Die neue Pisa-Studie ist da. Doch anders als in den Vorjahren hält sich die Aufregung im Land in engen Grenzen. Medien, Politik und Verbände sind rasch auf die beruhigende Lesart von OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher eingeschwenkt. Danach liegt Deutschland „weiterhin im guten Mittelfeld – und deutlich über dem OECD-Durchschnitt“. In Zahlen der Pisa-Studie: Die Bundesrepublik landet auf Platz 16 von 72 teilnehmenden Ländern, Sieger ist Singapur, gefolgt von Japan und Estland. Im Vergleich zur letzten Pisa -Erhebung vor drei Jahren sind die Punktzahlen der getesteten deutschen Schüler gar etwas abgesackt. Doch Schleicher wollte trotzdem nicht von einem Rückschritt sprechen, sondern von „Stabilisierung auf überdurchschnittlichem Niveau“.

Das mag beruhigend klingen, doch der wahre Sprengstoff der Pisa-Studie verbirgt sich woanders:

Gnadenlos legt Pisa offen, dass naturwissenschaftliche Fächer in Deutschland nach wie vor ein massives Imageproblem haben.

Das zeigt sich zum einen in den Leistungen: Im Vergleich zu 2012 legte Deutschland zwar in der Lesekompetenz einen Punkt zu, verlor aber in Mathematik acht Punkte – und 15 in den Naturwissenschaften.

Alarmierender ist das, was Schüler in Deutschland offenbar noch immer mit Fächern wie Mathematik, Physik oder Informatik verbinden: Dröge Formeln, komplizierter Kram, nicht cool. Bei der Frage, wie viele Schüler sich eine eigene naturwissenschaftliche Karriere vorstellen können, landet Deutschland auf dem drittletzten Platz aller 72 Länder. Das ist mehr als das übliche „Mathe ist doof“-Gemecker – es zeigt ein prinzipielles Problem im Land der Dichter und Denker. Und liefert zugleich einen kleinen Teil der Erklärung, warum sich die Republik in der ersten Halbzeit der Digitalisierung so schwer getan hat.

Denn anders als etwa in Ländern wie Singapur oder Kanada vertrauen deutsche Schüler den Naturwissenschaften weniger und, schlimmer noch, erwarten seltener, dass diese die Welt und ihr eigenes Leben verändern. Dabei tut die Digitalisierung genau dies so gravierend wie vielleicht niemals zuvor, sie stellt unseren Alltag vom Kopf auf die Füße, zerschmettert alte Geschäftsmodelle und kreiert neue Helden. Bloß: Bei den Schülern kommt das offensichtlich nicht an. Eine gewisse „Technikfeindlichkeit“ attestiert Schleicher den deutschen Schulbesuchern.

Für ein Land, das auf Innovation und Fortschritt dringend angewiesen ist, kann das verheerende Folgen haben. Von einem „Weckruf“ sprach Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer völlig zu Recht: „Mit diesen Ergebnissen werden wir das kommende Jahrzehnt nicht erfolgreich bestehen können.“

Das gilt auch und vor allem für das Herz der deutschen Wirtschaft, den Mittelstand. Ein Widerstand, den die kleinen und mittleren Unternehmen bei ihrer digitalen Transformation überwinden müssen, ist der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern, vor allem in den MINT-Berufen, also Mathematik, Naturwissenschaften, Informatik und Technik. Der Bedarf ist hier in den vergangenen zwei Jahren um 70 Prozent gestiegen, überall klagen Unternehmer, sie suchten händeringend Netzwerkadministratoren oder Systemprogrammierer. Die Aussichten machen wenig Hoffnung: Bis 2025 könnte die Zahl der beruflich qualifizierten MINT-Fachkräfte um eine Million zurückgehen. Gerade für den Mittelstand, oft ingenieurs- und technikgetrieben, ist das ein Horrorszenario. Wenn jetzt in der nachfolgenden Generation die Unlust an MINT bestehen bleibt, werden die Probleme potenziert.

Dabei hilft es wenig, wieder auf die Schulen zu schimpfen – auch, wenn zwei Drittel der deutschen Schüler den Unterricht als „wenig kognitiv anregend“ wahrnehmen. Auch neue Reforminitiativen helfen nur bedingt, das Gleiche gilt für mehr Geld. Die Regierung hat den Schulen im „DigiPaktD“zwar gerade fünf Milliarden Euro für digitale Endgeräte zur Verfügung gestellt – doch das ändert wenig am generellen Image von Technik. In Tschechien etwa haben schon Grundschüler Informatik-Unterricht. In Deutschland können Schüler noch immer Abitur machen, ohne jemals mit dem Fach in Berührung gekommen zu sein. Da wartet man natürlich lange auf den deutschen Mark Zuckerberg.

Was im Land noch zu oft fehlt, ist eine positive Haltung zur digitalen Veränderung. Es ist wie mit der Digitalisierung selbst: Es ist nicht damit getan, hier mal ein Projekt abzuhaken und da mal eine neue Software zu installieren.

Es geht vielmehr darum, die digitale Transformation als umfassende Umwälzung zu begreifen, die alles auf den Kopf stellt – und genau deshalb viele neue, spannende Chancen eröffnet.

Wir alle sind gefordert, diese Haltung zu leben und zu vermitteln – auch und gerade an unsere Kinder. Nur wer die Freude kennengelernt hat, ein mathematisches Problem selbst gelöst zu haben, eine kleine Software selbst erfolgreich programmiert zu haben – nur für den wird Digitalisierung mehr sein als nur die neueste Chat-App auf dem Smartphone. Um diese Einstellung geht es. Nicht um ein paar Punkte mehr oder weniger bei der Pisa-Studie.