Als kurz nach sieben Uhr an diesem Sonntagmorgen das Smartphone zum ersten Mal summt, lässt sich Imker Herbert Müller gerade ein erstes Honigbrötchen schmecken. Doch die frühe SMS verdirbt ihm dann doch den Appetit: „Luftfeuchtigkeit zu hoch“ und „Temperatur zu niedrig“ steht auf seinem Display. Als er außerdem den Begriff „Mögliche Kalkbrut-Pilzinfektion“ liest, fährt er sofort los, um nach seinen Bienenvölkern zu schauen. Schon wenige Minuten später schlüpft er in die Imkermontur und kümmert sich vor Ort um seine vier Bienenvölker.

Bienen aus der Ferne überwachen, dadurch frühzeitig Erkrankungen erkennen und schnell behandeln: für Müller nichts Besonderes. Denn der Hobby-Imker – rund 80 Kilo Honig liefern seine vier Völker im Schnitt pro Jahr – setzt zur optimalen Betreuung seiner Tiere auf eine IoT-Lösung des Startups BeeAnd.me aus Montenegro. IoT steht für „Internet of Things“, auf Deutsch: Internet der Dinge.

Mit Software gegen Bienen-Malaisen

„Einfach gesagt haben wir ein Babyfon für Bienen entwickelt“, sagt Elma Hot. Mit ihrem Geschäftspartner Alija Dervic gründete die studierte Software-Entwicklerin das BeeAnd.me vor eineinhalb Jahren in Podgorica. Auf die Idee kam sie über ihren Großvater. Der Hobby-Imker hatte bei seinen Bienen immer wieder mit Krankheiten zu kämpfen, die den Bestand seiner Völker gefährdeten. Seine Enkelin hat nun eine smarte Lösung gefunden – von der mittelfristig nicht nur Imker profitieren. Denn Bienen haben für Menschen eine überlebenswichtige Funktion: Von den hundert Nahrungspflanzen, die für neunzig Prozent der globalen Nahrungsmittelproduktion sorgen, werden 71 von Bienen bestäubt. Die Wertschöpfung dieser Tiere ist also enorm – Greenpeace schätzt sie auf 256 Milliarden Euro. Doch damit könnte es bald vorbei sein. Warum? In jüngerer Vergangenheit sterben immer mehr Bienen, weltweit berichten Imker seit den späten 1990er-Jahren von einem plötzlichen und unerklärlichen Rückgang ihrer Populationen. Die Gründe: schrumpfende Lebensräume, zu wenig Futterangebot, Klimawandel, Pestizide, Parasiten und Krankheiten. Gegen einige dieser Punkte versuchen Naturschutzorganisationen bereits seit Jahren anzukämpfen. Mit ersten Erfolgen: Im Mai 2013 hat die EU-Kommission die drei schlimmsten bienenschädlichen Neonicotinoide, ein bis zu diesem Zeitpunkt häufig eingesetztes Agrargift, in allen 27 Mitgliedstaaten teilweise verboten.

Smarte Überwachung von Bienenstöcken: Elma Hot und Alija Dervic wollen mit BeeAnd.Me die Imkerei revolutionieren. Smarte Überwachung von Bienenstöcken: Elma Hot und Alija Dervic wollen mit BeeAnd.me die Imkerei revolutionieren. (© 2017 BeeAnd.Me)

Vier Sensoren für überlebenswichtige Informationen

Da kommt die Lösung von BeeAnd.me gerade recht: Entwickelt hat sie das Startup im Rahmen der Initiative „NB-IoT Prototyping Hub“ der Deutschen Telekom, wo es neben fachlicher Expertise und technischem Equipment auch Unterstützung bei der Kundenakquise gab. Wie das Bienen-Fon funktioniert? Eine Messstation, direkt unter dem Bienenkorb angebracht, kontrolliert mithilfe von vier Sensoren das Gewicht des Stocks, die Temperatur und Luftfeuchtigkeit in der Umgebung sowie die Geräusche der Bienen. Anschließend sendet sie diese Informationen über das NB-IoT-Netz (NarrowBand IoT, siehe Kasten) in die Cloud. Die BeeAnd.me-Online-Plattform verarbeitet die Daten und bereitet sie übersichtlich auf. Eine speziell entwickelte Software analysiert die Informationen und warnt den Nutzer, wenn der Bestand der Bienen gefährdet ist.

Zum Beispiel, wenn das Gewicht der Bienenstöcke über einen definierten Grenzwert steigt. Was Imker daraus schließen können? Etwa, dass das Bienenvolk zu groß geworden ist und zumindest ein Teil des Schwarms den Stock bald verlassen könnte, weil ihnen ihre Behausung zu eng geworden ist. Weiß er um diese Situation, kann sich der Imker frühzeitig um einen neuen, größeren Stock kümmern. Zu niedrige Temperaturen und zu hohe Luftfeuchtigkeit in der unmittelbaren Umgebung des Bienenstocks wiederum geben Hinweise auf Gesundheitsrisiken – die Gefahr steigt, dass Bienen an einem Infekt erkranken. Hat der Imker diese lebenswichtige Information, kann er zur rechten Zeit präventiv eingreifen.

Im „Cloud der Dinge“-Dashboard werden diese Informationen übersichtlich aufbereitet und analysiert. Im „Cloud der Dinge“-Dashboard werden diese Informationen übersichtlich aufbereitet und analysiert. (© 2017 BeeAnd.Me)

Partner aus der Wissenschaft

Sogar aus dem Summen und Brummen der Bienen kann das smarte Bienen-Babyfon wertvolle Schlüsse über die Gesundheit der Tiere ziehen: Das hat BeeAnd.me in Studienkooperationen mit der Universität Graz herausgearbeitet. „Abhängig von ihrem Summen können wir nicht nur feststellen, ob die Bienen gesund sind oder nicht. Wir können außerdem sagen, welche Krankheit sie haben“, sagt Gründerin Hot. „Auf dieser Basis kann ein Imker seinen Tieren innerhalb kürzester Zeit die richtige Medizin verabreichen.“ Schön für den Imker – denn sein Geschäft mit dem Honig brummt dank digitaler Unterstützung mehr denn je: „Durch unsere Idee können Imker 20 bis 30 Prozent an Wartungs- und medizinischen Kosten sparen“, sagt Dervic. „Und ihre jährliche Produktion deutlich steigern.“

Auch Imker Müller gelang es, dank der frühzeitigen Nachricht aus dem vernetzten Bienenstock seine vier Völker erfolgreich zu umsorgen. Er kann sich nun wieder ganz der Ernte seines Blütenhonigs widmen. Und zum Frühstück auch weiter sein Brot mit selbstgemachtem Honig genießen.

NarrowBand IoT

Wegbereiter für das Internet der Dinge

Die Basis für die smarte Lösung ist das neue Netzwerk NarrowBand IoT. Die Schmalband-Technologie mit extrem guter Netzabdeckung ermöglicht die Anbindung vieler Empfänger mit geringem Stromverbrauch zu niedrigen Kosten. So können auch Bienenstöcke in ländlichen Gegenden kontinuierliche Daten senden. „Smart-Farming-Lösungen wie unsere sind die Zukunft der Landwirtschaft“, ist Elma Hot von BeeAnd.me überzeugt. „Und NB-IoT ist die Zukunft der Kommunikation. Wir verbinden beides.“