Hilft der Computer beim Gewinnen?

Wenn es um die Frage geht, ob sich sportliche Leistung digital steigern lässt, ist auch die Wissenschaft am Zug. Prof. Dr. Daniel Memmert ist Institutsleiter am Institut für Kognitions- und Sportspielforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln. Sein Institut unterstützt die deutsche Nationalmannschaft bei der digitalen Spielanalyse und er leitet den ersten Master Studiengang Spielananlyse. Außerdem besitzt er Trainerlizenzen in den Sportarten Fußball, Tennis, Snowboard sowie Ski-Alpin und ist Autor von Büchern zum modernen Fußballtraining. Der richtige Mann also, um über die Zukunft unseres Lieblingssports zu sprechen.

"Kilometerzahl oder Anzahl der Sprints entscheiden nicht über Sieg oder Niederlage. Die taktischen Daten sind viel wichtiger und wertvoller."

Daniel Memmert
Professor für Kognitions- und Sportspielforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln
 Prof. Dr. Daniel Memmert Prof. Dr. Daniel Memmert. (© 2016 Deutsche Sporthochschule Köln.)

Herr Memmert, welche Rolle spielt die digitale Unterstützung für das deutsche Team bei der Europameisterschaft in Frankreich?

Daniel Memmert: Das ist ein Pfeiler im Gesamtbild, aber einer, bei dem man gut aufgestellt sein muss. Psychologie spielt eine Rolle, die medizinische Abteilung, die Fitnessabteilung, aber eben auch immer stärker dieser taktische Bereich. Das deutsche Team ist insgesamt breit aufgestellt was die Spielanalyse angeht und nutzt auch neue digitale Möglichkeiten.

Wir unterstützen den DFB bei der Videoanalyse. Es gibt ganz, ganz viele Videosequenzen von Spielen, Gegnern und taktischen Situationen, die hier in Deutschland aufbereitet werden. Das kann dann im Quartier der Nationalmannschaft in Frankreich genutzt werden. Wie genau die Videoanalyse in Frankreich eingesetzt wird, wird aber aus Wettbewerbsgründen nicht verraten. In Brasilien gab es einen riesigen Flatscreen, da konnten alle Teammitglieder der Nationalmannschaft ganz eigenverantwortlich Sequenzen und Infos abrufen. Das ist vom Trainerstab initiiert worden, damit die Spieler sich jederzeit informieren konnten.

Setzen das deutsche Team oder auch Bundesligamannschaften denn auf Datenanalysen per Computer rund um Spieler, Pässe und Laufwege?

Daniel Memmert: Wir müssen hier genau schauen, welche Infos überhaupt Rückschlüsse auf den Ausgang des Spiels zulassen. Unsere Studien zeigen, dass zum Beispiel die im Spiel zurückgelegten Kilometer oder die Anzahl der Sprints gar nicht über Sieg oder Niederlage entscheiden. Trainer nutzen natürlich heute schon diese physiologischen Daten: Wie schnell ist jemand gelaufen und wie viel? Ich glaube aber, dass die taktischen Daten viel wichtiger und wertvoller sind und sehr viel mehr Einfluss nehmen können auf das Spiel.

Es geht um die Interpretation von Positionsdaten. Das ist quasi Big Data im Fußball und bezeichnet die Messung des Standortes aller Spieler und des Balles in jedem Moment des Spiels. Das ist keine Zukunft mehr, sondern Gegenwart. Eine Vielzahl von Spieldaten ist in Bruchteilen von Sekunden verfügbar. Wichtig wird in Zukunft dann sein, die Kernfaktoren aus der Datenflut herauszufiltern, damit der Trainerstab die richtigen Schlüsse und Maßnahmen daraus ziehen kann.

In welchem Maße kann denn Computertechnik wirklich beim Gewinnen helfen oder sogar den Ausgang eines Turniers wie der EM beeinflussen?

Daniel Memmert: Das lässt sich schwer in Prozentzahlen übersetzen. Im Moment geht es für uns darum, die Indikatoren zu finden, die wirklich aussagekräftig sind für Erfolg oder Misserfolg. Schauen Sie nach England: Leicester ist Meister geworden, obwohl sie in puncto Ballbesitz nicht die besten waren. Diese Faktoren lassen also gar keine Rückschlüsse zu. Das zeigt auch, dass taktische Auswertungen mehr Einfluss haben als Ballbesitz und daher wird dieser Bereich an Bedeutung gewinnen. Aber das in Prozent auszudrücken, ist schwierig. Die Positionsdatenananlyse wird in der Bundesliga in den nächsten drei bis fünf Jahren das bevorzugte Instrument sein für alle Analysen. Und gerade auch im Scouting enorm wichtig werden. Damit kann man das Scouting auf eine ganz neue Ebene heben, weil man hier unterschiedlichste Daten von Spielern bekommt und viel schneller und ökonomischer auswerten kann.

Was kostet so was überhaupt? Geht das nur für Profis oder auch für Amateure?

Daniel Memmert: Das kommt drauf an. Videoaufzeichnungen gibt es ja heute schon in der Kreisklasse. Da filmt jemand mit, schneidet und hinterher wird geguckt - das ist erschwinglich. Die Erzeugung von Positionsdaten ist heute noch teurer. Für die Bundesliga und 2. Bundesliga stellt die DFL allen Mannschaften nach den Spieltagen die Positionsdaten aller Spieler zur Verfügung. Bundesligavereine zahlen pro Aufnahme in einem Gaststadion außerhalb von Deutschland etwa 3000 Euro. Für Champions League Vereine sicher kein Problem. Beim Drittligisten sieht das schon anders aus. Die Preise werden jetzt aber sehr schnell fallen, das ist ja bei Technik normal. Und das wird den analytischen Möglichkeiten weiter Auftrieb verleihen.

Ist es sportlich und fair, wenn der Computer Schnelligkeit und Ballsicherheit ausstechen kann und im Zweifel derjenige mit dem besseren Programm gewinnt?

Daniel Memmert: Man gewinnt ja heute auch durchaus, wenn man bessere Spieler kaufen kann. Und alle aktuellen Hilfsmittel zur Analyse sind absolut legal, das sehe ich völlig unkritisch. Es gibt bereits seit Jahren Laktattest und Leistungsauswertungen, da läuft die Analyse längst. Und in Zukunft kann man dann auch taktische Leistungen diagnostizieren - aus meiner Sicht ist da alles gut.

Sie bieten seit dem Wintersemester sogar den ersten Studiengang "Spielanalyse" an der Sporthochschule Köln an. Was genau lernt man da und wo kann man das beruflich einsetzen?

Daniel Memmert: Durch die zunehmende Professionalisierung in den Sportspielen wachsen vor allem die Anforderungen an das Berufsfeld Spielanalyse. Beispielweise werden Spielanalysten zukünftig vermehrt in die sportliche Leitung der jeweiligen Mannschaft involviert werden, wenn es um die Weiterentwicklung der Spielidee und um Lösungen für spezifische Probleme geht. Auch die Nutzung von Spielanalysedaten in der medialen Berichterstattung steigt. Deshalb sollten auch Medienschaffende in der Lage sein, die Daten im Kontext des Spiels zu verstehen und plastisch sowie verständlich zu kommunizieren. Nicht zuletzt brauchen wir hochqualifizierte Fachkräfte, die Analysemethoden zur Erhebung, Auswertung und Präsentation von Analysedaten weiterentwickeln.

Aus diesen Gründen bieten wir den ersten Weiterbildungsmaster für Spielanalyse in Europa und es sind gut 20 Teilnehmer eingeschrieben. Wir haben High End an Bord, also Vertreter der großen Vereine aus Berlin, Leverkusen, Leipzig, Schalke und Stuttgart zum Beispiel, die vier Semester lang hier bei uns lernen wollen. Parallel zum Job schaffen wir einen einheitlichen Ausbildungsweg für all diejenigen, die in ihrem Berufsalltag mit Spielanalysedaten konfrontiert werden. Nur mit wissenschaftlichem Know-how ist es möglich, innovativ in der Praxis zu arbeiten und ständige Veränderungen im Spiel als Kontinuität zu begreifen.

Wie digital wird der Fußball aus Ihrer Sicht zukünftig? Mögen Fans den digitalen Fußball eigentlich? Werden Trainer überflüssig, wenn der Computer regiert?

Daniel Memmert: Das ist ein großes Missverständnis. Der Trainer wird mehr Zeit für andere Dinge haben. Was die Technik leisten kann, ist das blitzschnelle Sammeln und Ausspucken von Daten. Aber die Interpretation der Ergebnisse wird immer beim Menschen liegen. Es wird aber auf jeden Fall angenehmer für den Trainer und den Spielanalysten sein. Eine Spielauswertung dauert heute sechs bis sieben Stunden und danach ist man völlig kaputt vom Materialwust. In Zukunft können sich Trainer um die richtig wichtigen Dinge kümmern, nämlich die Interpretation der Daten. Das macht keine Maschine, der Trainer ist also wichtiger denn je. Wenn durch die Interpretation dann mehr Intelligenz ins Spiel fließt, wird das dem Fußball insgesamt guttun.

Auch für die Fans wird eine neue Dimension erschlossen. Sie haben in Zukunft ja ebenfalls viel mehr und ganz andere Informationen. Das wird das Herz jedes Hobby-Experten höher schlagen lassen und die Diskussionen über das Spiel noch viel interessanter machen. Es wird also alles auf das nächste Level gehoben und das macht allen Spaß.