Die Marsianerin

Ihren Mietvertrag hatte sie gekündigt, Möbel und Kleidung verstaute sie auf dem Dachboden ihrer Eltern in Bitterfeld. Das war Ende August 2015, und Christiane Heinicke bezog eine rund hundert Quadratmeter große, nachgebaute Marsstation auf einem Vulkanhügel auf Hawaii. Die Aufgabe: Ein ganzes Jahr lang sollte Heinicke dort zusammen mit fünf Mitstreitern ein Raumfahrerleben wie auf dem Mars simulieren.

Sina Mars-Station auf Hawaii Im Sonnenuntergang: Die "Mars"-Station der Nasa auf Hawaii. (© 2017 NASA)
Über Christiane Heinicke

1985 in Bitterfeld geboren, studierte in Ilmenau und im schwedischen Uppsala Physik // 2003 promovierte sie an der TU Ilmenau // Im Sommer 2015 nahm sie mit weiteren fünf Wissenschaftlern am einjährigen NASA-Mars-Projekt HI-SEAS teil // 2017 schrieb sie das Buch „Leben auf dem Mars“ über ihre Erfahrungen in der HI-SEAS-Forschungsstation auf Hawaii.

Klein, aber mein

Jeder der sechs Teilnehmer hatte ein eigenes, winziges Zimmer mit Bett, Tisch, Hocker, Regal, einem Ablagebrett an der Wand und zwei Boxen unter dem Bett. Zwei Toiletten sowie eine Dusche standen zur Verfügung. Jeder sollte maximal acht Minuten pro Woche duschen - tatsächlich war es weniger. In der simulierten Raumstation waren auch Waschmaschine, Trockner und  Geschirrspüler vorhanden. Zum Fitbleiben gab es ein Laufband, zwei stationäre Fahrrad-Ergometer sowie Stretchbänder, Yogamatten und Hanteln. Heinickes Hauptaufgabe war es, Wasser aus Bodenproben zu extrahieren. Dazu baute die Deutsche eine Art Gewächshaus, das Wasser aus dem Boden verdampft und auffängt. „Dieses System funktioniert im Prinzip auch auf dem Mars", erklärt die Geophysikerin. Etwa 100 Liter Wasser habe sie innerhalb des Jahres gewonnen - aus einem einzigen Quadratmeter.

Sina Mars-Station der NASA Wie Bienenwaben: Die Zimmer der Marsianer in der Sina Mars-Station der NASa auf Hawaii. (© 2017 NASA)

Die Kommunikation mit Freunden und Familie

Heinicke und ihre Mitbewohner konnten im Internet surfen, hatten aber nur Zugriff auf wenige freigegebene Seiten, etwa Wikipedia, die Homepage der Nasa oder Wörterbücher. Facebook, Twitter oder Nachrichtenportale waren nicht erreichbar. Skype funktionierte auch nicht, doch die Marsianer konnten kleine Sprach- und Videonachrichten als Dateianhang senden und empfangen. Alle ein- und ausgehenden E-Mails wurden mit einer Zeitverzögerung von 20 Minuten weitergeleitet.

Christiane Heinicke Die promovierte Physikerin Christiane Heinicke verbrachte als Marsianerin ein Jahr in einem Habitat auf einem aktiven Vulkan auf Hawaii. (© 2017 Christian Wyrwa)

Nach ihrer Rückkehr vom Psuedo-Mars haben wir Christiane Heinicke zum Handyportät gebeten:

Mit wem haben Sie vor Ihrer Mars-Mission als letztes mit dem Handy telefoniert? Und mit wem als erstes danach?
Beide Male mit meinen Eltern.

Welches Handy-Modell nutzen Sie?
Ein fünf oder sechs Jahre altes Samsung GT-S5260. Mit dem ich übrigens immer noch mehr als eine Woche lang telefonieren kann, ohne auch nur einmal aufladen zu müssen!

Wissenschaftlerin und dann „nur“ ein einfaches Handy?
Ich arbeite sehr viel am Computer und verbringe viel Zeit im Internet – da brauche ich auf meinem Telefon nicht auch noch einen Internetzugang. Wenn der Computer aus ist, will ich auch von der Arbeit abschalten.

Nur Handy bedeutet, kein Internet, kein WhatsApp und keine Apps überhaupt. Wird man da nicht mitleidig angelächelt? Und wie kommuniziert und stimmt man sich zeitnah ab?
Im Gegenteil, die meisten reagieren neidisch, weil sie sich selbst zu abhängig von ihren Smartphones fühlen. Aber die Freiheit, auf die neuesten Apps zu verzichten – die ja dann ohnehin nicht immer alle haben – muss man sich bewusst nehmen. Zum Abstimmen nutze ich meist E-Mail über den Computer mit dem viel größeren Bildschirm und der viel bequemeren Tastatur. Und wenn‘s schnell gehen muss, rufe ich an.

Wozu simuliert man die Mars-Missionen?

Eine Mission bis zum Mars und zurück würde zwei bis drei Jahre dauern. Das Team muss sich blind verstehen und gut funktionieren, um die wissenschaftlichen Experimente erfolgreich abzuschließen. Um zu ergründen, wie sich die Gruppendynamik in der Isolation über längere Zeit hinweg entwickeln und steuern lässt, startet die NASA das Mars-Experiment. Dieser Testlauf war bereits die vierte Mission, die in der Station auf Hawaii stattfand - und mit 365 Tagen die bislang längste. Betrieben wird das Projekt "Hawaii Space Exploration Analog and Simulation" (HI-SEAS) von der Weltraumagentur NASA und der Universität Hawaii.

Ist Sprechen näher und „wertvoller“ als Nachrichten verschicken?
Beides hat seine Berechtigung. Sprechen geht schneller, dafür kann ich Nachrichten auch versenden, wenn es um mich herum sehr laut ist oder ich nicht auffallen will, beispielsweise während eines Vortrags.

Viele empfinden Nachrichten als ein Art Anklopfen beim anderen. Wenn man gleich anruft, fällt man sozusagen mit der Tür ins Haus, oder? Wie oft gehen die Leute auch ran?
Auch das Telefonklingeln ist eine Art „Anklopfen“. Entweder der Angerufene hat gerade Zeit und Lust, ranzugehen, oder nicht.

Aus ihrer Isolations-Erfahrung auf der Mars-Mission: Wie wichtig ist der Kontakt der Menschen untereinander?
Sehr wichtig, wobei es immer auch darauf ankommt: Nachrichten erlauben dem Empfänger, in Ruhe über die Antwort nachzudenken, beim direkten Sprechen werden dagegen unendlich viel mehr Informationen übermittelt.

Wie bewerten Sie unsere weltumspannenden Netzwerke und unsere ständige Erreichbarkeit: übertrieben, notwendig oder ein moderner Luxus?
Ich denke, dass unsere heutigen Netze unglaublich viele Möglichkeiten eröffnen, die wir auch nutzen sollten. Das heißt aber noch lange nicht, dass man ständig erreichbar sein muss. Wenn ich mich zum Beispiel mit jemandem unterhalte, wäre es für mich eine grobe Unhöflichkeit, in dem Moment mein Handy oder Smartphone aus der Tasche zu holen.

Sehen Sie sich als „Heavy-User“ oder schalten Sie Ihr Handy auch mal aus?
Ich schalte es grundsätzlich auf stumm, wenn ich schlafen gehe, in Besprechungen sitze, oder Vorträgen lausche.