Herr Professor Kollmann, warum tun sich etablierte Unternehmen so schwer mit dem digitalen Wandel?

Tobias Kollmann: Ganz einfach, weil ihnen das Wissen rund um digitale Prozesse und Geschäftsmodelle fehlt. Dafür gibt es Gründe. Die liegen zum einen in den Ausbildungssystemen. Dort finden diese Themen kaum statt, so dass von unten kaum qualifizierte Fachkräfte nachkommen. Bei den bestehenden Mitarbeitern, die es entsprechend auch nicht gelernt haben, besteht ein hoher Druck, sich im laufenden Berufsbild diesen Themen zu stellen. Zum anderen sind entsprechende Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten in Unternehmen kaum gegeben.

Ist das ein typisch deutsches Problem?

Tobias Kollmann: Das trifft nicht nur auf Deutschland zu, sondern auf ganz Europa. Der Grund liegt darin, dass die Treiber der digitalen Innovation in der Regel nicht die etablierten Unternehmen sind, sondern junge Startups. Diese haben als sogenannte Digital Natives den Umgang mit den entsprechenden Technologien von klein auf gelernt. In den USA gibt es entsprechende Ausbildungs- und Ökosysteme rund um die Universität von Stanford und das Silicon Valley.

Viele deutsche Unternehmen sind in ihrem Bereich führend uns sehen keinen Grund, sich zu wandeln. Was sagen Sie diesen?

Tobias Kollmann: Das ist eine sehr gefährliche Einstellung, weil wir schon längst Beispiele im Markt sehen, dass die digitalen Unternehmen auch in reale Branchen eindringen. Zum Beispiel Uber in den Taximarkt, Airbnb in den Hotel- und Übernachtungsmarkt, Netflix in den Medienmarkt. Die neuen Online-Wettbewerber machen den Unternehmen das Leben schon heute schwer. Unsere klassische Industrie feiert den Erfolg noch auf dem Deck der Titanic. Dabei ist der digitale Eisberg längst in Sicht!

Bundesminister Sigmar Gabriel (rechts) mit dem Vorsitzenden des Beirats "Junge Digitale Wirtschaft", Prof. Dr. Tobias Kollmann. Bundesminister Sigmar Gabriel (rechts) mit dem Vorsitzenden des Beirats "Junge Digitale Wirtschaft", Prof. Dr. Tobias Kollmann. (© 2016 BMWi/Susanne Eriksson)

Selbst vorausschauende Unternehmer haben oft das Problem, ihren Mitarbeitern die Notwenigkeit des Wandels vor Augen zu führen und sie auf dem Weg in die digitale Zukunft mitzunehmen. Welchen Rat können Sie ihnen geben?

Tobias Kollmann: Das Wichtigste ist erstens, dass diese Erkenntnis in den Führungsetagen angekommen ist. Zweitens, dass die Lösung nicht das Drücken eines Knopfes in einem technischen System ist, sondern, dass es um das Wissen und das Know-how rund um digitale Geschäftsmodelle im Netz geht.

Um sich das anzueignen haben Unternehmen drei Möglichkeiten: Sie holen neue Mitarbeiter ins Unternehmen, die bereits über dieses Wissen verfügen. Sie qualifizieren die vorhandenen Mitarbeiter mit entsprechenden Weiterbildungen, um die digitale Transformation zu ermöglichen. Oder aber sie kooperieren für den Einstieg in die digitale Welt mit jungen Startups. Das ist gerade ein ganz großes Thema in der Industrie, wie beispielsweise die Telekom mit dem Inkubator Hub:raum, der Stahlkonzern Klöckner mit Klöckner.i in Berlin oder der Duisburger Traditionskonzern Haniel mit der Digitalschmiede Schacht One in Essen.

"Es geht am Ende um digitales Wissen!"

Tobias Kollmann

Auch mittelständische Unternehmen gehen diesen Weg der Kooperation mit Startups. Der Wuppertaler Haushaltsgeräte- und Küchenmaschinenhersteller Vorwerk hat beispielsweise mit Vorwerk Ventures ein Investmentprogramm für junge Startups in der digitalen Wirtschaft aufgelegt.