Wahlfieber: Die Chancen der flexiblen Arbeitszeitmodelle

Starre Arbeitszeitmodelle empfinden viele Angestellte als einengend. Die Alternative sind flexible Arbeitszeitmodelle: Sie ermöglichen aber nicht nur Angestellten mehr Zeitsouveränität, sagt Frank Brenscheidt, Arbeitszeit-Experte der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Auch Unternehmer profitieren davon:

"Arbeitgeber können mit der Einführung von Wahlarbeitszeit […] überzähliges Personal in wenig arbeitsintensiven Phasen einsparen, um in Stoßzeiten mit mehr Personal einen umso besseren Kundenservice zu bieten."

Geben Sie Ihren Angestellten durch flexible Arbeitszeiten die Freiheit, in Unterauslastungssituationen auch einmal frei zu machen, können Sie in besonders arbeitsintensiven Perioden mehr von Ihren Mitarbeitern erwarten.

Die abgebummelten Minusstunden können bei Bedarf mit Mehrstunden ausgeglichen werden. Vorteil: Statt auf variierendes Arbeitsaufkommen mit Neueinstellungen und Entlassungen zu reagieren, verteilen Sie die Arbeitszeit in Absprache mit Ihren Mitarbeitern einfach so, wie es Sinn macht.

Für Bastler: Das Bausteinsystem für mehr Flexibilität

Wahlarbeitszeit gibt es in vielen Varianten. Ein Arbeitszeitmodell lässt sich besonders individuell gestalten: das Bausteinsystem. Um das Modell in der Praxis erfolgreich umzusetzen, müssen Sie zwei Vorbereitungen treffen:

  1. Berechnen Sie den Bedarf an Arbeitszeit je nach Auftragslage und Kundenverhalten für einzelne Wochen, Tage oder Stunden.
  2. Erstellen Sie auf der Grundlage des Arbeitszeitbedarfs einen Personalbedarfsplan, der für alle Angestellten einsehbar wird.

Dieser Grundriss ist im Prinzip wie eine Kiste voller Zeitbausteine. Wie beim Spielen mit Bauklötzen darf sich jeder nach seinen Vorlieben und dem vereinbarten Arbeitszeitvolumen seine Tage, Wochen und Stunden zusammensetzen. So lange,  bis keine Zeitbausteine mehr da sind. Ihre Mitarbeiter sprechen sich dabei untereinander oder mit den Führungskräften ab und erleichtern Ihnen die Organisation.

Für Gewerbe mit Stoßzeiten, wo sich die zu bewältigende Arbeit zu bestimmten Tageszeiten ballt, beispielsweise im Einzelhandel oder in Bäckereien, sind flexible Arbeitszeiten daher besonders geeignet und helfen, Personalkosten einzusparen.

Arbeitszeitmodelle: Das „Bremer-Modell" hat bereits Erfolg

Ausgefallene, flexible Arbeitszeitmodelle sind nicht nur graue Theorie. Einige Firmen haben sich bereits auf das Experiment eingelassen – so auch die Bremer Landesbank. Nachdem die Wochenarbeitszeit Anfang der Neunzigerjahre per Tarif auf 39 Stunden herabgesetzt wurde, stand die Kreditanstalt vor der Herausforderung, die Servicezeiten nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern zusätzlich auszubauen.

Um mehr Zeit für die Kunden zu haben, ohne neue Stellen zu schaffen, entschieden sich die Verantwortlichen für flexible Arbeitszeiten. Im Dialog mit den Angestellten wurden Funktionszeiten, eine Form von Wahlarbeitszeit, eingeführt. Diese Einheiten beschreiben, welche Aufgaben wann bewältigt werden müssen und welche Qualifikationen dafür erforderlich sind.

Zusätzlich wurde ein Ampelkonto eingeführt:

  • Im grünen Bereich läuft es für den Beschäftigten optimal: Sind 20 Mehr- oder 20-Minusstunden auf dem Konto, muss nichts geändert werden.
  • Gelb wird die Ampel, sobald sich über 20 Mehrstunden angesammelt haben beziehungsweise mehr als 20 Stunden zu wenig auf dem Konto sind. Führungskräfte müssen in diesem Fall noch nicht zwingend eingreifen, es sei denn, sie werden darum gebeten.
  • In der Rotphase wird es allerdings kritisch: Der Beschäftigte hat 30 bis 40 Mehr- oder Minusstunden. Jetzt muss eine Führungskraft aktiv werden und zusammen mit dem Mitarbeiter nach Lösungen suchen, um die Ampel wieder auf Gelb zu stellen.

Risiken und Nebenwirkungen: Die Fallstricke der Wahlarbeitszeit

Sicherlich ist die Wahlarbeitszeit nicht für jedes Unternehmen praktikabel. Während die Beschäftigten beinahe in jedem Fall profitieren, leidet unter Umständen die Produktivität des Unternehmens. Ist ein kontinuierlicher Arbeitseinsatz für Ihren wirtschaftlichen Erfolg entscheidend, sind flexible Arbeitszeiten eventuell kein geeignetes Modell.

Auch in Unternehmen, die eine kleine Anzahl von Experten beschäftigen, sollte die Wahlarbeitszeit sorgfältig geplant werden. Können Aufgaben nicht einfach weitergegeben werden, sondern erfordern ein großes Spezialwissen, funktioniert das kollektive Baukastenprinzip nicht. Flexible Arbeitszeiten auf individueller Ebene können unter Umständen aber trotzdem möglich sein.

Möglicherweise schrecken Sie auch vor dem Verwaltungsaufwand, den flexible Arbeitszeiten mitzubringen scheinen, zurück. Ein Blick in die Praxis zeigt allerdings, dass nicht unbedingt mehr Arbeit für Sie anfällt. Beim schwäbischen Maschinenbauer Trumpf, der 2011 die Wahlarbeitszeit für 4500 Angestellte eingeführt hat, fällt die Bilanz positiv aus:

"Es ist weniger Aufwand, als wir dachten",

so der Personaler Stefan Gryglewski über flexible Arbeitszeiten gegenüber der FAZ .

Weiterführende Links:

Lesen Sie in einer Broschüre des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, wie Sie mit flexiblen Arbeitszeitmodellen Fachkräfte sichern .

In der Broschüre Flexible Arbeitszeitmodelle  der Arbeitsagentur lesen Sie, wie Sie die Personalpolitik als Arbeitgeber modern gestalten können.