Die digitale Transformation hat begonnen

Gefühlt scheint die digitale Technik allgegenwärtig zu sein: Wir verbringen Stunden vor dem Smartphone, schauen nicht mehr fern, sondern streamen, und haben schon lange nichts mehr in der Innenstadt oder beim Buchhändler um die Ecke gekauft. In der Wirtschaft dasselbe: Jede Menge Prozesse, Daten und Kundeninteraktionen sind längst digitalisiert. Wir haben Unmengen an Workshops und Diskussionsforen zum Thema Industrie 4.0 besucht, „Heads of Digital Strategy“ ernannt und Investoren mit hinreichend vagen digitalen Stoßrichtungen beruhigt. Thema erledigt.

Weit gefehlt. Trotz der vermeintlichen Omnipräsenz digitaler Techniken hat die Transformation begonnen, ganze Industriezweige umzukrempeln und bewährte Geschäftsmodelle auf den Kopf zu stellen. Und die aus Big Data und der Allverfügbarkeit von Sensorik entstehenden Möglichkeiten sind noch lange nicht ausgeschöpft. Die Potenziale für Service- und Wartungsprozesse, um nur ein Beispiel zu nennen, sind schier unendlich. Alles, was technisch möglich ist, wird früher oder später irgendein Player im Markt umsetzen, wenn es Kundennutzen bringt oder Kostensenkung verspricht. Damit werden ein neuer Standard gesetzt und neue Kostenstrukturen definiert. Das Beste kommt also noch – mit maßgeblichen Auswirkungen auf Umsatz, Gewinn und die Zukunftsaussichten vieler etablierter Spieler.

Zur Person

Nina Leffers (38) ist Professorin für internationale Unternehmensführung an der OTH Regensburg. Zuletzt war sie Projektleiterin bei McKinsey mit den Schwerpunkten Wachstums- und Internationalisierungs-Strategien. Heute berät sie vorwiegend B2B-Unternehmen an der Schnittstelle zum Kunden und in Fragen der Strategieentwicklung. Sie beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie sich Unternehmen erfolgreich an technologische Veränderungen anpassen können. Als Co-Autorin verfasste sie den Ratgeber „Der ganz normale Change-Wahnsinn“ (Murmann).

Umfassendere Umwälzungen von Wirtschaft und Gesellschaft

Die Veränderungen rollen auf uns zu, und wir machen oft den ersten Denkfehler und sprechen von Industrie 4.0 oder der vierten industriellen Revolution. Wir stellen damit die totale Vernetzung von Materiellem und Virtuellem in eine Reihe mit der Dampfmaschine, der Nutzung von Strom und der Computertechnologie – und greifen damit viel zu kurz. Der Einfluss der digitalen Technik auf die Industrie ist zweifelsohne weitreichend, ebenso wie der ihrer Vorgänger. Aber wir müssen uns auf viel umfassendere Umwälzungen von Wirtschaft und Gesellschaft einstellen, die sich zusätzlich mit beeindruckender Geschwindigkeit durchsetzen.

Die Japaner sind hier – zumindest sprachlich – einen Schritt weiter. Hier spricht keiner mehr von der Industrie 4.0, sondern von der Gesellschaft 5.0, in der sich alles untereinander vernetzt. Roboter sollen Teil unseres Lebens, Familienmitglied oder Arbeitskollege werden, Sensoren und Big Data sollen in die Gesellschaft integriert werden, um bislang vermeintlich unüberwindbare Probleme zu lösen. Ob man diese Formulierung nun mag oder nicht: Das Ausmaß des zu erwartenden Wandels geht weit über die rein kommerziellen Veränderungen hinaus und wird damit als Idee jedenfalls besser transportiert.

Die vier wichtigsten Herausforderungen der Digitalisierung

Pauschal von der digitalen Transformation zu sprechen, greift in jedem Fall zu kurz und führt unweigerlich dazu, dass das Ganze hinreichend vage bleibt und nicht in konkreten Veränderungen mündet. Etablierte Unternehmen sollten sich auf vier Ebenen mit der Digitalisierung auseinandersetzen, die jeweils ganz unterschiedliche Herausforderungen mit sich bringen.

1. Digitalisierung der Kundenschnittstelle
Echte interaktive und personalisierte Kundenansprache, getrieben von Branchenbenchmarks und Kundenanforderungen.

2. Digitalisierung der administrativen Prozesse
Effiziente Zusammenarbeit und Produktivitätssteigerung in der Verwaltung im Wesentlichen durch Digitalisierung der „alten Prozesse“.

3. Digitalisierung der operativen Prozesse
Steigerung von Produktivität, Effektivität und Qualität durch jede Art von digitaler Technologie, die in den Produktionsprozess Einzug hält.

4. Veränderung der Branchenlogik
Hier geht es nicht mehr um Effizienzsteigerung, sondern um echte Quantensprünge. Häufig sind es Wettbewerber aus anderen Branchen, die ihre Plattformen nutzen, um etablierte Geschäftsmodelle auf den Kopf zu stellen.

Nina Leffers Nina Leffers (© 2017 Digitaler Mittelsatnd)

 

Die digitale Strategie muss Teil der Unternehmensstrategie werden

Eine Digitalstrategie kann auf einer oder allen beschriebenen Ebenen stattfinden. Aber was unterscheidet nun die erfolgreichen von den weniger erfolgreichen Spielern? Zunächst eine konsequente Umsetzung der digitalen Strategie als Teil der Unternehmensstrategie und nicht als Hobby des CIO. Dazu gehören ebenfalls ein nachhaltiges Durchleuchten aller Teile des Geschäftsmodells und aller Unternehmensbereiche sowie die konsequente Suche nach Opportunitäten und Risiken. Unternehmen, die mit ihrer Digitalstrategie erfolgreich sind, zeichnen sich tendenziell durch höhere Investitionen in diesem Bereich aus als ihre Wettbewerber.

Digitalisierung der Unternehmen: Nicht warten, sondern handeln

Und nicht zuletzt: Gutes Change Management ist erfolgsentscheidend. Der digitale Wandel ist nicht primär eine Frage des Geldes: Es gilt, in den Unternehmen ein Klima von Offenheit zu schaffen und die Bereitschaft, die etablierte Welt der Besitzstandwahrung aufzugeben. Jedes Unternehmen, das die Startup-Phase hinter sich gelassen hat, ist auf Effizienzsteigerung getrimmt und nicht auf strategische Agilität. Das allerdings hemmt jede Veränderung.

Das Ergebnis: Alte Strukturen, Renditevorgaben und Sicherheitsdenken ersticken echte disruptive Innovationen im Konzern sofort. „Growth first, revenue later“ – die Mehrzahl der heute erfolgreichen Internetunternehmen hat diese Strategie verfolgt. Jedem gewissenhaften Controller stehen beim Gedanken daran die Haare zu Berge. Amazon hat fast 20 Jahre lang keine nennenswerten Margen erwirtschaftet und sich dabei phänomenal entwickelt. Wie lange wäre das bei einer herkömmlichen Business Unit eines professionell geführten Konzerns gut gegangen? Kaum länger als ein Jahr.

Häufig höre ich von Managern und Unternehmern, dass sie von der Veränderungsgeschwindigkeit überrascht sind, mit der ihre Branche sich gewandelt hat. Ich kann nur dazu raten: Nicht warten, bis man von Veränderungen überrascht wird. Die Devise der Zukunft lautet: Ändern Sie selbst die Spielregeln. Heute noch.