Fachkräfte Adieu: Der Standort Deutschland verliert Know-how

Schon im Jahr 2011 titelte das ″Handelsblatt″: Handwerk beklagt Brain Drain. Damals fasste Otto Kentzler, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), zusammen: ″Die EU-Nachbarstaaten werben intensiv um unsere gut ausgebildeten und hoch angesehenen Fachkräfte.″

Warum diese Entwicklung so schwerwiegend war – und immer noch ist – ergänzt Kentzler umgehend: ″Wir haben im Handwerk keine Fachkräfte zu verschenken.″ Das Statement lässt sich ohne weiteres Ausbauen: Der Mittelstand hat keine Fachkräfte zu verschenken.

Bekanntermaßen ist es im Augenblick bereits knapp bestellt um qualifizierte Arbeitnehmer, in Zukunft wird es vermutlich sogar noch extremer. Der ″Spiegel″ zeichnete jüngst ein Bild von Krise und Notstand nach: In 15 Jahren drohe ein Mangel von rund acht Millionen Arbeitskräften. Ein Brain-Drain, also die Abwanderung von Know-how, verursacht vor diesem Hintergrund arge Probleme.

Standort Deutschland: Fachkräfte haben hohen Stellenwert

Auf der anderen Seite hat die starke Nachfrage nach deutschem Know-how einen süßen Beigeschmack. Heimische Fachkräfte sind so gut ausbildet, dass selbst Unternehmen aus dem Ausland auf dem deutschen Arbeitsmarkt wildern.

Unter Strich bedeutet das nicht einfach nur einen Abfluss der Fachkräfte, sondern zeigt, wie attraktiv der Standort Deutschland im internationalen Vergleich geworden ist – eine Entwicklung von dem sich vor allem der Mittelstand ein saftiges Stück abschneiden kann.

Das positive, internationale Image der Bundesrepublik wird unter anderem in einer aktuellen Studie von Ernst and Young bestätigt. Insgesamt wurden 800 internationale Unternehmen befragt, ob sie auf dem deutschen Markt investieren würden:

  • Für 21 Prozent der Befragten ist Deutschland der attraktivste Investitions-Standort weltweit.
  • Lediglich China, mit 38 Prozent, und die USA, mit 35 Prozent, stehen besser da.

Was genau finden diese Firmen am Standort Deutschland so gut? In der Studie heißt es:

  • hohe politische, soziale und rechtliche Sicherheit″ und
  • natürlich die gut ausgebildeten Arbeitskräfte.

Chancen und Möglichkeiten: Keine Vogel-Strauß-Politik im Mittelstand

Trotzdem bleibt die düstere Ausgangssituation: Der Mittelstand kann und darf nicht auf heimische Fachkräfte verzichten. Und leider ist eine Abwanderung von Fachkräften in vielen Fällen einfach nicht zu verhindern. Das Grün scheint schließlich anderswo immer etwas grüner als im eigenen Vorgarten.

Es gibt aber keinen Grund völlig zu verzweifeln. Warum? Die Stiftungen für Integration und Migration (SVR) hat sich dem Thema Auswanderung und internationale Mobilität im Detail angenommen und herausgefunden:

  • Junge, hoch qualifizierte Fachkräfte sind mitnichten auf immer und ewig an das Ausland verloren.
  • Es gibt also langfristig keinen Brain Drain.
  • Stattdessen entwickelt sich eine Kreisbewegung – oder eine Brain Circulation, wie es in der Studie heißt.

Mit anderen Worten: Auswanderer kommen irgendwann nach Deutschland zurück. Genau diesen Umstand machen sich kleine und mittelständische Unternehmen am Standort Deutschland zunutze. Schließlich sammeln abgewanderte Fachkräfte in New York, London, Amsterdam und Co. wertvolle – beinahe unbezahlbare – Erfahrungen und Netzwerke.

Deshalb empfiehlt auch die SVR gezielt Programme ins Leben zu rufen, die es Rückkehrer aus dem Ausland leichter macht. Für kleine und mittelständische Unternehmen lässt sich sogar ein ganz bestimmter Katalog formulieren, mit dem Fachkräfte zurückgewonnen werden können:

  • Hat die Fachkraft einen Partner oder Familie, sollte es auch für diese Sicherheiten geben – zum Beispiel durch Kinderbetreuung.
  • Das Einkommen muss am Standort Deutschland attraktiv bleiben und sollte mit den Angeboten aus dem Ausland Schritt halten können.
  • Ist in Sachen Gehalt nicht viel zu machen, können Zusatzleistungen die Attraktivität des Arbeitgebers wesentlich steigern.

Zugegebenermaßen ist das Thema Mobilität von Fachkräften sehr komplex. Nicht nur Mittelständler müssen mit einem guten Angebot um die Rückkehrer werben, auch Politik und Gesellschaft sollten sich in dieser Hinsicht noch entwickeln.

Zu verschenken hat der Mittelstand zwar keine Fachkräfte, trotzdem wird er davon profitieren, wenn qualifizierte Arbeitnehmer Auslandserfahrung sammeln.

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