Die "Hidden Champions" der Wirtschaft

Auf meinen Reisen ins Ausland fällt mir immer wieder auf, wie sehr Deutschland für seine starke Wirtschaftskraft bewundert wird. Vor allem um die vielen mittelständischen Unternehmen werden wir beneidet, die als Rückgrat der deutschen Wirtschaft gelten. Diese Firmen haben in ihrem Bereich den Weltmarkt erobert, sind aber hierzulande kaum bekannt. Weltweit soll es rund 2.700 dieser Hidden Champions geben – fast die Hälfte stammt aus Deutschland.

Woran liegt das? Was ist das Erfolgsgeheimnis der Deutschen? Ein Grund ist sicher unsere historische Dezentralisierung. Das Land, das wir heute kennen, erwuchs einst aus 23 Monarchien und drei Republiken. Unternehmen, die damals wachsen wollten, mussten sich sehr früh überregional engagieren, sie mussten zum Beispiel von Bayern nach Sachsen exportieren. Das ist wohl in die DNA der deutschen Unternehmer eingegangen und gilt bis heute für Manager und Gründer gleichermaßen. Deutsche Start-ups etwa internationalisieren viel schneller als ihre französischen oder japanischen Pendants.

Zur Person
Hermann Simon ist Gründer und Honorary Chairman von Simon Kucher & Partners Strategy & Marketing Consultants. Die Unternehmensberatung ist Weltmarktführer in der Preisberatung und beschäftigt mehr als 1.000 Mitarbeiter, die weltweit an 33 Standorten arbeiten. Als Experte für Strategie, Marketing und Pricing ist Simon ein weltweit gefragter Berater und Referent. Seine mehr als 35 Bücher sind in 26 Sprachen erschienen. Sein Bestseller „Hidden Champions – Aufbruch nach Globalia“ untersucht die Strategien unbekannter mittelständischer Weltmarktführer.

Weltmarktführer deutscher Mittelstand

Ein weiterer Vorteil: Klassische Hidden Champions sind Ein-Produkt- und Ein-Markt-Unternehmen. Sie kommen mit schlanken, funktionalen Organisationen aus. Werden die Geschäfte oder die bedienten Märkte komplexer, wechseln sie frühzeitig zu divisionalen Organisationsformen. Damit sichern sie trotz zunehmender Komplexität ihre Kundennähe. Das gilt nicht nur für etablierte, sondern auch für neue Hidden Champions, von denen in der jüngeren Vergangenheit erstaunlich viele entstanden sind. Etwa Scopevisio aus Bonn. Deren cloudbasiertes System ist eine Art kleine SAP-Anwendung für kleine und mittlere Unternehmen. Ziel ist eine vollintegrierte, nahezu automatisierte Softwarelösung, die alle Teile der Wertschöpfungskette umfasst. Mittlerweile hat Scopevisio über 12.000 Nutzer.

Oder Flixbus. Die Firma hat heute im Fernbusmarkt, der erst 2014 freigegeben wurde, einen Marktanteil von über 80 Prozent. Das gesamte Geschäftsmodell wäre ohne Digitalisierung nicht denkbar. Flixbus bietet sogar in allen Bussen WLAN an. Das schafft kein Konkurrent. Ein Unternehmen wie Flixbus könnte es in der alten analogen Welt einfach nicht geben.

Kundennähe sorgt für viel kürzere Entwicklungszeiten

Damit bin ich beim nächsten wichtigen Punkt: Kundennähe spielt bei den Hidden Champions eine immens wichtige Rolle. Sie pflegen eine viel engere Zusammenarbeit mit ihren Kunden und haben dadurch viel kürzere Entwicklungszeiten als große Firmen. Bei ihnen werden 80 Prozent der Patente tatsächlich umgesetzt – bei Großunternehmen liegt die Quote teilweise unter 20 Prozent.

Der Erfolg der Hidden Champions beruht also darauf, dass es ihnen gelingt, Technik und Kundenbedürfnisse gleichgewichtig in ihre Innovationsaktivitäten zu integrieren. Die Digitalisierung spielt dabei eine zentrale Rolle. Ein gutes Beispiel dafür ist der Weltmarktführer für professionelle Filmkameras, die Münchner Firma ARRI. Einerseits baut ARRI eine digitale Kamera, die zusammen mit dem Fraunhofer-Institut entwickelt wurde. Andererseits kennt ARRI die führenden Regisseure der Welt besser als die Wettbewerber und kann seine Systeme auf deren individuelle Wünsche ausrichten. Diese Kombination ist unschlagbar.

Was also können andere Unternehmen von Hidden Champions lernen? Zum Beispiel das unbedingte Streben, die Besten in ihren Märkten zu sein. Das bedeutet heute auch: der Beste in der Nutzung digitaler Potenziale zu sein.

Dazu kommt die Kunst der Fokussierung: Nur mit Fokus wird man Weltklasse und kann komplexe Prozesse besser verstehen, organisieren – und sie beispielsweise für den Kunden einfacher und nutzbringender gestalten.

Lösung gesucht: Digitale Herausforderung für den Mittelstand

Das Bewusstsein um die Größe der digitalen Herausforderung ist bei vielen Mittelständlern vorhanden, ich würde sogar sagen: bei den meisten. Die Lösungen sind jedoch weniger evident. Manche hoffen, dass der Wandel langsamer abläuft ird. Das ist verständlich, denn ich beobachte, dass es noch viele Engpässe gibt. Das fängt beim Personal und beim Nachwuchs an. Künftig werden andere Qualifikationen als in der traditionellen Industrie gefragt sein. Zudem sind industrielle Prozesse extrem komplex, wesentlich komplexer als in Verbrauchermärkten: Da gibt es einfach keine schnellen Lösungen.

Komplexität und Spezialisierung bilden aber auch einen Schutzwall. Außenstehende – selbst wenn sie viel Geld haben wie etwa die amerikanischen Internetgiganten – können sich das tief gehende Know-how der Deutschen nur schwer aneignen. Zudem sind die meisten Märkte der Hidden Champions vergleichsweise klein, oft sind es Nischen. Ein Markt mit einem globalen Volumen von einer Milliarde Euro ist für Apple uninteressant – für einen deutschen Mittelständler mit 200 Millionen Euro Umsatz dagegen ein ideales Spielfeld.

Hidden-Champion-Experte Hermann Simon Alles, was digitalisiert werden kann, wird auch digitalisiert!, sagt Mittelstandsexperte Hermann Simon (© 2017 Eric Remann)
Jede Firma ist von der Digitalisierung betroffen. Und diese vollzieht sich in einem rasanten Tempo.

Ein Zitat von General-Electric-Chef Jeffrey Immelt bringt die aktuelle Herausforderung auf den Punkt: „If you go to bed as an industrial company, you’re going to wake up next morning as a software- and analytics-company.“ Das ist kaum übertrieben und sollte sehr ernst genommen werden. Jede Firma ist von der Digitalisierung betroffen. Und diese vollzieht sich in einem rasanten Tempo. Bei allem Wandel steht eins fest: Es kann nicht alles digitalisiert werden. Aber alles, was digitalisiert werden kann, wird auch digitalisiert!

In diesem Sinne wünsche ich allen Nutzern der neuen Plattform „Digitaler Mittelstand“ eine anregende und kurzweilige Lektüre. Die neue digitale Welt bleibt spannend! Folgen Sie mir auf Twitter unter @HermannSimon

Fünf Fakten zu Hidden Champions, die Sie überraschen werden

  • Deutschland ist Weltmeister: Weltweit gibt es 2.734 Hidden Champions, fast die Hälfte davon stammt aus der deutschen Provinz.
  • Chefs bleiben länger: Die durchschnittliche Amtsdauer der Geschäftsführung ist mit 20 Jahren dreimal so hoch wie in Großunternehmen.
  • Innovation ist Trumpf: Hidden Champions investieren doppelt so viel in Forschung und Entwicklung wie deutsche Industrieunternehmen.
  • Wissen wird abgesichert: Pro 1.000 Mitarbeiter besitzen Hidden Champions fünfmal so viele Patente wie Konzerne.
  • Ideen werden Wirklichkeit: Rund 80 Prozent der Patente setzen die Mittelständler tatsächlich um. Bei Großunternehmen sind es häufig weniger als 20 Prozent.