Im Rahmen eines großangelegten Projekts untersuchte Alexander Markowetz das Verhalten von 300.000 Smartphone-Nutzern. Darauf basierend schrieb er das Buch "Digitaler Burnout. Warum unsere permanente Smartphone-Nutzung gefährlich ist", welches 2015 erschienen ist. Seit 2016 hält er Vorträge und Seminare zu den Auswirkungen des "Always On"-Seins.

Herr Markowetz, Sie haben ein Buch geschrieben: "Digitaler Burnout". Was machen die Smartphones mit uns? Können Sie uns das genauer erklären?

Alexander Markowetz: Die haben es schon geschafft innerhalb von fünf Jahren, unser Leben auf den Kopf zu stellen. Wir machen manchmal Dinge mit den Smartphones, wo wir uns hinterher fragen: Wieso habe ich das jetzt gemacht? Hat mich nicht glücklich gemacht, war nicht produktiv, aber ich habe es trotzdem zwei Stunden gemacht.

Was meinen Sie damit genau?

Alexander Markowetz: Das heißt, dass wir merken, dass wir abgelenkter sind oder uns nicht so konzentrieren können oder unserem Nächsten nicht genügend Aufmerksamkeit schenken können; dass wir merken, dass wir - weil das unterbewusste Automatismen sind, die da ablaufen - einen Kontrollverlust erleben. Und Kontrollverlust ist dann auch immer ein Stressfaktor.

Wenn wir so gestresst sind und einen Kontrollverlust haben, bedeutet das, dass wir früher produktiver waren ohne die Smartphones?

Alexander Markowetz: Jein. Smartphones ermöglichen völlig neue Formen der Produktivität und Level der Produktivität, die wir früher nicht kannten. Gleichzeitig, durch diese vielen Unterbrechungen: Ich selber muss irgendetwas checken, oder meine Freunde reichen mir irgendetwas rein und das piept da jetzt raus.

Dadurch kommen wir zu einem hochfragmentierten Alltag und eliminieren damit jede Form von Flow, also jede Form von längerem Fokussieren auf ein Thema, in das man irgendwie reintaucht. Flow war aber die Wurzel von Glücksempfinden und Produktivität. Das zurückzunehmen, das ist jetzt die Herausforderung.

Also wäre das Stichwort so etwas wie "Digital Detox", "Digital Diet": öfter mal das Smartphone beiseitezulegen, die Tablets an den Rand zu legen, stummzustellen. Ist das die Lösung dann

Alexander Markowetz: Ja, aber im Wege von Vegan, nicht im Sinne von zwei Wochen Ananas-Diät. Also, es ist total simpel, zwei Wochen lang auf Digitales zu verzichten und sich dann heroisch hinzustellen und zu sagen: "Ah, Verzicht, krass, krass, krass!" Das ist nett, und da kann man auch mal reflektieren, aber das ist easy.

Schwierig ist, für die nächsten 30 Jahre Ihres Lebens Ihr Kommunikations- und Medienverhalten mal um 50 Prozent zu reduzieren. Das ist die große Herausforderung, das heißt, Strategien für den Rest Ihres Lebens zu fahren, mit dem Sie sich selber austricksen und sich selber ihre Automatismen in eine Richtung lenken, in dem Sie ein gesundes Verhalten oder auch ein Verhalten, das Sie selber sehen möchten, zu initiieren.

Kann man kurz gesagt sagen, dass Analog das neue Bio, das neue Vegan ist?

Alexander Markowetz: Das auf jeden Fall, die Analogie stimmt. Wir haben das beim Essen gesehen: Bis ungefähr 1960 konnten Sie beim Essen eine Strategie fahren: Sie nehmen alles mit, ist egal. In den 70er-Jahren merken wir: Wir haben zu viel, wir müssen jetzt Junk weglassen. Und jetzt kommen wir zu dem Punkt, wo wir merken: Selbst das gute Essen ist zu viel, jetzt muss ich mich, mit Paleo und so, noch weiter beschränken. Dieselbe Analogie, dieselbe Parallele fahren wir jetzt bei Medien und bei Kommunikation, wo ich merke: Früher konnte ich alles mitnehmen. Jetzt muss ich schon mal das Schlechte weglassen. Und dann merke ich: Selbst das Gute ist mehr, als ich verdauen kann. Also, ich brauche jetzt neue Strategien.

Die Analogie stimmt. Ansonsten muss man halt aber auch sagen, dass das Essen zum Mittel der sozialen Differenzierung geworden ist. Wenn ich sage, dass ich Veganer bin, dass möchte ich euch sagen, dass ihr doofe Burger-Esser seid, und ich bin der kluge Veganer. Ich glaube, das Ähnliche werden wir sehen, dass wir als Menschheit anfangen, uns über Medienkonsum, über Kommunikation sozial zu differenzieren, wo ich sagen werde: Entschuldigung, ich finde euch total toll, ich wäre echt gerne in eurem Whatsapp-Gruppenchat, aber ich bin Wissensarbeiter und ich muss auf meine Ressource Rücksicht nehmen, deswegen kann ich leider nicht mitmachen.

"Wissensarbeiter", das heißt auch: Es ist ja nicht alles schlecht. Die Smartphones haben uns ja auch viel Gutes gebracht. Sie sind die kleinen Computer, unser Alltagsbegleiter, wo ich Kontakt zu meinen Freunden habe, ich kann Karten anschauen, ich kann ins Internet gehen, ich habe ja die ganze Welt in meiner Hosentasche. Würden Sie denn auch sagen, dass es positive Aspekte bei der Digitalisierung und dem Kleinformatigen "Ich habe die Welt immer dabei!" gibt?

Alexander Markowetz: Klar, die Dinge sind geil! Die Herausforderung im Schritt eins: Wir haben die jetzt geschaffen. Und Schritt zwei: Wir müssen jetzt noch lernen, damit umzugehen. Das ist ganz klar: Der erste Aufschlag muss danebenliegen. Das kann gar nicht funktionieren. Es ist so ähnlich wie beim Essen: Wir fangen an mit industriellem Essen. Industrielles Essen in den 30ern, das würde wir heute keinem Schwein mehr füttern, weil das an den menschlichen Bedürfnissen so weit vorbeigeschossen ist. Okay, jetzt machen wir einen zweiten Aufschlag und den dritten Aufschlag, und dann läuft das zusammen.

Ich glaube insgesamt, dass wir in Deutschland immer noch so ein bisschen an dieser Schuldfrage hängen - moralisch gut oder schlecht. Das ist dämlich, sondern: Wir sind in der Mitte. Ja, klar, ich kann das nicht aufhalten, ich werde es aber auch nicht so hinnehmen, sondern: Wie kann ich das mitgestalten? Und was man dann leider merkt, ist: In der Mitte ist es richtig schwierig. Alles auf 0 und alles auf 100, das ist intellektuell nicht schwer, ein Dreijähriger kriegt das hin. Aber in der Mitte mitzugestalten und Strategien aufzustellen, das ist richtig anspruchsvoll. Die meisten von den Kaspern, die da und da mitreden, die haben auch einfach nicht den Wumms, um in der Mitte irgendwie mitzugestalten.

Und wie sieht es bei Ihnen selber aus: Haben Sie die Mitte schon gefunden? Wie häufig schauen Sie auf Ihr Smartphone?

Alexander Markowetz: Also, in meinem Denken bin ich in der Mitte. Ich versuche, dieses 21. Jahrhundert zu durchdenken und zu strukturieren. Mein eigenes Smartphone-Verhalten ist leider völlig unverantwortlich. Sie sehen den Saulus, der gern Paulus wäre. Und da kämpfe ich, genau wie der Rest der Republik, irgendwie zu versuchen, das in gesunde und zuträgliche Bahnen zu lenken.

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