Bernhard Rohleder verspürt in der Ärzteschaft derzeit eine regelrechte Aufbruchstimmung. Endlich, würden böse Zungen behaupten. „Die Skepsis der vergangenen Jahre ist einer neuen Offenheit gegenüber digitalen Technologien gewichen“, sagt Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Digitalverbands Bitkom. Der Gesundheitsmarkt unterzieht sich einem komplexen Eingriff, kreative Startups krempeln die Branche gründlich um. So befreit sich etwa die elektronische Patientenakte langsam aus ihrem Nischendasein, Gesundheits-Apps sprießen aus dem Boden. Und das Smartphone des Patienten wird schon jetzt als Stethoskop des 21. Jahrhunderts gehandelt.

Drei Fragen an Patrick Palacin, Gründer und CTO TeleClinic

Herr Palacin, im Gesundheitswesen ist das Thema IT-Sicherheit und Datenschutz noch wichtiger als in anderen Branchen. Was gilt es bei einer digitalen Sprechstunde zu beachten?

Das ist richtig, Informationen über den Gesundheitszustand der Patienten unterliegen zum Beispiel einer spezifischen Geheimhaltungspflicht. Vertrauen ist in der Gesundheitsbranche das A und O. Deshalb standen bei uns IT-Security, Datenschutz und nicht zuletzt die Reputation des Cloud-Anbieters ganz oben auf der Anforderungsliste.

Welche Anbieter kommen dann überhaupt noch in Betracht?

Nur wenige. Unser Geschäftsmodell basiert auf der Kooperation mit Krankenversicherungen, sodass viele der anderen großen Cloud-Anbieter schon einmal durchs Raster fallen. Da hätten die Versicherer direkt die Tür zugemacht. Letztlich haben wir uns für die Telekom und damit deutschen Datenschutz entschieden – und haben uns erfolgreich beim Startup-Programm TechBoost beworben.

Was waren die Hauptgründe für diese Entscheidung?

Wir haben praktisch zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Wir bekommen zum einen sichere Cloud-Ressourcen eines deutschen Anbieters, ohne selbst erst in Infrastruktur in unserem Serverraum investieren zu müssen. Zum anderen profitieren wir von der hohen Reputation eines angesehenen Konzerns, der hinter uns und unserer Lösung steht und uns bei Bedarf in Sachen Vertrieb und Marketing unterstützt.

Digitalisierung wird Teil der Geschäftsstrategie

Ein Blick auf aktuelle Zahlen bestätigt, dass Unternehmen in der Gesundheitsbranche auf fast allen digitalen Handlungsfeldern einen großen Schritt weitergekommen sind. 42 Prozent haben die Digitalisierung im Jahr 2017 zu einem wichtigen Teil ihrer Geschäftsstrategie gemacht, wie aus dem „Digitalisierungsindex Mittelstand“ vom Analystenhaus techconsult im Auftrag der Deutschen Telekom hervorgeht. Zum Vergleich: Im Vorjahr lag der Wert noch bei lediglich 24 Prozent.

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Die Digitalisierung gelingt zunehmend auch mit den Lösungen innovativer Startups. In Hamburg haben sich Gründer beispielsweise der besseren Krebserkennung verschrieben. Künstliche Intelligenz hilft bei der Diagnose: Das Startup Fuse-AI hat einen Algorithmus entwickelt, der verdächtige Gewebeveränderungen in MRT-Aufnahmen erkennt und darüber hinaus in gut- und bösartige Tumore klassifiziert. Mit der Methode lassen sich nach Angaben des Startups künftig mindestens zehn Prozent der Kosten einsparen, die Krankenkassen für Untersuchungen wie MRTs entstehen. Fuse-AI nutzt für die Big-Data-Analytics-Anwendung sichere und flexibel skalierbare Cloud-Ressourcen, da punktuell enorme Rechenkapazitäten notwendig sind, um die MRT-Aufnahmen auszuwerten.

Welche Auswirkungen haben digitale Maßnahmen auf das Gesundheits- und Sozialwesen? Welche Auswirkungen haben digitale Maßnahmen auf das Gesundheits- und Sozialwesen? (© 2018 Digitalisierungsindex Mittelstand)

 

TechBoost: Das Startup-Programm der Telekom

TechBoost bietet ausgewählten Startups 100.000 Euro Guthaben für die Open Telekom Cloud. Gründer erhalten somit mehr notwendige IT-Ressourcen und zudem den notwendigen Freiraum für ihr Kerngeschäft. Die Startups profitieren außerdem von der professionellen Vertriebs- und Marketingpower der Telekom. Der Bonner Konzern unterstützt mit TechBoost bereits rund 50 Startups. Gründer haben aber immer noch die Möglichkeit, sich für das Programm zu bewerben.

73 Prozent der Unternehmen senkten Kosten

Der Einsatz von Cloud-Anwendungen zahlt sich nicht nur im Fall von Fuse-AI aus. 73 Prozent der Gesundheitsunternehmen senkten dem „Digitalisierungsindex Mittelstand“ zufolge auf diese Weise ihre Kosten. Eine weitere positive Auswirkung auf den Geschäftserfolg: 82 Prozent der Einrichtungen, die Anwendungen aus der Cloud nutzen, arbeiten effizienter und flexibler.

Die digitale Transformation verbessert zudem nachweislich die Beziehungen zwischen Patienten und Medizinern. So gewinnen 87 Prozent der medizinischen Einrichtungen mit einer Webseite leichter neue Patienten. Smarte Geschäftsideen von Gründern ermöglichen zudem digitale Gesundheitsservices für Patienten: Das Münchner Startup TeleClinic bietet etwa eine 24 Stunden-Sprechstunde, in der Allgemeinmediziner und Fachärzte per App, Webseite oder Telefon erreichbar sind.

Hintergrund: Im Gesundheitswesen ist das Thema IT-Sicherheit und Datenschutz noch wichtiger als in anderen Branchen. Denn bei hochsensiblen Patientendaten ist nicht nur Sorgfalt geboten, sondern auch IT-Sicherheit und Datenschutz notwendig. So betreibt TeleClinic die Backends für Webseite und App sowie das Telefon-Gateway in den zertifizierten deutschen Rechenzentren der Telekom. Alle Daten werden verschlüsselt in die Cloud übertragen und darüber hinaus auf dem Datenbankserver verschlüsselt abgelegt.

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