Arbeiten zur Kurzzeitmiete

Kreative Atmosphäre, professionelle Ausrüstung und günstige Preise – Coworking-Angebote liegen deutschlandweit im Trend: Die Vergleichsplattform Coworkingguide listet mehr als 50 solcher Einrichtungen in zehn deutschen Städten auf. Noch mehr Angebote zählt die Plattform coworking.de und verortet über 300 Gemeinschaftsbüros zwischen Ostsee und Tegernsee. Die meisten bieten ihren Mietern eine Tages-, Wochen- oder Monatspauschale an. Die Faustregel: Je länger die Laufzeit, desto niedriger der Preis.

 

Das betahaus Hamburg in Kürze

Das 2010 gegründete betahaus Hamburg hat nach einem finanziellen Neustart im Jahr 2013 seinen Sitz in der Eifflerstraße im Hamburger Schanzenviertel. Es bietet auf rund 2.500 Quadratmetern flexible und feste Arbeitsplätze, Büros, Konferenzräume, Eventflächen sowie einen Pop-up-Store für temporäre Verkaufsaktionen. Aktuell zählt es mehr als 400 feste Mitglieder und viele Tagesgäste. Der Community-Gedanke spielt eine große Rolle: Gemeinsam entstehen neue Geschäftsideen.

Flexibel mit fester Postadresse

In einigen Großraumbüros hat man einen eigenen festen Arbeitsplatz samt Postadresse und Telefon, in anderen suchen sich die Kreativen täglich einen neuen Arbeitsplatz. Die einen bieten eine perfekte Infrastruktur mit größtmöglicher Flexibilität, die anderen kümmern sich sehr stark um die Community und setzen auf Austausch und gegenseitige Unterstützung, so wie das betahaus Hamburg im berühmt-berüchtigten Schanzenviertel. Mit rund 400 festen Usern und vielen Tagesgästen ist das Projekt zum Brennpunkt der Hamburger Kreativ-, Digital- und Startup-Szene geworden. Hier werden neue Geschäftsideen geboren und neue Arbeitsmodelle gelebt. Digitaler Mittelstand sprach mit Geschäftsführer Robert Beddies über die Startup-Szene, neue Arbeitsmodelle und Kontaktchancen für etablierte Unternehmen.

Interview mit betahaus-Chef Robert Beddies

Herr Beddies, was ist das Besondere am Hamburger betahaus?
Es ist die besondere Mischung aus professioneller Ausstattung und einzigartiger Community-Kultur. Wir haben niedrige Einstiegskosten, die bei 60 Euro im Monat liegen. Einzelkämpfer, die normalerweise zu Hause am Küchentisch arbeiten würden, finden damit schnell und einfach ihre professionelle Arbeitsumgebung. Wir wollen aber auch kreative Menschen zusammenbringen und kümmern uns stark um die Community. Zum Beispiel legen wir großen Wert darauf, dass wir die Leute persönlich kennenlernen, die hier reinkommen, und wir haben eine eigene Community-Managerin, die sich unter anderem um interne Veranstaltungen kümmert. Gleichzeitig wollen wir eine Plattform schaffen, über die sich weitere Projekte für jeden Einzelnen ergeben können.

Robert Beddies Robert Beddies (© 2017 Betahaus)

Wer sind die berühmten Digitalnomaden?
Zu uns kommen traditionell viele Freelancer mit wechselnden Auftraggebern, also viele Programmierer, Designer, Architekten, Journalisten, Künstler und Fotografen, die ihre Büroarbeit hier erledigen. Bestimmt die Hälfte unserer derzeit 400 Mieter sind richtige Einzelkämpfer oder arbeiten zu zweit mit sehr unterschiedlichen Nutzungsintensitäten. Einige kommen nur einmal im Monat, andere wie Startup-Teams rücken mit zwei bis drei Leuten an und arbeiten an ihrem Geschäftsmodell. Sie fangen im Coworking-Bereich an und buchen sich später einen festen Schreibtisch. Auch Unternehmen können sich hier temporär Arbeitsplätze einrichten.

Wie hat sich das Arbeiten in den letzten Jahren verändert?
Sie ist in vielen Bereichen digitaler geworden und bietet damit ganz neue Möglichkeiten, nicht zuletzt bei der Wahl des Arbeitsortes. An dieser Stelle bieten Coworking Spaces nicht nur einen Arbeitsplatz, sondern auch ein soziales Umfeld.

Das betahaus Hamburg ist vor Jahren ins Straucheln gekommen. Was war damals der Grund für die Probleme und mit welchem Konzept steuern Sie heute dagegen?
Tatsächlich hatte das betahaus damals ein Problem mit der Größe. Die günstigen Preise funktionieren nur über eine Querfinanzierung, indem man andere Produkte und Dienste anbietet. Das sind bei uns Konferenzräume und Events. Das heißt, wir vermieten Flächen an externe Kunden, die nicht zur Kern-Community gehören. Das zu verwalten ist aufwendig und man braucht natürlich die Infrastruktur und das Personal dafür. Damals hatte das betahaus nur ein Zehntel der jetzigen Größe von 2.500 Quadratmetern zur Verfügung. Jetzt haben wir zehn Eventräume, eine eigene Buchhaltung und Servicepersonal. Nach der Insolvenz war ein größerer, bezahlbarer Standort für die Gründer die einzige Option für einen Neuanfang. Was in Hamburg gar nicht so einfach ist. Es hat geklappt, weil der Vermieter an das Konzept geglaubt hatte, es Unterstützung von der Stadt für den Umzug gab und zuvor eine Crowdfunding-Kampagne erfolgreich abgeschlossen wurde, bei der die Teilnehmer ihre Mitgliedschaften im Voraus bezahlen konnten.

Coworking Coworking liegt im Trend: Immer mehr solcher Einrichtungen eröffnen in deutschen Städten. (© 2017 Betahaus)

Bei Ihnen arbeiten viele Startups. Doch wenn sie wachsen, wollen sie meist eigene Büroräume. Wie lassen sie sich als Kunden halten?
Das ist ganz schön schwer. Wir unterstützen Startups von Beginn der Unternehmensgründung an. In dem Moment, wo sie erfolgreich werden, also auch finanziell gesehen für uns ein attraktiverer Partner wären, geht das normalerweise mit starkem Wachstum einher und sie entwickeln sich aus dem betahaus raus. So war es damals bei Protonet der Fall, einem Hersteller von privaten Servern für Kleinunternehmer. Als sie auszogen, war das einer der Auslöser der betahaus-Insolvenz, weil sie ein Viertel der Mieter gestellt hatten und diese auf einen Schlag weg waren.

Die Digitalnomaden

Wer sich selbstständig macht oder eine kleine Firma ins Leben ruft, arbeitet längst nicht mehr allein für sich, sondern sucht häufig sogenannte Coworker, die ein Büro oder eine Etage teilen. Meist sind es junge Menschen unterschiedlicher Berufe, die als Digitalnomaden oder Startup-Team loftähnliche Großraumbüros samt Kontakt zu Gleichgesinnten und Kreativen suchen. Zu günstigen Preisen wird die Infrastruktur wie Netzwerk, Drucker, Scanner, Telefon und Besprechungsräume geteilt.

Lässt sich das überhaupt verhindern?
Ab einer Größe von 15 Mitarbeitern fangen Startups in der Regel an, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Dann bleibt auch nicht mehr viel Zeit für die Community-Arbeit, die Teil unserer Philosophie ist. Außerdem sind wir hier trotz der größeren Fläche auch räumlich begrenzt. Wir haben uns jetzt eine neue Möglichkeit der Zusammenarbeit überlegt, die wir gerade mit dem Food-Startup und ehemaligen betahaus-Mieter Farmers Cut praktizieren. Sie haben eine Indoor Vertical Farm entwickelt, die gerade am Hamburger Großmarkt gebaut wird. Seit Kurzem betreiben wir ein Büro, angeschlossen an deren Farm. Wir sind Hauptmieter und jeder, der mit dem Thema Food oder Logistik zu tun hat, ist als weiterer Mieter willkommen. Inzwischen sitzen vier Firmen dort, die nach unserem betahaus-Ansatz ihr Wissen untereinander austauschen.

Welche Möglichkeiten hat ein Mittelständler, mit der digitalen Startup-Szene in Kontakt zu kommen?
Am besten kommt er donnerstags um 10 Uhr zu unserem Frühstück, das besteht zur Hälfte aus externen und zur Hälfte aus internen Teilnehmern. Dort stellt sich ein Startup, ein Projekt oder eine Initiative in kleiner Runde vor. Das machen wir seit sieben Jahren, das ist der persönlichste Weg, um ins betahaus reinzukommen. Oder einfach vorbeikommen und sich vorher per Mail anmelden: hamburg.betahaus.de. Wir stellen fest, dass Firmenkunden oft vor der Tür stehen mit dem Gefühl: „Wir gehören nicht dazu“. Aber wir wollen das Gegenteil vermitteln: Wir haben sehr weit offenstehende Türen und sind stark an einem Austausch interessiert!

Gibt es auch spezielle Veranstaltungen für sie?
Viele unserer Veranstaltungen richten sich an unsere Community. Aber die allermeisten sind öffentlich zugänglich und werden über unsere Webseite und auf Facebook veröffentlicht. Beispielsweise der betapitch im September, bei dem die besten Startups gekürt werden, oder die Fintech Week Hamburg im November. Unsere Idealvorstellung ist, dass Unternehmen Mitarbeiter ihrer Innovationsabteilungen tageweise zu uns schicken, die mit der Community in Kontakt kommen, und sich daraus im Laufe der Zeit Freelancer-Aufträge entwickeln, wie zum Beispiel im Bereich Prototyping. Wir haben hier das gebündelte Know-how!

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