband