Morphologischer Kasten: Produktentwicklung mal anders

Neue Produkte zu kreieren oder bestehende weiterzuentwickeln gehört für viele mittelständische Unternehmen zum alltäglichen Geschäft. Doch nicht immer fällt das leicht. Oftmals denkt man in alten Bahnen und kommt nicht so richtig vorwärts.

Morphologischer Kasten

Der morphologische Kasten ist eine ganzheitliche Kreativitätstechnik. Sie ist benannt nach dem Schweizer Astrophysiker Fritz Zwicky (1898 - 1974). Der Kasten, eine mehrdimensionale Matrix, bildet dabei den Kern der morphologischen Analyse. Morphologisch deshalb, weil der untersuchte Gegenstand verschiedene Formen (griechisch: morphe) annehmen kann.

In solchen Situationen helfen Methoden, die sich über einen langen Zeitraum bewährt haben. Eine kaum bekannte, aber verblüffend simple Vorgehensweise ist der morphologische Kasten. Keine Angst, das Ganze ist wesentlich einfacher, als der Name vermuten lässt.

Man braucht nicht viel, um – im übertragenen Sinne – einen morphologischen Kasten zu bauen. Eine oder mehrere Stunden Zeit. Außerdem einen Tisch, Stifte und Papier. Es ist möglich, allein vorzugehen, aber dann besteht die Gefahr, mögliche Parameter zu übersehen. Besser geeignet ist eine Gruppe aus etwa einem halben Dutzend Personen.

Die Matrix nimmt Gestalt an

Wer hat es erfunden? Ein Schweizer natürlich. Im englischsprachigen Raum ist der morphologische Kasten deshalb nach seinem Erfinder Fritz Zwicky als Zwicky-Box bekannt. Egal, wie man die Technik letztendlich nennt, am Ende kommt es darauf an, kreative Antworten auf eine konkrete Frage zu bekommen.

Zunächst gilt es, das Problem möglichst konkret zu beschreiben. In diesen ersten Schritt sollte man ruhig viel Zeit investieren, denn das Ergebnis hängt von einer möglichst genauen Definition ab. In unserem Beispiel bleiben wir bei der Entwicklung eines neuen Produkts. Im zweiten Schritt wird eine Matrix gezeichnet. In diese morphologische Matrix trägt man untereinander mögliche Parameter ein. Dabei wird oft auf eine andere Kreativitätstechnik zurückgegriffen, nämlich das Brainstorming. Die Parameter sollten sich nicht überschneiden. So lassen sich später freie Kombinationen bilden. Typische Produktparameter sind etwa Größe, Material oder Form.

Hat man die Parameter beieinander, geht es an das Sammeln von Ausprägungen. Man beschreibt, welche verschiedenen Formen oder eben Ausprägungen die Parameter haben können. Auch hier hilft ein Brainstorming. Die Matrix hat am Ende idealerweise die Form eines Rechtecks. Es kann aber auch vorkommen, dass sich nicht für jeden Parameter gleich viele Ausprägungen finden. Das ist nicht weiter schlimm.

Bekannte Parameter neu kombiniert

Der morphologische Kasten ist fertig. Aber nun kommt der spannendste und auch unterhaltsamste Teil. Jetzt werden alle möglichen und unmöglichen Kombinationen gebildet. Verboten ist zunächst einmal gar nichts. Selbstverständlich sollten die Verknüpfungen ein realistisches Produkt ergeben, aber Kosten oder technische Einschränkungen sollten zu diesem Zeitpunkt noch keine Rolle spielen. Ob Sie nun intuitiv vorgehen oder systematisch alle möglichen Kombinationen durchspielen, bleibt Ihnen überlassen. Verknüpfungen, die sofort ins Auge fallen, sollten Sie sich gleich notieren. Gibt es sehr viele Parameter mit sehr vielen Ausprägungen, kann eventuell auch eine Software dabei helfen, alle möglichen Kombinationen aufzulisten.

Die gefundenen Verknüpfungen müssen nicht zwangsläufig diejenigen Mitarbeiter bewerten, die die morphologische Analyse vorgenommen haben. Es bietet sich an, einem anderen Personenkreis mehrere Vorschläge aus dem Prozess zu unterbreiten.

Bei der morphologischen Analyse ergeben sich innovative Kombinationen. (© 2017 Shutterstock / Syda Productions)

Morphologischer Kasten am Beispiel

Der morphologische Kasten lässt sich prinzipiell auf alle Probleme oder Fragen anwenden, ihre Stärken spielt die Technik aber bei konkreten Produkten aus, deren Form und Gestalt nicht starr vorgegeben sind. Ein gutes Beispiel für den Einsatz der Zwicky-Box ist ein Fahrrad. Mögliche Parameter sind hier Material, Farbe, Gewicht, Höhe und Form. Bei der Festlegung der Parameter sollte man nicht zu konservativ denken. Es lohnt sich, gängige Annahmen, wie ein Produkt aussehen sollte, zur Disposition zu stellen. In diesem Fall könnten auch die Anzahl der Sitze oder die Anzahl der Räder mögliche Parameter darstellen.

Bei der Definition der Parameter hilft sowohl Erfahrung als auch Fantasie. Fahrräder können aus Stahl, Aluminium, Kunststoff, Holz oder Bambus gefertigt sein. Farbe, Gewicht und Höhe lassen je nach Zielgruppe sehr unterschiedliche Ausprägungen zu. Und die Form? Wer sagt, dass ein Rad rund sein muss? Je nach Untergrund oder Einsatzgebiet darf es auch eckig sein. Neuartige Produkte entstehen nicht selten erst durch die ungewöhnliche Kombination eigentlich altbekannter Parameter.

Mehr als einen Versuch wert

Der morphologische Kasten ist eine schnelle und einfache Methode, um neue Produkte zu entwickeln oder bestehende zu optimieren. In nur fünf Schritten hat man mehrere Alternativen zur Hand. Sollten letztlich andere Faktoren die Realisierung der Produktidee verhindern, kann man durchaus einen zweiten Anlauf wagen. Andere Personen kommen womöglich auf andere Parameter oder Ausprägungen.