Think new

Meine Masterstudenten und Seminarteilnehmer stellen mir häufig die Frage, welche Managementkompetenzen benötigt werden, um den digitalen Wandel erfolgreich zu bewältigen. Eine berechtigte und aufschlussreiche Frage, denn die Digitalisierung von Gesellschaft und Wirtschaft, manchmal als vierte industrielle Revolution bezeichnet, stellt sicher geglaubte Geschäftsmodelle auf den Kopf. Aktuelle Studien gehen sogar davon aus, dass in den nächsten fünf Jahren durchschnittlich vier der zehn umsatzstärksten Firmen jeder Branche aufgrund des digitalen Wandels aus den Top-Ten-Plätzen verdrängt werden.

Unternehmer und Manager müssen  die Mechanismen des Digital Business kennen und verstehen, um erfolgreich zu sein. Der Umsturz der etablierten Ordnung geschieht sehr schnell und wird daher als disruptiv bezeichnet. Kein Wunder also, dass Führungskräfte im Digital Business sich in einer schnell wandelnden und komplexen Unternehmensumwelt behaupten müssen. Hier sind die Veränderungen in Prozessen, Kundenbeziehungen und Geschäftsmodellen nur schwer vorherzusehen und zu beherrschen. Treiber dieses Wandels ist die exponentielle technologische Veränderung, die zu neuen Geschäftsmodellen führt, bislang unbekannte Wettbewerber hervorbringt und völlig neue Produkt- und Kommunikationsformen ermöglicht.

Zur Person

Yorck von Borcke (42) ist Ökonom, Professor, Autor und Unternehmensberater. Er hält eine Professur für Medien- und Digitalmanagement an der Hochschule Fresenius in Hamburg und ist Leiter der dortigen Media School. In seiner Funktion als Studiendekan entwickelt und verantwortet er Bachelor- und Masterstudiengänge, unter anderem den Masterstudiengang Digitales Management (M.A.).

Seine praxisorientierten Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich des Digital- und Innovationsmanagements. Der promovierte Betriebswirt ist darüber hinaus als Autor (aktuelles Fachbuch zusammen mit C. Hoffmeister: „Think new! 25 Erfolgsstrategien im digitalen Business“,  erschienen bei Hanser), wissenschaftlicher Beirat beim DCI Institute, Hamburg, und strategischer Berater für das Thema digitale Transformation tätig.

Digitale Manager müssen flexibel sein

Kurzum, klassische Management- und Führungsprinzipien, insbesondere solche der langfristigen Planung und Kontrolle, scheitern immer häufiger in diesem Umfeld. Sie sind schlicht zu unflexibel, zu langsam und wenig innovativ. Digitale Manager müssen hingegen mit Multi-Optionen agieren, frühzeitig Kundenfeedback einholen, um so die Produktentwicklung rasch zu validieren und Time-to-Market-Phasen zu beschleunigen.

Ein iteratives (wiederholendes) Herantasten und Testen vom Prototyp bis hin zum fertigen Produkt sowie eine frühzeitige Rückkoppelung mit echten Kundendaten ist dabei zielführender als eine detaillierte, langfristige Planung, die immer wieder an Markt- und Kundenbedürfnissen vorbeigeht. Diese neue Art des Managements muss eingebettet sein in eine Unternehmenskultur, die von flachen Hierarchien und einer Vertrauenskultur geprägt ist und so schnelle Entscheidungswege erlaubt. Sie räumt dem einzelnen Mitarbeiter die nötigen Freiräume und Ressourcen ein, um innovativ zu sein.

Natürlich müssen sich Führungskräfte ihrer Branche und ihrem Wettbewerbsumfeld anpassen. Aber in einer komplexen, volatilen und durch digitale Technologien geprägten Wirtschaft benötigen Unternehmer, Manager und Führungskräfte agile Führungsprinzipien. Sie müssen Führung neu denken.

Prof. Dr. Yorck von Borcke und Christian Hoffmeister Prof. Dr. Yorck von Borcke und Christian Hoffmeister (im Vordergrund) verfassten zusammen das Buch „Think new! 25 Erfolgsstrategien im digitalen Business“. Christian Hoffmeister ist zudem Dozent an der Hochschule Fresenius im Bereich Medienökonomie und Digital Business. (© 2017 Eva Haeberle)

 

Prinzipien des agilen Managements

Ein grundlegendes Managementprinzip in der digitalen Wirtschaft stammt aus dem Bereich der Softwareentwicklung, wo der Innovationsdruck seit jeher hoch ist. Der Entwicklungsprozess ist oft unterteilt in kurze, überschaubare Phasen (Sprints), in denen regelmäßig Zwischenergebnisse überprüft und am Endnutzer getestet werden. Die Leitprinzipien, die im „Manifest für agile Softwareentwicklung“ (Kent Beck u. a.) festgehalten wurden, beinhalten folgende wichtige Bausteine:

  • Funktionierende Software steht über einer umfassenden Dokumentation.
  • Zusammenarbeit mit dem Kunden steht über der Vertragsverhandlung.
  • Reagieren auf Veränderung steht über dem Befolgen eines Plans.
  • Selbstorganisation der Teams bei Planung und Umsetzung.
  • Bereitstellung des Umfelds und der Unterstützung, die von motivierten Individuen für die Aufgabenerfüllung benötigt wird.

Diese fünf Prinzipien reflektieren die Anforderungen an ein Management in der digitalen Welt. Sie reduzieren die Komplexität und machen die hohe Geschwindigkeit der Veränderungen beherrschbar. Gleichzeitig schaffen sie ein Arbeitsumfeld, das Innovationen ermöglicht und fördert.

Christian Hoffmeister und Yorck von Borcke Christian Hoffmeister und Yorck von Borcke haben 25 Erfolgsprinzipien ermittelt, auf denen der Erfolg von Apple, Google und Co. basiert. (© 2017 Eva Haeberle)

 

Profi-Tipp: Digital Business im Unternehmen etablieren

1. Richten Sie kleine, wendige Teams ein: Mit den agilen Prinzipien werden Hierarchien durch projektbezogene Rollen ersetzt und kleinere Teams mit verkürzten Berichts- und Entscheidungswegen installiert. Unternehmen rücken so näher an Kundenwünsche und einen dynamischen Wettbewerb heran.

2. Treiben Sie den Wandel voran: Die Umsetzung der Prinzipien ist alles andere als einfach. Dies gilt insbesondere für Organisationsstrukturen, die jahrzehntelang vollkommen anders funktioniert haben. Damit die agilen Methoden Erfolg haben können, müssen sie von der Führung unterstützt und mit den nötigen Ressourcen ausgestattet sein. Führungskräfte in der digitalen Welt sind gewissermaßen als Promotoren des Wandels gefordert: Sie müssen gute Ideen im Unternehmen schützen und fördern. Dabei kann es sich anbieten, mit einem abgegrenzten Projekt zu starten und erst danach die agilen Methoden in weiteren Bereichen des Unternehmens zu etablieren.

3. Schaffen Sie Freiraum für Innovatives: Es gilt, eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen, die Mitarbeitern Freiraum und Vertrauen gibt. Denn erst dieses Vertrauen schafft die Sicherheit, bei der Altbekanntes infrage gestellt und Neues geschaffen wird. An dieser Stelle kommt es oft zu einem Missverständnis: Es geht nicht darum, Führung und Vorgaben komplett zu beseitigen. Lediglich Mikromanagement und starre Strukturen sollen aufgelöst werden. Agile Methoden sind auch für Mitarbeiter herausfordernd, da permanent auf ihren Input und auf ihr Feedback gesetzt wird.

4. Motivieren Sie die Teams: Helfen Sie ihrem Team mit Weiterbildung und Motivation, um den Mehrwert der Methoden zu erkennen und so den organisatorischen Wandel zu gestalten. Die agilen Prinzipien sind eine wertvolle Inspirationsquelle und helfen dabei, den digitalen Transformationsprozess besser zu meistern und zu gestalten.

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