Im einem Beitrag der Diskussionsreihe zur digitalen Verantwortung sieht Oliver Bierhoff beim Fußball Parallelen zur Wirtschaft: Bauchgefühl ja, aber die Bedeutung und der Mehrwert von Daten werden sich steigern.

Weltmeister in Rio 2014 - welche Rolle hat denn die Digitalisierung, die SAP-Software gespielt, um tatsächlich Weltmeister zu werden, oder überschätzt man das?

Oliver Bierhoff: Wir sind, glaube ich, im Fußball mit der Digitalisierung noch ein bisschen zurück gegenüber anderen Industrien. Aber wir öffnen uns der Sache. Und mittlerweile sind natürlich Daten enorm wichtig für uns. Big Data wird auch ein Thema im Fußball sein, für die Wissenschaft, aber auch für die schnelle, konkrete Analyse. Und da hatten wir mit der SAP auch jemanden, der uns gerade während der WM stark unterstützt hat, dass unsere Scouts und Trainer schnell an viele Daten kamen und diese auch schnell verarbeitet wurden.

Bei der Europameisterschaft jetzt in Frankreich spielt das System auch eine große Rolle?

Oliver Bierhoff: Das und auch wieder weitere Systeme. Man wird natürlich mehr und mehr Daten sammeln, auch im Fußball immer mehr Möglichkeiten haben durch neue technische Entwicklungen, Daten den Trainern zur Verfü-gung zu stellen. Und gerade im Fußball wird es wichtig sein, diese Daten wieder irgendwie zu komprimieren, den Entscheidungsträgern so zur Verfügung zu stellen, dass sie dann entsprechende Entscheidungen treffen können. Das sind weitere Hilfsmittel. Die schießen keine Tore, aber helfen natürlich sicherlich, Spiele zu analysieren oder auch bessere Entscheidungen zu treffen. Und da werden wir auch bei der EM weiter intensiv mit arbeiten.

Was ist denn wichtiger, Ballgefühl/Talent oder eine richtige Auswertung, ein richtiges Scouting?

Oliver Bierhoff: Zum Erfolg gehört mittlerweile alles dazu. Natürlich ist der Spieler am Ende derjenige, der auf dem Platz entscheidet, und der muss die Technik, der muss das Talent haben, der muss den Einsatz haben. Und auch der Trainer wird immer wieder Entscheidungen treffen, die aus dem Bauch heraus kommen oder weil er eben eine gewisse Einschätzung hat. Aber Daten und auch die Bereitstellung solcher Informationen werden einfach helfen, bessere Entscheidungen zu treffen. Das ist ähnlich wie auch in der Wirtschaft. Man wird nicht nur aus dem Bauchgefühl heraus entscheiden und irgendwie einen Eindruck haben, sondern auch tiefer gehen, immer mehr Informationen haben - das nicht nur in der Spielanalyse, sondern eben auch in der Trainingsgestaltung während der Woche.

Wird es in Zukunft Trainer geben, die ohne Digitalisierung in dem harten Gewerbe Trainer bestehen können?

Oliver Bierhoff: Ich glaube, wie in jedem Wirtschaftszweig muss man sich die-sem Thema öffnen. Es wird sicherlich Personen und Trainer geben, die sich sehr intensiv damit beschäftigen, andere, die eher vielleicht auf ihr Gefühl achten. Aber Daten werden immer entscheidender. Ich bin auch davon überzeugt - daran arbeiten wir auch in der Akademie -, dass es immer mehr Datenexperten im Fußball geben wird. Wir werden diese Technologien auch voranbringen, sind auch dankbar für jeden Partner, der dies mit seiner Technik unterstützt. Ich bin fest davon überzeugt, dass in der Trainerausbildung auch der Umgang mit diesen Daten enorm wichtig sein wird.

Könnte es rein theoretisch auch so sein, dass Daten erstellt werden und der Trainer sagt: "Okay, super, die Daten unterstützen mich nur", im Prinzip nur als Bestätigung und arbeitet gar nicht damit, weil er es eigentlich nur für sich braucht?

Oliver Bierhoff: Ja, das eine ist natürlich mal als Bestätigung oder vielleicht auch mal als Hinweis, dass man gewisse Dinge mal genau beobachten muss und darauf achten kann. Es geht natürlich auch gerade bei der Trainingssteuerung dahin, dass man eigentlich direkt im schnellsten Tempo auch Rückmeldung hat. Das haben wir jetzt teilweise schon bei der Herzfrequenz bei den Spielern während der Trainingseinheiten, wo wir spüren, wir müssen den Spieler mal rausnehmen. Das kann man nicht nur sehen, manchmal trübt auch der Eindruck von außen. Und letztendlich werden wir auch daran arbeiten müssen, Korrelationen herauszuforschen, in denen der Trainer einfach die Information hat: Wenn dieser Wert, wenn diese Kennzahl erreicht wird, haben wir einfach einen kritischen Punkt.

Abschließend noch eine Frage für die Zukunft: Glauben Sie, dass in Zukunft aufgrund der Daten Ergebnisse eigentlich schon im Voraus festgesetzt werden können, oder spielt der Mensch mit seinen Fähigkeiten, Stärken, auch mit seinen Schwächen noch eine gewisse Rolle?

Oliver Bierhoff: Der Mensch - und gerade im Sport, im Fußball - spielt natürlich eine ganz bedeutende Rolle. Insofern ist das nicht so bemessbar wie vielleicht eine Produktionskette in einer Fabrik. Daten werden wichtiger, aber sie werden nicht das Entscheidende sein. Entscheidend werden einfach wieder die Menschen, die Entscheidungsträger sein mit ihren Qualitäten. Aber die Bedeutung und den Mehrwert, den die Daten und die Verarbeitung von Daten haben können, wird sich steigern.

Das Video-Interview mit Oliver Bierhoff

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Oliver Bierhoff, Manager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft Oliver Bierhoff, Manager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft (© 2016 Deutsche Telekom)