Kennen Sie Woopies? Oder Grampies? Ja, kennen Sie! Woopies sind „well-off-older-people“ und Grampies „growing-retired-active-moneyed-people-in-an-excellent-state“. Solche segmentierende Kunstbegriffe haben sich Marketing-Experten ausgedacht und meinen damit die Zielgruppe: Generation 55plus. Marketeers haben noch viele andere Namen für das heterogene und hochkarätige Kunden-Segment der Senioren entwickelt: Best Ager, Silver Ager, Golden Ager. Egal, wie sie auch genannt werden: Immer mehr – und vor allem auch immer ältere Konsumenten – zieht die virtuelle Welt des Internets und des E-Commerce in ihren Bann. Die GfK taxiert die Kaufkraftsumme in Deutschland dieses Jahr auf 1.732,4 Milliarden Euro. Die Kaufkraft der über 60-Jährigen liegt davon bei 29 Prozent.

Digitalien - plötzlich Senioren-Magnet

Schon fast 60 Prozent der über 65-Jährigen shoppen bereits im Internet, kaufen ihre Bücher, Filme, Kleidung, Lebensmittel auf Online-Portalen, planen ihre Reise im Web und buchen bzw. bezahlen via Online-Banking. BITKOM Research und Forsa haben zusammen in einer Studie herausgefunden, dass selbst in so sensiblen Bereichen wie der persönlichen, medizinischen Versorgung die Berührungsängste vor digitalen Medien, vor Digitalien, immer mehr schwinden.

Offen für die Sprechstunde via Tablet

Zwei von drei Internetnutzern ab 65 Jahre konsultieren heute schon das Internet (68 Prozent), wenn es um medizinischen Rat geht. Das sind fast doppelt so viele wie noch vor vier Jahren: da waren es gerade mal 36 Prozent. Verblüffend: Jeder vierte ältere Internetnutzer würde sich inzwischen sogar online von einem Arzt untersuchen lassen – etwa per Video-Chat. Selbst in der Gruppe der über 80-Jährigen ist noch mehr als jeder Fünfte offen für einen solchen Arzt-Besuch via Web.

Die Online-Apotheke Doc Morris hat diese Entwicklung im Gesundheitsbereich antizipiert und berät in einer Pilotphase erste Kunden per Video-Chat: Wer Fragen zu etwaigen Nebenwirkungen eines Medikaments hat, wer sich die Anwendung von Angesicht zu Angesicht erklären lassen möchte, muss nicht mehr in die Apotheke um die Ecke marschieren, sondern kann sich von Screen-zu-Screen von einer Mitarbeiterin der Online-Apotheke alles vis-à-vis erklären lassen.

Wo die Reise in der zunehmend digitalisierten medizinischen Versorgung hingeht, prognostiziert BITKOM-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder: „Künftig wird es ganz normal sein, per Smartphone oder Smartwatch seine Vitalwerte zu messen und an den Arzt oder medizinische Analysezentren zu schicken.“ Nicht umsonst macht Gesundheitsminister Hermann Gröhe gewaltig Druck  für die Digitalisierung des Gesundheitswesens: Das E-Health-Gesetz soll 2016 in Kraft treten. Seit langem in der Diskussion sind etwa:

E-Übermittlung von Laborbefunden und Röntgenbildern
• Überblick über Medikamente und Unverträglichkeiten
• Speicherung elektronischer Notfalldaten
• E-Versand von Arzt- und Entlass-Briefen aus Kliniken

Fast 60 Prozent der Senioren shoppen im Netz

Natürlich vollziehen sich solche Paradigmenwechsel nicht nur im Bereich Medizin, sondern das sich rapide verändernde digitale Kunden-Verhalten der Älteren wird auch den Handel, ja wohl alle Consumer-Bereiche betreffen. Relevante Erkenntnisse aus einer Studie von BITKOM Research und forsa (1.000 Senioren über 65 Jahre) über das Internet-Verhalten von Best Agern sind:

• Fast jeder zweite geht ins Internet (45%)
• Vier von zehn Senioren sind schon ‚richtige Onliner’ (38%)
• Fast alle recherchieren zu persönlichen Interessen (81%)
Mehr als jeder zweite kauft in Online-Shops (57%)
• Mehr als jeder Zweite smst oder verschickt MMS (51%)
• Die Hälfte macht Online-Banking (50%)
• Fast jeder dritte skypt (28%)
• Dateien oder E-Mails verschlüsseln vorerst wenige (13%)

mittelstand DIE MACHER fragte Timm Lutter, den BITKOM-Branchenexperten, wo die Reise hingeht: „Bereits heute nutzen vier von zehn älteren Menschen das Internet. Vor rund einem Jahr war es erst knapp jeder Dritte. Wir sehen also: Das Interesse älterer Menschen am Internet wächst stetig. Fast jeder zweite Internetnutzer ab 65 Jahren sagt heute sogar schon, dass das Netz für ihn unverzichtbar geworden ist. Natürlich gibt es nach wie vor eine Kluft zwischen den Senioren und den sogenannten Digital Natives, also jenen, die mit dem Internet aufwachsen. Aber diese Kluft wird immer kleiner.“

BITKOM-Experte Timm Lutter. BITKOM-Experte Timm Lutter. (© 2015 T. Lutter)

Das erklärt, warum die Generation 55plus als Zielgruppe für Hersteller, Händler und Dienstleister immer wichtiger wird. Timm Lutter: „Bereits heute gibt es viele Angebote für ältere Nutzer, wie etwa altersgerechte Mobiltelefone mit besonders großen Tasten oder PC-Anwendungen mit variabler Schriftgröße. In Zukunft wird es noch wichtiger sein, dass spezielle Interessen und Bedürfnisse älterer Menschen bei der Geräteproduktion, bei der Konzeption von Software oder beispielsweise bei der Gestaltung von Websites mitgedacht werden.

Im gesamten Bereich E-Commerce liegt ein enormes Potenzial. Nicht nur die großen Lebensmittelmarkt- und Handelskonzerne arbeiten mit Hochdruck an ihren Online-Prozessen und Liefer-Dienstleistungen, um sich Wettbewerbsvorteile zu sichern. Timm Lutter: „Der Online-Einkauf dürfte für ältere Menschen besonders interessant sein, etwa wenn sie mobilitätseingeschränkt sind. Auch telemedizinische Anwendungen dürften für ältere Menschen immer interessanter werden, zumal wenn sie chronisch krank sind und in dünn besiedelten Regionen mit wenigen Ärzten wohnen.“

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