Neuroenhancement: Leistung um jeden Preis

Zermürbende Excel-Orgien, nervenaufreibende Telefonkonferenzen und millionenschwere Kaufentscheidungen – um dem täglichen Druck standzuhalten, schlucken immer mehr Chefs Pillen und Aufputschmittel. Und riskieren so ihre Gesundheit für den beruflichen Erfolg. Knapp drei Millionen Deutsche haben verschreibungspflichtige Medikamente wenigstens einmal geschluckt. Dies belegen die Zahlen des DAK-Gesundheitsreports 2015. Im Vergleich zu den vergangenen sechs Jahren ist das eine Steigerung von 4,7 auf 6,7 Prozent. Die Dunkelziffer dürfte noch um einiges höher liegen, denn jeder Zehnte steht Hirndoping prinzipiell aufgeschlossen gegenüber. DAK-Vorstandschef Herbert Rebscher zeigt sich besorgt:

"Auch wenn Doping im Job in Deutschland noch kein Massenphänomen ist, sind diese Ergebnisse ein Alarmsignal."

Nicht nur Top-Manager dopen

Der DAK-Gesundheitsreport wartet mit einer weiteren Überraschung auf: Nicht nur Top-Manager, sondern auch Angestellte dopen, um Stress und Überlastung in den Griff zu bekommen. Je unsicherer der Arbeitsplatz und je einfacher die Arbeit selbst, desto höher ist das Risiko für Hirndoping. Frauen konsumieren leistungssteigernde Medikamente, um emotional stabil zu bleiben. Männer wollen hingegen nicht nur bei der Arbeit, sondern auch in der Freizeit ihre eigene Performance pushen.

Hirndoping: Das sind die Auslöser

Der Fachbegriff für die geistige Leistungssteigerung ohne medizinische Notwendigkeit lautet Neuroenhancement. Um die eigene Konzentration zu erhöhen und Müdigkeit zu bekämpfen nehmen einige Chefs Kokain, Ritalin oder Modafinil zu sich. Diese Substanzen machen wach und steigern das eigene Selbstbewusstsein. Laut dem DAK-Gesundheitsreport gibt es für vier von zehn Dopern einen konkreten Anlass, um zu den verbotenen Suchtmitteln zu greifen. Dies können anstehende Präsentationen, wichtige Verhandlungen oder intensive Projekte sein. Die Doper erhoffen sich vor allem eines: Mehr Erfolg.

Nach einem kurzen Höhenflug folgt für die meisten aber die Bruchlandung. "Ein Problem ist, wieder runterzukommen, oft finden Patienten kaum noch Schlaf", erklärt Susanne Krömer, Leiterin der Psychosomatischen Abteilung der Max-Grundig-Klinik im Handelsblatt. Zudem zehren die Nebenwirkungen den Körper ausKopfschmerzen, Reizbarkeit und Herzprobleme sind die Folgen. Abgesehen davon machen Amphetamine süchtig. Konsumenten sollten sich nicht täuschen lassen: Ritalin & Co. wirken zwar wie ein kurzfristiger Turboloader fürs Gehirn. Langfristig klüger oder kreativer machen sie aber nicht.

"Komm mal wieder runter!": Diese Pillen sind gefährlich

Bei einem millionenschweren Pitch können einem Entscheider vor Aufregung schon mal die Knie schlottern. Von Beruhigungsmitteln wie Tavor, Valium oder anderen Benzodiazepinen sollten Manager dennoch die Finger lassen. Die Substanzen machen in kurzer Zeit süchtig und bringen den natürlichen Rhythmus total durcheinander. Nehmen Sie Beruhigungsmittel nur in absoluten Notfällen und am besten nach der Beratung eines Arztes ein. Auch das Schlafhormon Melatonin sollte mit Bedacht konsumiert werden. Denn Langzeitstudien über die Nebenwirkungen dieses Medikament gibt es noch nicht.

Neuroenhancement: Das können süchtige Chefs tun

Wer von Neuroenhancement abhängig ist, sollte einen radikalen Neustart wagen. Das heißt: Raus aus der Bürohölle und rein in den Entzug.  Wer über längere Zeit Amphetamine oder gar Partydrogen wie Speed und Crystal Meth konsumiert hat, braucht professionelle Hilfe. Scheuen Sie nicht davor zurück, diese in Kliniken zu suchen. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) listet die entsprechenden Therapiezentren in Deutschland auf. Auch der Fachverband Sucht hilft Ratsuchenden mit Behandlungen weiter.

Wer es bei seinem Entzug etwas luxuriöser haben möchte, kann auch im Schweizer "Küsnacht-Practice" absteigen. Eine Woche Therapie kostet im Nobel-Zentrum allerdings bis zu 80.000 Euro. Dafür verspricht die Suchtklinik eine dauerhafte Genesung des Patienten sowie absolute Verschwiegenheit.

Hirndoping: Vorbeugung ist die beste Therapie

Um erst gar nicht in den Neuroenhancement-Strudel zu geraten, empfiehlt sich ein ausgeglichener Lebensstil. Das heißt: Genügend schlafen, gesunde Ernährung, Sport treiben und soziale Kontakte pflegen. Doch auch hier gilt: Alles mit Maß und Ziel. Wenn Sie im Beruf gefordert sind, brauchen Sie nicht auch im Sport stets Höchstleistungen zu vollbringen. Die Freizeit sollte in erster Linie der Erholung dienen. Und wenn die Leistung doch kurzfristig gesteigert werden muss? Dann trinken Sie eine Tasse Kaffee oder einen Energy Drink. Das ist weitaus weniger gefährlich und macht müde Macher ebenfalls wieder munter.

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