Auf der Vizions by Zalando, der ersten europäischen Plattformkonferenz am 20. April in Berlin, tauschten sich einen Tag lang rund 2.000 Teilnehmer über digitale Geschäftsmodelle aus. Vor allem beschäftigte sie wachsende ökonomische Bedeutung von Online-Plattformen für Handel, Dienstleistungen und Kommunikation.

Die etwa 100 Redner und Panel-Diskutanten kamen unter anderem aus den USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Schweden und China.

Als eine der ersten sprach die Marketing-Expertin Cindy Gallop zu den Teilnehmern. Sie hat 2009 die weltweit beachtete Social Media-Plattform „MakeLoveNotPorn“ als Gegenentwurf zu der Flut pornografischer Websites gegründet. Sie gab den Zuhörern in Berlin vor allem eine politische Botschaft mit auf den Weg: für Diversität und Gleichbehandlung unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Alter, sexueller Orientierung und Behinderung.

Die Konferenz wurde live online gestreamt. Bis zu 4.000 Zuschauer verfolgten die Diskussionen auf diese Weise im Internet. Konferenz-Moderator Bill Hayes scherzte deshalb, der Veranstalter Zalando werde an diesem Tag wohl keinen einzigen Schuh verkaufen, weil alle Mitarbeiter den Videostream eingeschaltet hätten.

Lockerer Dresscode, inspirierende Atmosphäre

Das Bier, das die Besucher der Vizions genossen, strömte selbstverständlich von unten, durch ein Loch im Boden, in die Gläser. Nur konsequent: Debattierte die erste europäische Plattformkonferenz doch einen Tag lang die Frage, wie die digitale, mobile und vernetzte Ökonomie unser Wirtschaftsleben auf den Kopf stellt. Der Online-Handelsriese Zalando hatte eingeladen; rund 2.000 Gäste kamen vergangene Woche zum erweiterten Branchentreffen ins stillgelegte Heizkraftwerk in Berlin-Mitte. Umgangssprache: Englisch, Dresscode: Casual, Atmosphäre: sehr locker und extrem inspirierend. Wer wollte, konnte hundert Speaker erleben, allesamt Top-Experten auf ihrem Gebiet, darunter etwa Marketing-Ikone Cindy Gallop (Make Love not Porn) oder Blockchain-Gründer Nicolas Cary.

Prozesse werden einfacher, Kunden können schneller erreicht werden

Die Sache mit dem Bier von unten stammt aus den USA. Der deutsche Glashersteller Rastal, der derzeit mit seinem „Smart Glass“ neue Impulse in der Getränkeindustrie setzt, hat die Technik von dort mitgebracht und auch schon auf der CeBit vorgestellt: Die Befüllung von unten ist schneller, Wartezeiten sinken, die Zufriedenheit der Gäste steigt. Ein greifbares Symbol für die digitale Plattformwirtschaft: Prozesse werden einfacher, Kunden können schneller und direkter erreicht werden. Die Technologie ist mobil und unkompliziert zu handhaben. Auch hier, so will es das Vorurteil, sind die USA den europäischen Ökonomien um ein paar Jahre voraus.

Wirklich? Hagen Rickmann, Geschäftsführer Geschäftskunden der Telekom Deutschland GmbH, sieht Deutschland etwa in Sachen schneller Datentransfers nicht schlecht aufgestellt. „Rund achtzig der Bürger und Unternehmen verfügen über einen Breitbandzugang zum Internet mit einer Übertragungsrate von 30 MB pro Sekunde“, stellte er auf dem Panel zum Thema „The Next Era of Connectivity“ fest. Bis 2018 Jahren wolle die Telekom für ihre Festnetzkunden die Rate auf 50 MB steigern. Mehr als vier Milliarden Euro investiere die Telekom jährlich in den Netzausbau, betonte Rickmann. Derzeit würde besonders in Gewerbegebieten der Ausbau vorangetrieben.

Vizions by Zalando Mehr als vier Milliarden Euro investiert die Telekom jährlich in den Netzausbau, betonte Hagen Rickmann, Geschäftsführer Geschäftskunden der Telekom Deutschland GmbH. Foto: Pablo Castagnola (© 2017 Pablo Castagnola) - ©Pablo Castagnola

Jessica Lawrence Quinn, CEO der New Yorker Tech Alliance, zeichnete für die USA umgekehrt ein eher ambivalentes Bild. Ja, US-Firmen seien führend in der digitalen Transformation. Marktdominierende Online-Plattformen wie Amazon, Facebook und Co., aber auch zukunftsweisende Startups wie die Bitcoin-Plattform Blockchain stammen aus den USA. Andererseits: Der Zugang zu schnellem und kostengünstigem Internet sei für viele Amerikaner keine Selbstverständlichkeit. Selbst in New York sei die Infrastruktur dafür nicht überall vorhanden, sagte sie.

In deren Ausbau investiere die gesamte Telekommunikationsbranche hierzulande allein in den nächsten fünf bis sieben Jahren rund 200 Milliarden Euro, betonte Hagen Rickmann. Einen neuen, starken Schub für das mobile Internet verspricht er sich vom kommenden Übertragungsstandard 5G. Bis zu 1,25 Gigabyte an Daten pro Sekunde können auf diese Weise versendet und empfangen werden. Rickmann sieht darin vor allem große Chancen für den professionellen Betrieb: „Autonomes Fahren ist ein gutes Beispiel. Ohne 5G ist das undenkbar.“ Die Deutsche Telekom testet bereits entsprechende Lösungen gemeinsam mit Partnern aus der Automobilbranche. Ein anderes Feld, auf dem 5G ganz neue Möglichkeiten eröffne, sieht Rickmann im Gesundheitsbereich: Der Standard ist dafür stabil, schnell und sicher genug. Vorstellbar sind beispielsweise Operationen mit mehreren Ärzten an unterschiedlichen Orten, verbunden über mobilen Datentransfer. Rickmanns Fazit: „Das ökonomische Potenzial für Unternehmen durch 5G ist erheblich.“

Vizions by Zalando Brücken schlagen zwischen Tech-Industrie und Mittelstand: Miriam Mertens verantwortet bei der Telekom Deutschland die Startup-Kooperationen. Foto: Pablo Castagnola (© 2017 Pablo Castagnola) - ©Pablo Castagnola

„Europa braucht europäische Plattformen“

Doch Infrastruktur ist nur die eine Seite – die andere ist, wie Unternehmen sie nutzen. Das zeigte sich deutlich auf dem Panel zum Thema „Going Global: Make It or Break It on the Startup Stage“. Miriam Mertens, bei der Telekom als Vice President zuständig für Startup-Kooperationen, diskutierte dort unter anderem mit Alice Zagury, Gründerin und CEO des Startup-Accelerators „The Family“: Warum etwa gibt es bislang keine europäische Tech-Plattform, die sich mit dem globalen Markt messen könnte?

Genau das hält Miriam Mertens für dringend notwendig. „Europa braucht europäische Plattformen“, sagte sie – große Zustimmung von ihren Mitstreitern. Sie plädierte dafür, den Fokus zu erweitern und nicht nur auf die Tech-Szene zu schauen, sondern auch den Mittelstand stärker in den Blick zu nehmen: „Wir als Telekom wollen Brücken schlagen zwischen der Tech-Industrie und den Unternehmen“, sagte sie zum Abschluss. Und griff damit auch das Motto der Konferenz auf, das lautete: „Build Platforms not Walls“.

Sollten Walls, also Mauern, auf der Veranstaltung bestanden haben, so wurden sie spätestens beim After-Work-Bier „von unten“ eingerissen. Die Technik dafür ist einfach: Dass das Bier ins Glas hinein-, aber nicht wieder hinausläuft, dafür sorgen ein um die Einfüllöffnung herum eingeschmolzener Metallring und ein Magnetplättchen, das die Öffnung verschließt. Manchmal ist die Lösung auch analog. Aber immer seltener.