Innovation aus Tradition

Ein kurzer Blick aus dem Autofenster – und man sieht Wiesen, Äcker und Bäume, so weit das Auge reicht. Zwischen Koblenz und Dernbacher Dreieck fährt man auf der A48 bis zur Ausfahrt Höhr-Grenzhausen. Dann geht es ab, direkt in den kleinen Ort hinein, wo sich die Zentrale des Glasherstellers Rastal befindet – ein großzügiges Fabrikgelände, aufgeräumt und modern.

„Willkommen im Kannenbäckerland“ steht auf den Schildern. So nannte man früher die Töpfer und Keramikhandwerker, die im Mittelalter Steinzeug und Wasserkrüge herstellten. Heute noch gilt der Ort als bedeutendes Zentrum für Keramik in Europa. Gegenüber vom Glasproduzenten Rastal lässt sich das Keramikmuseum Westerwald entdecken. Glas und Keramik, Tradition und Moderne – eine Mischung, die auch Rastal prägt.

„Wir haben für uns einen Spruch geschaffen: Innovation aus Tradition“, sagt Raymond Sahm-Rastal, Inhaber und geschäftsführender Gesellschafter von Rastal. Unter seiner Leitung und der von CEO Thomas Nieraad gestalten und produzieren rund 450 Mitarbeiter jährlich 120 Millionen Gläser für Kunden in aller Welt.

Über Rastal

Gründung
1919
 
Firmengründer
Eugen Sahm
 
Standort
Höhr-Grenzhausen
 
Inhaber
Raymond Sahm-Rastal,
Maximilian Sahm
 
Geschäftsführender Gesellschafter
Raymond Sahm-Rastal
 
CEO
Thomas Nieraad
 
Belegschaft
450 Mitarbeiter
 
Produktionsvolumen
120 Millionen Gläser pro Jahr
 
Internationalität
36 Vertretungen in aller Welt

In Höhr-Grenzhausen geschieht das bereits seit fast 100 Jahren. Im Jahr 1964 erfand Rastal das Marken-Exklusivglas für Bitburger, später für viele weitere Marken wie Warsteiner oder Ramazzotti. Jedes Gefäß besticht mit einem individuellen Design, das einer einzigen Marke vorbehalten ist – von schlanken Tulpen für Pils über bauchige Maßkrüge bis hin zu eleganten Spezialgläsern für Craft-Beer-Brauereien. Keine Frage, Firma aus dem beschaulichen Westerwald hat die weite Welt des Glasdesigns geprägt.

Wissen, wer was wann trinkt

Doch heute herrscht in der Gastronomie und in der Getränkeindustrie ein gewaltiger Wettbewerbsdruck. Die Konsumenten lassen sich schwer erreichen, die Markentreue nimmt ab. Gäste und Kunden erwarten mehr Abwechslung und einen individuellen Auftritt. Die Branche fragt sich: Wie lassen sich Konsumdaten vor Ort in Echtzeit erheben, also wer trinkt was, wann und wie viel? Wie können Restaurantbesitzer und Gastwirte ihre Prozesse optimieren? Und wie lässt sich die Servicequalität steigern und die Kundenbindung stärken? Diese und ähnliche Fragen rund um den Schankbetrieb beschäftigen Restaurantbesitzer, Kneipenwirte und Getränkehersteller seit einigen Jahren.

Eine innovative Antwort kommt von Rastal: die Digitalisierung des Glases. „Eine geile Idee“, wie Raymond Sahm-Rastal seine Zukunftslösung lächelnd nennt. Herausgekommen sind das SmartGlass und die SmartBar.

Wissen, wer was wann trinkt. Eine smarte Bar kann in Kombination mit dem SmartGlass von Rastal den Getränkeverbrauch in Echtzeit erfassen. (© 2017 Remann Telekom )

 

Die Idee ist bestechend einfach, aber genial: Spezielle Gläser werden markenverstärkend mit einem kleinen Chip ausgestattet, der per NFC-Funktechnik (Near Field Communication) mit einem Lesegerät an der SmartBar kommuniziert. Die smarte Theke ist wiederum über Mobilfunk mit der „Cloud der Dinge“ der Telekom verbunden. Alle Daten werden hier gespeichert und für den Gastronomen übersichtlich aufbereitet. Denkbar wäre, dass er diese Daten künftig mit anderen Informationen verbindet und analysiert, bei welchem Wetter bestimmte Getränke häufig geordert werden. Oder an welchen Wochentagen mehr Wein und an welchen eher Sprudel verkauft wird.

Rastal SmartBar Gastronomen können die Digitalisierung an der SmartBar nutzen. (© 2017 Tina Polster)

 

So funktioniert die SmartBar

    1. Smart bestellen: Gäste scannen einen QR-Code am Tisch per Smartphone und werden auf eine Microsite geleitet, auf der sie ihre Getränke bestellen.
    2. Zapfen: Die Bestellungen werden auf einem Tablet an der Theke angezeigt und gleich bearbeitet. Der Mitarbeiter zapft das Getränk ins Smartglass mit Funkchip.
    3. Verbindung mit der SmartBar: Das Glas wird auf der Theke platziert und mit der Bestellung verknüpft: Form, Füllmenge und Sorte werden per Funk erfasst.
    4. Ab in die Cloud der Dinge: Gleichzeitig überträgt die SmartBar die Infos in die Cloud der Dinge der Telekom. Hier wird alles aufbereitet.
    5. Servieren: Das Personal bringt die Getränke an den entsprechenden Tisch.

Win-Win-Win-Situation

Das Glas-Bar-Cloud-Trio könnte viele Prozesse vereinfachen und verbessern, die bisher nicht transparent und optimal waren. Mit der zeitnahen Datenauswertung kann der Wirt allerlei Dinge machen: So lässt sich eine vorausschauende Analyse erstellen, womit er seine Bierbestellung für die Sommerterrasse und gleichzeitig den Personalbedarf besser steuern kann. Kurzum: Mit der smarten Lösung könnten Gastronom und Getränkelieferant gleichermaßen profitieren.

Denn auch die Getränkeindustrie hätte Vorteile. Erstmals lassen sich Zahlen zu Kundengewohnheiten und Konsum erheben. „Verbrauchsdaten am Point of Consumption zu erheben war bisher für Getränkehersteller kaum möglich“, sagt Raymond Sahm-Rastal. „Aber damit könnten sie sich in einem stark umkämpften Markt durch neue Kunden-Insights besser positionieren.“

„Wer ein Glas digitalisieren kann, kann auch alles andere digitalisieren.“

Raymond Sahm-Rastal
Inhaber Rastal

Rastal arbeitet daran, das Produkt Glas besser zu machen, und will für seine Kunden wertschöpfende Lösungen entwickeln. „Es könnte bald üblich werden, dass Gastronomen auf die Tische Hinweisschilder mit einem QR-Code stellen, den Gäste mit ihrem Smartphone scannen“, erklärt Chefdesigner Carsten Kehrein. „Damit gelangen sie auf eine Microsite, auf der sie ihre Getränke online wählen.“ Die Bestellung ist mit wenigen Klicks erledigt und wird fast zeitgleich auf einem Tablet an der Theke angezeigt. Das Zapfen der Getränke kann sofort beginnen. „So schnell“, sagt Kehrein, „könnte kein Kellner laufen.“ Und kein Gastronom hätte so schnell einen Überblick über Konsum und Bestand seiner Getränke.

Von einer vollständig digitalisierten Supply Chain mit automatisiertem Pfandsystem für die Gastronomie über eigene Apps mit Mobile-Payment- Option: Das smarte Glas wird mit Sicherheit nicht nur die Getränkeindustrie, sondern auch Rastal verändern. Längst entwickelt sich der Glashersteller weg vom reinen Produktanbieter hin zum Lösungsanbieter – ein Weg, den das Unternehmen aber nicht alleine geht. „Unsere Kernkompetenz ist es, Gläser zu entwickeln und zu veredeln. Für das digitale Know-how benötigen wir einen Partner wie die Telekom. Wir entwickeln gemeinsam ein Service- und Leistungskonzept, das wir für die speziellen Bedürfnisse unserer Kunden umsetzen können“, sagt Inhaber Sahm-Rastal. Selbstvertrauen ist jedenfalls genug da: „Wer ein Glas digitalisieren kann“, sagt er, „kann auch alles andere digitalisieren.“
 
 

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