Sie sind kniehoch und rollen in Schrittgeschwindigkeit kreuz und quer über den grauen Betonboden. Mal stur geradeaus, mal nach links, mal nach rechts. Kurven sind tabu, die orangefarbenen Fahrzeuge bewegen sich stets im rechten Winkel, hier im Amazon-Lager HAM2 in Winsen, 35 Kilometer südlich von Hamburg. Ein wenig erinnern die Geräte an Saugroboter. Nur, dass sie das Gelände nicht nach Staub absuchen, sondern nach QR-Codes. An diesen orientieren sich die 145 Kilogramm schweren sogenannten „Drives“. Ihre Aufgabe: in den schmalen Gängen zwischen voll bepackten Gestellen das Zielregal zu finden. Dort, wo die zuvor im Netz bestellten Artikel schon darauf warten, mitgenommen zu werden. Der Roboter fährt unter das Zielregal, dreht sich flink um seine eigene Achse und hebt damit das zwei Meter hohe Regal an. Das intelligente Gerät erinnert an einen Gabelstapler, nur ohne Gabelträger.

Bis zu 300 Kilogramm kann das Gerät stemmen und diese Last mit mehr als fünf Kilometern pro Stunde manövrieren. Die Vorteile: kürzere Laufwege für den Mitarbeiter, mehr Platz im Lager. „Dieses neue Logistikzentrum liegt uns besonders am Herzen“, sagt Roy Perticucci, Amazon Vice President Operations in Europa. „Für mittelständische Händler aus der Region ergeben sich neue Chancen, in ganz Europa Kunden zu erreichen.“ Die digitale Transformation mit ihren innovativen Technologien bietet neue Möglichkeiten für Logistikunternehmen und somit auch für den Einzelhandel.

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E-Commerce als Turbo fürs Logistikgeschäft

Ob Lieferroboter, digitale Lieferketten oder Paketzustellung per Drohne: Logistikdienstleister sind vorn dabei im digitalen Wandel und setzen immer mehr auf digitale Technologien – aus gutem Grund: Mehr als zwei Millionen Sendungen verschickt allein Transportunternehmer Hermes zwischen Passau und Flensburg in den Wochen vor Heiligabend – täglich. Mehr als drei Milliarden Sendungen lieferten Logistikunternehmen im gesamten Jahr 2016 aus – Tendenz steigend. Nach einer aktuellen Studie des Bundesverbands Paket und Logistik sollen es 2017 noch 30 Millionen mehr werden; bis 2020 prognostiziert der Verband ein weiteres Wachstum auf dann knapp 4,15 Milliarden Sendungen. Grund für den Anstieg, natürlich: das Geschäftsmodell E-Commerce. Für 98 Prozent der Internet-User gehört Online-Shopping laut Bitkom zum Alltag. „Die Welt des Online-Handels ist groß – und wird immer größer“, sagt Bitkom-Handelsexpertin Julia Miosga. „Aufseiten der Händler sind bereits 70 Prozent auch oder sogar ausschließlich im E-Commerce aktiv.“

Digitalisierungsindex Mittelstand: So digital ist die Logistikbranche. Digitalisierungsindex Mittelstand: So digital ist die Logistikbranche. (© 2017 Telekom)

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Digitale Technologien sorgen für mehr Pünktlichkeit

Um die Herausforderung zu bewältigen, setzen Logistikunternehmen zunehmend auf digitale Technologien – von IoT-Lösungen über virtuelle Realität bis zu Künstlicher Intelligenz. Hermes vertraut ebenfalls auf Digitalisierung: Schon im vergangenen Weihnachtsgeschäft wurde mit Robotern experimentiert, die in den Hamburger Stadtteilen Ottensen, Grindelberg und Volksdorf testweise Pakete mittels GPS direkt zum Kunden lieferten. Auf sechs Rädern rollten die Testroboter mit menschlicher Begleitung durch den Verkehr. Und brachten den Kunden die gewünschten Pakete. Der Vorteil: Mehr Waren erreichten in weniger Zeit ihren Bestimmungsort.

Das Beispiel zeigt: Die Transport- und Logistikbranche und ihre Speditionen sind längst im digitalen Zeitalter der neuen Möglichkeiten und Innovationen angekommen. Das belegt auch die Teilstudie des „Digitalisierungsindex Mittelstand“. 52 Prozent der befragten Unternehmen aus der Transport- und Logistikbranche haben die digitale Zukunft bereits fest in ihrem Geschäftsmodell verankert. Das sind mehr als doppelt so viele Nutzer wie noch im vergangenen Jahr.

Das zahlt sich vor allem an Weihnachten aus. Wenn auf den Online-Portalen die Kundenaufträge explodieren, herrscht auch bei den Versandunternehmen Hochbetrieb: Mitarbeiter suchen mit Datenbrillen in der virtuellen Umgebung die bestellten Artikel, smarte Stapler steuern Lagerregale gezielt an, vernetzte Handschuhe scannen Artikel direkt ins Bestellsystem ein. Und dank digitaler Sendungsverfolgung kann der Besteller genau sehen, wo sich das ausgewählte Weihnachtsgeschenk befindet. Für den Kunden ist das nicht mehr als ein simpler virtueller Klick – für den Logistiker in der Realität aber der Beginn eines langen Prozesses, der millionenfach am Tag wiederholt wird. Wer dabei nicht auf innovative Lösungen setzt, liefert nicht rechtzeitig. Intelligente Lösungen gleichen in diesem Fall einer digitalen Revolution und können Umsätze rapide steigen lassen.

Digitalisierungsindex Mittelstand: Welche Auswirkungen haben digitale Maßnahmen auf die Transport- und Logistikbranche? Digitalisierungsindex Mittelstand: Welche Auswirkungen haben digitale Maßnahmen auf die Transport- und Logistikbranche? (© 2017 Telekom)

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VR-Systeme für sichere Prozesse

Eines der neuen Helferlein: smarte Datenbrillen, auch Virtual-Reality-Brillen genannt. Der Kommissionierer erhält über die VR-Brille genaue Anweisungen, wo der entsprechende Artikel in der Lagerhalle zu finden ist. Mit einem Blick scannt er den Barcode des Artikels. Und empfängt über die VR-Brille den neuen Ablageort für das Produkt. Papierlisten und Klemmbretter fallen durch die neue Technologie weg, Mitarbeiter haben die Hände frei, arbeiten effizienter und verbessern so die Dienstleistung. Der Paketdienst DHL hat Augmented Reality bereits getestet. Die Erfahrung: Smarte Brillen optimieren Logistikprozesse messbar – die Kommissionierer verzeichneten nicht weniger als eine 25-prozentige Effizienzsteigerung durch die smarten Geräte.

Fuhrpark in der Cloud

Für mehr Effizienz und Sicherheit sorgen auch vernetzte Fuhrparks. Sobald ein Lieferwagen ungewollt den Fuhrpark verlässt, etwa bei einem Diebstahl, warnt ein im Wagen verbauter Sensor über die Cloud die Mitarbeiter in der Sicherheitszentrale. Damit behalten Flottenmanager den Überblick und wissen genau, wo sich welches Fahrzeug befindet. Mit dem Live-Tracking von Paketzusteller DPD beispielsweise sieht auch der Kunde auf 30 Minuten genau, wann seine Sendung bei ihm ankommt.

Mit dem Lieferroboter von Hermes könnte das in der Zukunft sogar noch genauer funktionieren – nämlich wie beim Pizzabestellen: Ist der Kunde zu Hause, informiert er das Lager. Der Roboter macht sich auf den Weg und schickt eine SMS, sobald er vor der Haustür ist. Der Kunde kann seine Bestellung dann einfach aus dem Paketfach des Roboters entnehmen – mit seinem ganz persönlichen Zugangscode.