Von der alten Industriewelt in die digitale Moderne

Ist die zunehmende dysfunktionale Spaltung unserer Gesellschaft unvermeidbar? Vielleicht schon – doch schuld sind weder Wirtschaft noch Globalisierung. Tatsächlich sind es die polarisierenden sozialen und politischen Kräfte, die uns auseinandertreiben. Und das mitten in einem der größten kulturellen Umbrüche der neueren Geschichte. Auch wenn das Potenzial der digitalen Wirtschaft wie Artificial Intelligence, Cloud, Konversationshandel, Augmented Reality, Sharing und Peer Economy vielversprechend ist und wir alle davon enorm profitieren, haben wir die Auswirkungen des dramatischen Übergangs aus der alten Industriewelt in die digitale Moderne wohl noch nicht verarbeitet.

Zur Person

David Bosshart, Jahrgang 1959, studierte Philosophie an der Universität Zürich und promovierte 1991 in politischer Philosophie. Im selben Jahr stieg er beim Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) ein, der ältesten Schweizer Denkfabrik. Als unabhängiger europäischer Thinktank für Handel, Wirtschaft und Gesellschaft hat sich das 1962 gegründete Institut auf interdisziplinäre Trendforschung spezialisiert, verfasst Studien für Unternehmen und führt Veranstaltungen durch wie die Internationale Handelstagung. In der Schweiz vergibt es in unregelmäßigen Abständen den renommiertesten Preis für außergewöhnliche Persönlichkeiten. Seit 1999 leitet Bosshart das GDI. Er ist Autor zahlreicher international veröffentlichter Publikationen wie „The Age of Less: Die neue Wohlstandsformel der westlichen Welt“, mehrsprachiger Referent und Keynote Speaker in Europa, Amerika und Asien.

Denn in dieser uns so vertrauten Welt haben wir ein überdurchschnittliches BIP-Wachstum aufgebaut, die Vision der persönlichen Freiheit und der Demokratie für alle vorangetrieben und vor allem eine starke und wohlhabende Mittelschicht geschaffen, deren Identität auf der Hoffnung auf ein besseres Leben durch harte Arbeit beruhte. Die Mittelklasse sorgte für Stabilität und Verankerung auch in unsicheren Zeiten.

Das neue „Betriebssystem der digitalen Welt“

Heute, zweihundert Jahre nach dem bürgerlichen Aufbruch, werden wir von unvorhergesehenen Schockwellen gebeutelt. Wir stecken mitten in einem Vakuum zwischen der alten und neuen Welt, taumeln in einem Zustand des prekären Ungleichgewichts. Die beängstigende Wirklichkeit ist, dass die Mehrheit von uns keinerlei Ahnung davon hat, wie sie das neue „Betriebssystem der digitalen Welt“ überhaupt erkennen und darin gedeihen kann. Bislang hat das neue System nur eine kleine Gruppe von kreativen Monopolunternehmen begünstigt, die sie allerdings auch dominiert.

Und wo bleibt dabei der Rest der Menschheit? Zumindest die nahe Zukunft wird durch einen kostspieligen Übergang geprägt sein und von zunehmenden politischen, sozialen und kulturellen Umwälzungen begleitet werden.
Sie speisen sich aus fünf Themenfeldern:

David Bosshart David Bosshart, CEO des Gottlieb Duttweiler Instituts (© 2017 Tom Haller / Telekom)

1. Wir hier unten gegen die da oben: Die größer werdende Kluft zwischen den herrschenden globalen Eliten (Finanzen, Wirtschaft, Universitäten, Intellektuelle, Regierungen) und normalen Menschen wird immer offensichtlicher, gleichzeitig unverständlicher und unerträglicher.

2. Nationalisten gegen Globalisten: Die Diskrepanz zwischen der ökonomischen Wahrnehmung der Globalisierung und den regional geprägten Werten von etablierten Gesellschaften und Nationen wächst. Populismus entwickelt sich zu einem Tsunami, nicht nur zu einer neuen Welle.

3. Experten gegen Laien: Es gibt ebenfalls eine Kluft zwischen einer kleinen Gruppe von renommierten und gut bezahlten Experten und einer wachsenden Gruppe von Laien, die schlecht informiert sind, aber in der digitalen Kultur durch ihre populistischen Stimmen Gehör finden und stärker werden.

4. Gefühle gegen Fakten: Wir erleben den Aufstieg einer neuen Kultur, die von Gefühlen bestimmt wird und gleichzeitig die immer abstraktere und komplexere Welt der Daten ignoriert. Der indische Autor und Essayist Pankaj Mishra nennt dies „das Zeitalter der subjektiven Tatsachen“. Gefühle übertrumpfen alles – unabhängig von Wahrheit, Beweisen oder statistischen Daten. Der Spruch „Du kannst das Gefühl nicht schlagen" ist tatsächlich stärker als jede scheinbar faktenbasierte Wahrheit.

5. Unverstandene gegen Autoritäten: Die Lücke zwischen bildungsfernen, uninformierten, selbstfokussierten Unverstandenen, die die Welt fast ausschließlich durch Social Media, Suchmaschinen, Internet und Fernsehen betrachten, begünstigt die Ochlokratie (Herrschaft des Pöbels). Zwischen ihnen und denen, die wissen, wie man digitale Medien mit Bedacht einsetzt und Positionen ausgewogen und fair vermittelt, wird die Kluft immer größer.

Die Welt ist im Umbruch

Im Jahr 1997, in einem Moment der außergewöhnlichen Weitsicht, sagte der Philosoph Richard Rorty voraus, dass künftig eine große Zahl von „Wählern entscheiden werden, dass das System gescheitert ist und sie sich einen starken und autoritären Führer suchen – jemand, der nach seiner Wahl dafür sorgen wird, dass jene selbstgefälligen Bürokraten, Winkelanwälte, überbezahlte Börsengurus und besserwisserische Professoren nicht länger an den Hebeln der Macht sitzen“. Rorty fügte hinzu: Niemand könne voraussagen, „was solch ein starker Mann tatsächlich im Amt umsetzen würde“. Ein solcher Autokrat aber würde „die ökonomischen Bedingungen verschlechtern“ und müsste sehr „schnell Frieden mit den Superreichen der Welt schließen“.

Erleben wir gerade, wie die Wirklichkeit die philosophische Vorhersage nachahmt? Ich hoffe sehr, dass die Schlussfolgerungen von Rorty falsch sind.

Weiterführende Links zum Thema

Homepage Gottlieb Duttweiler Institut

Biografie Dr. David Bosshart