Herr Buchmann, Sie müssten ein leichtes Spiel haben: Datenschutz hatte selten so viel Aufmerksamkeit wie derzeit.

Erik Buchmann: Es stimmt schon, dank NSA und diverser Datenskandale bei Unternehmen genießt das Thema seit ein paar Jahren größere Aufmerksamkeit. Wichtiger ist allerdings die Entwicklung jetzt: Durch die Digitalisierung werden mehr Daten denn je verarbeitet. Die alten Konzepte des Datenschutzes passen dafür nicht mehr so einfach.

Ist Datenschutz also überholt?

Erik Buchmann: Sicher nicht, im Gegenteil. Für das Vertrauen der Menschen in die Digitalisierung ist Datenschutz eine Grundvoraussetzung. Aber er wird komplexer: Der klassische Datenschutzansatz beruht auf der Vermeidung von Daten und darauf, dem Betroffenen eine Kontrolle über seine Daten zu ermöglichen. Bei der Vielzahl an Diensten und Anbietern alleine auf einem Smartphone ist es fast eine Vollzeitbeschäftigung, den Überblick darüber zu behalten, wer wo welche Daten speichert. Und dann kommen noch soziale Netzwerke, Online-Shopping, digitale Bezahlsysteme, intelligente Häuser, intelligente Verkehrssysteme und vieles mehr hinzu. Es stellt sich also die Frage: Bin ich überhaupt noch Herr meiner Daten? Und damit steigen auch die Anforderungen an Unternehmen, die solche Produkte und Dienste anbieten.

Inwiefern?

Erik Buchmann: Unternehmen müssen neue Wege finden, Verbrauchern Transparenz über die gespeicherten Daten und deren Verwendung zu geben. Und sie müssen Kunden eine wirklich alltagstaugliche Möglichkeit geben, der Verwendung bewusst zuzustimmen oder sie abzulehnen. Und schließlich brauchen sie effektive Methoden der Anonymisierung beziehungsweise Pseudonymisierung. Sicher ist es beispielsweise hilfreich zu wissen, wie viele Menschen zu einer bestimmten Uhrzeit ein Verkehrsmittel nehmen. Aber sie müssen nicht wissen, wer das im Einzelnen ist. Fast jedes Datum kann heute persönliche Details enthalten. Selbst das Thermometer in einer Wohnung kann verraten, wann jemand zu Hause ist und bei wie viel Grad sich die Person wohlfühlt.

Prof. Erik Buchmann Prof. Erik Buchmann (© 2016 HfT Leipzig)

Was bedeutet das für diejenigen, die sich mit der Datenverarbeitung beschäftigen?

Erik Buchmann: Datenschutz wird komplexer und braucht einen interdisziplinären Ansatz: Wer Datenschutz in Unternehmensabläufen umsetzt, muss etwas von Recht verstehen, von den technischen Möglichkeiten und er braucht die Kreativität, neue Lösungen zu entwickeln. Datenschutz ist ein dynamischer Prozess, ein ständiges Anpassen an sich schnell ändernde Rahmenbedingungen und technische Innovationen.

Wie bereiten Sie Ihre Studierenden darauf vor?

Erik Buchmann: Die Studierenden an unserer Hochschule sind ja überwiegend Mitarbeiter der Telekom, die ihr Studium parallel zu ihrer Ausbildung oder Arbeit absolvieren. Vor allem will ich ihnen Wege aufzuzeigen, wie sich der Datenschutz durch moderne Ansätze aus den Bereichen Data Science, Kryptographie, Anonymisierung und Prozessmodellierung praxisgerecht in Datenverarbeitungsprozesse integrieren lässt. Dafür wollen wir auch die Experten aus der Praxis an die Hochschule holen. Ich freue mich sehr auf den spannenden Austausch von Wissenschaft und praktischer Erfahrung mit der Telekom!

Wann geht es mit dem Studiengang los?

Erik Buchmann: Wenn alles klappt, soll der weiterbildende Masterstudiengang Anfang 2017 starten. Wir zielen damit besonders auf Personen mit einem Hochschul- oder Fachhochschul-Abschluss sowie Erfahrung in einem IT-Beruf, denen wir die Fähigkeiten und Kenntnisse zum Lösen von praktischen Datenschutzproblemen vermitteln möchten. Zudem werden wir Module zu diesem Thema ab dem Wintersemester als Vertiefung für die anderen Studiengänge hier im Hause anbieten. Parallel arbeiten wir in der Forschung daran, neue Konzepte für datenschutzfreundliche Technologien zu entwickeln, etwa was Berechtigungen von Mitarbeitern betrifft, auf Daten zuzugreifen, oder automatisierte Überprüfungen von Systemen, wie der Datenschutz eingehalten wird. Ich denke, dass die Telekom auch davon profitieren wird.

Weiterführende Links zum Thema

Hochschule für Telekommunikation Leipzig

Transparenzbericht: So arbeitet die Telekom mit Sicherheitsbehörden zusammen

Wichtige Regeln für das Internet der Dinge

Download (PDF): Datenschutzbericht 2015 der Deutschen Telekom

Download (PDF): Die Big Data-Leitsätze der Deutschen Telekom