01: Wird das Thema Digitalisierung übertrieben?

Und wie! In der Art und Weise, wie wir Digitalisierung heute öffentlich diskutieren, handelt es sich um eine Mischung aus Selbstverständlichkeit und Hysterie. Die moderne Form der Digitalisierung erleben wir schon seit mindestens drei Jahrzehnten, wenn nicht länger. 1940 gab es zum Beispiel die ersten Lochkartensysteme, die die Arbeit der Mathematiker ersetzten und das Zeitalter der Computer einläuteten. Das war kein Einzelereignis, sondern Teil eines Prozesses, der bis heute andauert – und übrigens damals schon vorauszusehen war.

Heute kommt Hysterie ins Spiel, weil viele an die große Disruption glauben. Dass sich etwa ganze Unternehmen auflösen, komplett virtualisiert werden – das weckt eine Urangst in uns. Das passiert aber nur, wenn man sich wegduckt und den Wandel völlig ignoriert – ungefähr so, wie es Weltunternehmen wie Kodak gemacht haben. Damals haben sie noch munter millionenfach Ausrüstung für Fotografen hergestellt, obwohl Digitalkameras die Welt eroberten. Den digitalen Wandel zu ignorieren, hilft also am wenigsten.

02: Ist der Mittelstand Teil der digitalen Evolution?

Ja, ich kenne kein Unternehmen, das sich nicht in einer digitalen Evolution befindet, gerade im agilen Mittelstand. Wer sich überhaupt nicht damit beschäftigt, der hat entweder eine sehr handwerkliche Nische oder er geht pleite. Ich bin aber überzeugt, das Thema und die Folgen für den Mittelstand werden übertrieben dargestellt, weil viele Berater mit der Angst ein Geschäft machen und die große Alarmglocke schwingen. Bei der Digitalisierung handelt es sich in Wahrheit aber um einen graduellen, eigentlich „natürlichen“ Prozess.

Zur Person

Matthias Horx (62) gilt als einer der einflussreichsten Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Nach einer Laufbahn als Journalist gründete er zur Jahrtausendwende das „Zukunftsinstitut“, das heute zahlreiche Unternehmen und Institutionen berät. Seine Bücher wie „Anleitung zum Zukunftsoptimismus“ oder „Das Buch des Wandels“ wurden Bestseller. Als Gastdozent lehrt er Prognostik und Früherkennung an verschiedenen Hochschulen.

03: Ist der Künstliche-Intelligenz-Hype gerechtfertigt?

Eher nicht. Die Idee, dass demnächst die Hälfte aller Jobs von intelligenten Computern übernommen werden, ist eine typische Talkshow-Formel, die sich inhaltlich nicht halten lässt. Man kann einen Barkeeper natürlich durch einen Schüttelroboter ersetzen, der Drinks ausgibt. Aber ist das die wahre Funktion des Barkeepers? Man kann auch einen Arzt durch eine Maschine ersetzen. Aber dann hat man nicht verstanden, was Heilkunst eigentlich ist.

Wir verwechseln in der KI-Debatte Intelligenz – die Fähigkeit, begrenzte Probleme zu lösen – mit Bewusstsein. Wir projizieren menschliche Eigenschaften auf Computer und finden, dass die irgendwie „denken“ können. Menschliches Denken ist aber immer von Gefühlen geprägt – und die sind wichtig, wenn wir fundierte Entscheidungen treffen wollen. Selbst wenn in jedem Science-Fiction-Film aus Hollywood eine Bedrohungskulisse aufgebaut wird: Roboter werden in den nächsten 500 Jahren ganz sicher keine Gefühle haben. Denn dazu braucht man einen fleischlichen Körper, Sterblichkeit, Blut, Hormone und noch vieles mehr.

04. Werden alle Jobs künftig von Robotern übernommen?

Es ist natürlich von Vorteil, wenn Roboter monotone oder gefährliche Aufgaben übernehmen. Aber das ist weder neu noch heißt es, dass es für den Menschen nichts mehr zu tun gibt. Planen und Kreativsein sind Eigenschaften, die sich nicht einfach ersetzen lassen. Robotern fehlt Bewusstsein – und vor allem Seele. Wenn diese menschlichen Faktoren fehlen, gehen Firmen pleite. Das Problem der Digitalisierung ist eigentlich umgekehrt: Wenn Menschen – etwa Unternehmer – sich wie Roboter verhalten, gegenüber den Mitarbeitern und Kunden, dann geht die Firma über kurz oder lang den Bach runter. Das haben wir in der Finanzkrise erlebt oder bei großen Pleiten wie beispielsweise bei Schlecker.

05. Wird die neue Arbeit auf breiter Front komplexer?

Nicht mehr als sonst. Das ist eine These, die übrigens schon seit 200 Jahren gilt, seit Beginn der industriellen Revolution. Ein Sachbearbeiter muss auch in der Zukunft kommunizieren und netzwerken können, sonst wird sein Job tatsächlich digital ersetzt. Das macht Stress, ist aber auf Dauer gut für die menschliche Seele – es erlöst uns von der Monotonie im Job.

Früher arbeiteten rund 50 Prozent aller Erwerbstätigen in einer Fabrik, meistens in sehr monotonen Tätigkeiten. Heute arbeiten Hunderttausende im Wellness-Sektor – einer Branche, die es vor Jahren noch gar nicht gab, die aber inzwischen so groß ist wie die Autoindustrie. Dazu braucht man ganz andere Qualifikationen: Mitarbeiter mit Kommunikationskompetenz, Empathie, Körperbewusstsein und so weiter. Kurzum, das sind Menschen, die sich selbst verstehen und nicht „fabrikmäßig“ arbeiten. Das gilt ja auch für viele Serviceberufe, die nicht mehr nur monotone Handreichungen sind. Mit Besonnenheit sollten wir den vermeintlichen Bedrohungen unserer Arbeitsplätze durch Roboter und künstliche Intelligenz begegnen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass neue – und meist bessere – Jobs entstehen.

06. Glauben wir zu leichtfertig an Hypes, an das „nächste große Ding“?

Wenn man digitale Entwicklungen auf ein einzelnes Jahr beschränkt, gerät man schnell in Gefahr, Hypes aufzusitzen. Wirklich wichtige technologische Trends sind die Elektromobilität oder Innovationen im Bereich erneuerbarer Energien. Natürlich gibt es auch sensationelle Entwicklungen im Bereich der virtuellen Realität, aber das bleibt eben doch ein Randthema. Autonomes Autofahren wird meiner Meinung nach erst in 20 Jahren flächendeckend kommen.

07. Erleben wir so etwas wie die häßliche Fratze des Digitalen?

Das Internet und die sozialen Medien zeigen in vielen Bereichen eine sehr negative Auswirkung, zu beobachten bei Trolls mit ihren Hasskommentaren und den gezielten Hackerangriffen auf Institutionen. Ich sehe für die nächsten Jahre eine „Beziehungsdebatte“ zwischen der menschlichen Seele und dem Digitalen. Das Digitale entfremdet uns ja auch und es gilt, wieder ein richtiges Maß herzustellen. Ich kenne niemanden, der nicht versucht, sein Smartphone wieder auszustellen, um seine Lebensqualität zu erhöhen. Es geht also in Zukunft um „erleuchtete Digitalität“ – und nicht um Digitalisierung um jeden Preis.

Weiterführende Links zum Thema

Webseite des Zukunftsinstituts

Internetseite von Matthias Horx

Digitale Erleuchtung: Artikel von Matthias Horx