Ob neuronale Netze, Machine Learning oder selbstfahrende Autos – das Thema Künstliche Intelligenz (KI) ist eins der Schlüsselthemen des Jahrzehnts. Forscher und Wirtschaftsexperten bezeichnen KI als Beschleuniger für Industrie-4.0-Anwendungen, etwa in der Autobranche oder im Handel. „KI wird bei Fahrerassistenzsystemen schon flächendeckend eingesetzt“, sagt Wolfgang Wahlster (64), weltweit führender KI-Experte und Professor für Informatik an der Universität des Saarlandes. „In der Logistik melden Temperatursensoren, wenn es ein Problem in der Kühlkette gibt. Der Einzelhandel profitiert von intelligenten Regalen, von Dynamic Pricing mit schnell anpassbaren Preisen für bestimmte Waren oder vom Positionsfinder im Shop“, nennt er weitere Beispiele.

Künstliche Intelligenz löst Ängste aus

Trotz vieler Vorteile in der Anwendung löst KI bei vielen Menschen Ängste aus. Sie befürchten den Verlust ihres Arbeitsplatzes durch Automatisierung und Digitalisierung. „Wie bei jeder technologischen Weiterentwicklung fallen Arbeitsplätze weg“, sagt Wahlster. „Aber es entstehen auch viele neue. Obwohl wir die höchste Roboterdichte in ganz Europa haben, hat etwa Deutschland am wenigsten Arbeitslose. Durch die Roboter sind wir konkurrenzfähig und können inzwischen sogar früher ausgelagerte Arbeitsplätze aus den Billiglohnländern zurückholen.“

Drei Wachstumschancen mithilfe von Künstlicher Intelligenz

Intelligente Automatisierung
Anders als bei herkömmlichen Automatisierungslösungen übernehmen KI-gestützte Innovationen komplexe physikalische Aufgaben, die Anpassungsfähigkeit und Agilität erfordern und in der Lage sind, selbstständig zu lernen.

Optimierung von Arbeit und Kapital
Vorhandene Arbeitskräfte und verfügbares Kapital können viel besser genutzt werden, da KI es den Mitarbeitern ermöglicht, sich auf das zu konzentrieren, was sie am besten können: Kreativität und Innovation.

Innovationstreiber
Einer der weniger bekannten Vorteile von KI ist, dass sie Innovationen stark vorantreibt, die sich in der Wirtschaft durchsetzen.

Eine aktuelle und repräsentative Studie des Digitalverbands Bitkom ergab, dass die Deutschen KI insgesamt recht optimistisch sehen. Die größten Vorteile erhoffen sich die Befragten für einen verbesserten Straßenverkehr (83 Prozent), für die Entlastung von körperlich belastenden Tätigkeiten (81 Prozent) sowie für beschleunigte Verwaltungsprozesse (68 Prozent).

Roboter in der Arztpraxis und im Straßenverkehr

Auch einzelne Bereiche könnten durch KI tief greifend verändert werden, so die Studie. Jeder zweite Befragte (54 Prozent) geht davon aus, dass die Polizei durch den Einsatz von KI Verbrechen schneller aufklären kann. Und 57 Prozent meinen, dass Ärzte durch KI bessere Diagnosen stellen werden. Der Furcht vor weniger Jobs durch den Einsatz von Künstliche Intelligenz hält Bitkom-Präsident Achim Berg entgegen: „Es geht nicht darum, dass ein KI-System den Polizisten oder den Arzt ersetzt. Es geht darum, dass intelligente Systeme ihm zuarbeiten“, sagt er. „So kann die Software zum Beispiel eine Vielzahl von Daten über einen erkrankten Patienten verarbeiten und diese in kürzester Zeit mit einer Vielzahl zurückliegender Diagnosen und den jüngsten Forschungsergebnissen abgleichen. Auf dieser Basis kann sie dem behandelnden Arzt eine individuell auf den einzelnen Patienten abgestimmte Therapie vorschlagen.“

Bitkom Studie KI Eine Studie von Bitkom zeigt, in welchen Bereichen Künstliche Intelligenz zum Einsatz kommen könnte. (© 2017 Bitkom)

Auch KI-Forscher Wahlster betont, dass KI richtig eingesetzt werden sollte. Dann könne Künstliche Intelligenz Wachstum fördern und nicht nur Kosten im Unternehmen senken. Doch was ist damit in der Unternehmenspraxis gemeint? „KI ermöglicht selbstlernende IT-Systeme, die in Echtzeit mit Menschen und anderen Computern kommunizieren, sich an frühere Interaktionen erinnern und eigenständig Schlüsse daraus ziehen. Sie verarbeiten große Datenmengen aus unterschiedlichsten Quellen. Das ist deutlich mehr als eine Steigerung der Automatisierung durch den digitalen Wandel“, sagt er.

Kulka Künstliche Intelligenz Helfende Hand: Die Firma KUKA zeigt den Leichtbauroboter LBR iiwa (intelligent industrial work assistant). So lassen sich etwa Kommissionierarbeiten sinnvoll zwischen Mensch und Maschine aufteilen. (© 2017 Kulka)

Wirtschaftswachstum könnte sich durch KI verdoppeln

Wahlsters These wird inzwischen von einer neuen Studie der Unternehmensberatung Accenture gestützt. Geht es nach dem Report „Boost your AIQ“, kann KI Potenziale freilegen, die sich mit einer Automatisierung allein nicht erreichen lassen. Der Report geht weiter und sieht KI als Zukunftstreiber für Industrieländer bei der Überwindung struktureller Wachstumsschwächen. Ihr Einsatz, so die Verfasser, kann die Arbeitsproduktivität um bis zu 40 Prozent steigern. Allein in Deutschland, rechnet der Report vor, könnte sich das jährliche Wirtschaftswachstum bis 2035 – gemessen an der Bruttowertschöpfung – von heute 1,4 Prozent auf dann drei Prozent mehr als verdoppeln.

„Künstliche Intelligenz wird Profitabilität und Wirtschaftswachstum nachhaltig beeinflussen.“

Jürgen Pinkl 
Geschäftsführer des Bereichs Technology Accenture

Die Voraussetzung, von den Wachstumschancen zu profitieren, sind fähige Mitarbeiter. Es gilt, die eigenen Mitarbeiter weiterzuqualifizieren, den Nachwuchs zu fördern und Spezialisten wie Data Scientists für sich zu gewinnen. Eine lohnende Investition: „In den kommenden Jahrzehnten wird Künstliche Intelligenz einen immer höheren Reifegrad erlangen“, erklärt Jürgen Pinkl, Geschäftsführer des Bereichs Technology bei Accenture. „Der gesamtwirtschaftliche Blick auf diese Entwicklung zeigt, dass sich Unternehmen aller Branchen erhebliche Vorteile durch die Nutzung der Technologie bieten“, führt er aus. Ob durch Prozessoptimierung mithilfe intelligenter Automatisierung, Erweiterung menschlicher Fähigkeiten und physischer Produktionsmittel oder als Treiber von Innovation: „Künstliche Intelligenz wird Profitabilität und Wirtschaftswachstum nachhaltig beeinflussen“, ist Pinkl überzeugt.

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