Produktentwicklungsprozesse neigen dazu, nicht die gewünschten Ergebnisse zu bringen, da es niemanden gibt, der von Anfang bis Ende die absolute Kontrolle darüber hat. Außer vielleicht bei Apple. Kann also jedes Unternehmen ebenso erfolgreich sein wie Apple, wenn es nur deren Prozess kopiert? Der legendäre Apple New Product Process (ANPP) gilt dort als die wahre Geheimwaffe.

Was für ein Schwachsinn. Wenn es wirklich nur darum ginge, einen Prozess auszuführen, gäbe es da draußen haufenweise tolle Sachen – was offensichtlich nicht der Fall ist. Die Gründe, warum der Prozess bei Apple funktioniert, lassen sich in wenigen Punkten zusammenfassen:

  • absolute Kontrolle über den Prozess durch eine sehr kleine Gruppe oder eine Einzelperson
  • absolute Rechenschaftspflicht von jedem Glied der Kette gegenüber dem Chef
  • obsessive Qualitätskontrolle
  • Unnachgiebigkeit und absurde Detailverliebtheit in organisatorischen Punkten

Ein Freund von mir hat in einem Gespräch ein Buch über Jony Ive ins Spiel gebracht, jenen Produktentwickler also, ohne den viele bahnbrechende Produkte von Apple nicht das Licht der Welt erblickt hätten. Wir hatten uns über Ive unterhalten, als es darum ging, dass Produktentwicklung nicht einfach das Ergebnis einer kreativen Spritztour ist, von der so viele Designer behaupten, dass sie sie brauchen, um sich etwas Geniales auszudenken. Produktentwicklung ist ein systematischer Ansatz, wie man ein Problem löst: mittels Wissen und Einblicken darin, wie Menschen mit Gegenständen umgehen, sie wahrnehmen und sie verwenden. Hinzu kommen noch eine gesunde Portion Erfahrung mit erprobten Methoden und ein obsessiver Fokus auf Details gepaart mit Umsetzungsgeschick. Letzteres ist gemeinhin als Besessenheit bekannt oder, wie Adam Lashinsky es so treffend beschrieben hat, als das Maß an Narzissmus, das Führungskräfte antreibt.

Im Grunde reden wir hier eigentlich darüber, „alles zu tun, was in meiner Macht steht, um MEINEN eigenen Ansprüchen gerecht zu werden“ – über die Art von Prozess also, die nur von einem Unternehmen beschworen und ausgeführt werden kann, das um eine Einzelperson, wie Steve Jobs oder Ive, oder um Gleichgesinnte herum aufgebaut wurde.

Von Steve Jobs lernen

Ob ein Produktentwicklungsprozess funktioniert oder nicht, hängt letztendlich vom Unternehmen ab. Wenn man sich mal eine beliebige Firma mit vielleicht mehr als 50 Mitarbeitern anschaut, dann haben nur wenige überhaupt einen standardisierten Prozess für die Produktentwicklung. Und die, die einen haben, stellen Leute ein, die Prozess-Schemata entwickeln und Kontrollmechanismen einrichten. Sie verfügen oft nicht über das nötige komplexe Verständnis, die Qualität der Arbeit in jeder Phase kontrollieren und prüfen zu können. Lenkungsausschüsse für Produkte sind nichts als Tribunale von Firmenpolitikern, die keine Ahnung haben, worum es geht, und die hauptsächlich aufgrund von persönlichen oder politischen Ambitionen versuchen, Einfluss zu nehmen.

Ach ja, die Politik. Prozesse werden häufig genutzt, um politische Macht auszuüben oder um eine Abteilung durch eine andere zu beeinflussen. Politik spielt meist eine große Rolle für die Effektivität und Effizienz eines Produktentwicklungsprozesses, sie stört die Dynamik und verlängert die Produkteinführungszeit in sich schnell entwickelnden Märkten.

(© 2017 gettyimages)

Steve Jobs war ein Narzisst, ein Kontrollfreak, er hat sich selbst als einen Mann der Renaissance gesehen. Obwohl er als Einzelperson überhaupt nichts erfunden hat, hat er durch sein obsessives Interesse in vielen verschiedenen Bereichen ein komplexes Verständnis und fundierte Ansichten zu vielen Dingen entwickelt, und zwar in einer Detailtiefe, über die kein CEO eines großen (oder auch kleinen) Unternehmens verfügt oder die er auch nur annährend erreichen kann: weil alle zu beschäftigt damit sind, Politiker und Diplomaten zu sein.

Das ist es, was Jobs so verdammt gut und seine Führung der Produktentwicklung und des ANPP so unheimlich effektiv gemacht hat: Er hat alles kontrolliert und jeder war ihm für jedes Detail Rechenschaft schuldig. Außer der Qualität des Produkts war ihm alles andere (insbesondere die Menschen) egal.

Eine OP am offenen Herzen bei vollem Bewusstsein

Sie können versuchen, es ebenso zu halten, aber es wird lange dauern und sehr, sehr schwierig werden. Es ist vergleichbar mit einer OP am offenen Herzen – bei einem sturen Patienten. Wenn man versucht, einen Prozess nach dem Apple-Prinzip zu gestalten, wird in einem Unternehmen, dessen Führungskräfte sich wie Lehnsherren fühlen, offener Krieg ausbrechen.

Hier sind dennoch ein paar Anhaltspunkte. Als ehemaliger Insider in einem Unternehmensprozess (als Mitarbeiter eines Telekommunikationsunternehmens) und heute als Mitarbeiter einer Design-/Kreativagentur habe ich das Privileg, vielen Unternehmen mit sehr, sehr ähnlichen Problemen zu begegnen. Mein Rat:

  • Erschaffen Sie eine Mission, geben Sie Ihren Mitarbeitern einen Sinn und stellen Sie Werte auf, an die Ihr Unternehmen und Ihre Kunden glauben (verankern Sie Ihre Marke).
  • Ernennen Sie Führungskräfte: nämlich diejenigen, die wirklich aus tiefstem Herzen und wie besessen an das glauben, wofür Ihr Unternehmen steht.
  • Finden Sie einen CEO, der sich wirklich dafür interessiert.
  • Räumen Sie im mittleren Management auf und feuern Sie die Politiker.

Ein Prozess kann unter außergewöhnlichen Umständen Magisches erschaffen. Unter normalen Umständen kann er den Output eines Unternehmens auf Mittelmaß stutzen. Sofern Sie nicht Skunk Works-Projekte oder Corporate Startups in Betracht ziehen und diesen freie Hand geben, Ihre Unternehmensressourcen zu verwenden und zu kontrollieren, wenn das Produkt die erste Planungsphase verlassen hat, wird Ihr Unternehmen nichts Herausragendes leisten, weil zu viele Köche am Werk sind. Eine weichgespülte, kompromittierte Fratze Ihrer ursprünglich brillanten Idee.