Trends nehmen Einfluss auf Unternehmen

Als Trendbüro beobachten wir täglich Veränderungen in Kultur, Technik und Wirtschaft. Wir analysieren die Erwartungen der Verbraucher und ihre Entscheidungen. Unsere Erkenntnisse verpacken wir jedes Jahr in zehn Trends, die Unternehmen dabei helfen sollen, ihre Kunden besser zu verstehen. Einige der aktuellen stelle ich nun vor.

Die virtuelle Welt verändert die reale

Das ist im Prinzip keine Neuigkeit, dieser Wandel vollzieht sich seit den Anfängen des World Wide Web im Jahr 1989. Ich glaube aber, dass viele Menschen hierzulande Schwierigkeiten damit haben, neue Technologien überhaupt zu akzeptieren und sich damit auseinanderzusetzen. Ein prominentes Beispiel dafür ist eine Äußerung von Angela Merkel bei einer Pressekonferenz mit dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama: „Das Internet ist für uns alle Neuland“, sagte die Kanzlerin im Juni 2013. Eine irritierende Aussage, wenn man sich vergegenwärtigt, dass das Internet zu dem Zeitpunkt bereits rund ein Vierteljahrhundert existierte!

Newcomer stellen etablierte Branchen auf den Kopf

Der US-Wahlkampf hat bewiesen, dass derjenige, der digitale Medien clever bespielt, Stimmungen und Meinungen deutlich beeinflussen kann. Tendenziell ist das schon seit rund 20 Jahren so, nun aber hat sich die Entwicklung deutlich zugespitzt. Das gilt nicht nur für die Politik. Wir stellen derzeit grundsätzlich fest: Diejenigen, die mit digitalen Technologien aufgewachsen sind und mit ihnen umzugehen wissen, verändern die Welt – auch die Geschäftswelt. Die Konsequenz: Neue Konzepte bringen alte, erfolgreiche Industrien und Unternehmen ins Wanken. Das Ergebnis: Wer nicht mitzieht, steht bald auf dem Abstellgleis.

Nicht die Produkte sind entscheidend, sondern ihre Nutzer

Ein Beispiel dafür ist Amazon. Das Unternehmen startete vor 23 Jahren als Online-Buchhändler und ist heute in vielen unterschiedlichen Branchen erfolgreich. Einzige Gemeinsamkeit dieser Branchen: das Internet. Aktuell versucht der Global Player, Kassiererinnen und Kassierer abzuschaffen. Und zwar so: Kunden gehen in ein Geschäft, registrieren sich mit ihrem Smartphone und einer App, entnehmen den Regalen, was sie brauchen – und verlassen den Laden wieder. Bezahlt wird via Internet. Amazon Go nennt sich das und wird derzeit in Seattle erprobt.

Zur Person

Peter Wippermann (67) ist Berater, Autor und Keynote-Speaker für alle relevanten Zukunftsthemen. 1992 gründete er das Trendbüro in Hamburg als „Beratungsunternehmen für gesellschaftlichen Wandel“.
Von 1993 bis 2016 war er Professor für Kommunikationsdesign an der Folkwang Universität der Künste, Essen. Er ist Autor zahlreicher Publikationen wie dem „Werte-Index 2016“, der sich seit 2009 mit der Bedeutung und Relevanz von Werten der deutschen Internetnutzer beschäftigt.

Neue Business-Modelle stellen den Kunden in den Mittelpunkt

Das sollte selbstverständlich sein, ist es aber nicht. Viele etablierte Unternehmen haben damit sogar große Schwierigkeiten. Nach einer Studie der Managementberatung Kienbaum („Agility – überlebensnotwendig für Unternehmen in unsicheren und dynamischen Zeiten“) rücken gerade einmal 15 Prozent der deutschen Unternehmen ihre Kunden in den Mittelpunkt und agieren tatsächlich nach Kundenbedürfnissen. Neue Business-Modelle in der deutschen Wirtschaft werden gerne „Industrie 4.0“ genannt. Das klingt modern, doch fast alle diese Modelle fokussieren weiterhin den Produktionskontext und die Prozessabläufe.

Ganz anders in den USA: Das Internet der Dinge (IoT) ist dort sehr viel umfassender und arbeitet von der Produktion bis zum Service auf Basis von erhobenen Daten und Kundenbedürfnissen. Aktuelles Beispiel: Amazon. Als Buchhändler gestartet, bietet der Online-Riese mit Alexa und dem Echo Dot jetzt Sprache als Interface an. Damit können Konsumenten ihr Smart Home ansteuern, ihre Reisen buchen oder shoppen. Das Unternehmen überlegt ganz genau, was Menschen heutzutage brauchen könnten. Das ist wahres Umsetzen von Kundenbedürfnissen.

Künstliche Intelligenz bildet die Grundlage der Technologie

Innovationen aus Kundensicht zu entwickeln wird sich durch enorme Fortschritte in der Künstlichen Intelligenz schneller als bisher etablieren. Alibaba beweist das schon jetzt. Die chinesische Handels- und Kommunikationsplattform hat kürzlich ein virtuelles Kaufhaus eingerichtet: Mit VR-Brille und Joystick können sich Kunden darin bewegen, Waren in 3D anschauen, in ihren virtuellen Warenkorb legen und direkt bezahlen. Solche Business-Innovationen stammen vor allem von Gründern, die die Künstliche Intelligenz als selbstverständlich empfinden. Dazu gehört auch Airbnb. Gegründet wurde es von Industriedesignern, die nicht aus der Tourismusbranche kamen. Von Beginn an galt dort also ein technischer Fokus, um anschließend touristische Konzepte zu entwickeln.

All diese Beispiele beweisen: Es geht nicht mehr darum, etwas schneller und besser zu machen, sondern anders. Eigentlich ein recht simpler Ansatz. Entscheidend ist halt, was der Kunde will.

Peter_Wippermann_PRneu Peter Wippermann ist nicht nur Trendforscher, sondern auch Professor für Kommunikationsdesign an der Folkwang Universität der Künste, Essen. (© 2017 Trendbüro) - uneingeschränkte Nutzungsrechte für Personal Media Wippermann UG

Fünf Punkte: Tech Trends

Die „Trends to Watch in 2017“ von Peter Wippermann zeigen, welche Formen die digitale Entwicklung annimmt. Ein kurzer Auszug:

  • From Wearable to Hearable: Die Technologie in Kleidung und Accessoires verlagert sich ins Ohr. Dort wird die Interaktion dank Spracherkennung und Artificial-Intelligence-Assistenten ganz ohne Display möglich sein.
  • From Artificial Intelligence zu Artificial Emotion: Artifical Intelligence konzentriert sich meist auf ein technisches Anliegen. Artificial Emotion geht da ein Stück weiter: Es ermöglicht die reibungslose Interaktion zwischen Mensch und Maschine – dank erstklassiger Sprachverarbeitung. Ein Beispiel ist Tribe. Das ist ein Augmented-Messaging-Dienst mit Spracherkennung, der bei bestimmten „Magic Words“ automatisch Zusatzinformationen liefert.
  • From Tech Dystopia to Tech Optimism: Technologische Übersättigung und schneller Wandel führen zur Ablehnung der Technologie. Die Generation Z dagegen hat ihren eigenen Ansatz: Sie fokussiert sich auf die Vorteile der neuen technischen Möglichkeiten und weniger auf die daraus resultierenden Kritikpunkte wie etwa den Eingriff in die Privatsphäre.
  • From Virtual Reality to Real Virtuality: Interaktionen mit Mitmenschen sind in der Virtual Reality nicht möglich, ein Mensch interagiert nur mit virtuellen Wesen. Entwicklungen wie die HoloLens dagegen ermöglichen diese Interaktion mit anderen Menschen – und sogar mit virtuellen Objekten in der realen Welt. Zum Beispiel bei der Bewältigung hochkomplexer Arbeitsaufgaben.
  • From Platforms to Blockchains: Transaktionen wie Geldüberweisungen finden heute über Plattformen – in dem Fall Banken – statt. Die Banken erheben einerseits Gebühren und profitieren andererseits von den gesammelten Nutzerdaten. Blockchains dagegen ermöglichen direkte Transaktionen – ohne Vermittlungsinstanz, ohne versteckte Kosten, mit hoher Datensicherheit und Wahrung der Privatsphäre. Bekanntestes Beispiel ist die Internet-Währung Bitcon. Ein weiteres, aktuelleres ist BitSe. Das Unternehmen entwirft Mode, ist gleichzeitig aber auch Blockchain-Spezialist. BitSe hat eine Art Produkt-Pass entwickelt, der jedem Kleidungsstück anhaftet. Dieser speichert den gesamten Produktionsverlauf des Kleidungsstücks. So wird dem Käufer garantiert, dass es sich um ein Original handelt und kein Fake ist.

Weiterführende Links zum Thema

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Webseite Peter Wippermann