Verraten Sie uns als Autor des aktuellen Deutschen Startup Monitors, was Ihnen in diesem Jahr besonders aufgefallen ist?
Mich hat positiv überrascht, dass die deutsche Startup-Szene weiterhin wertvolle Arbeitsplätze für die Zukunft schafft. Spannend ist auch, dass die Neugründungen regional weit verteilt sind. Das zeigt, dass gute Ideen überall entstehen können. Positiv finde ich auch, dass die Quote der Gründerinnen zum dritten Mal in Folge gestiegen ist. Das geht in die richtige Richtung.

Der Studie nach stieg der Anteil der Gründerinnen leicht von 13,9 auf 14,6 Prozent. Das ist immer noch recht wenig. Was wäre notwendig, um den Frauenanteil bei den Gründungen spürbar zu erhöhen?
Spezielle Förderprogramme für Gründerinnen könnten einen kräftigen Impuls geben. Ich glaube aber, dass wir wesentlich früher ansetzen müssen. Wir sehen im Deutschen Startup Monitor (DSM), dass unglaublich viele Gründer aus den Hochschulen kommen und dort besonders aus den sogenannten MINT-Fächern – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Wenn es gelingt, junge Frauen für diese Fächer zu begeistern, würde das auch die Wahrscheinlichkeit der anschließenden Gründung ganz sicher erhöhen.

„Die digitale Wirtschaft ist eindeutig das wichtigste Gründungsumfeld.“

Startup-Gründerinnen berichten immer wieder von Benachteiligungen im stark männlich geprägten IT-Bereich. Was halten Sie davon?
Das haben wir im DSM nicht untersucht. Es gibt Studien, die die Vermutung zulassen, dass männliche Venture-Capital-Geber verstärkt in männlich geprägte Startups investieren. Die meisten Startups werden jedoch mit gemischten Teams gegründet, das halte ich auch für gut und richtig. Einmal zum Ausgleich der Stärken und Schwächen der Teammitglieder und um die Last des Startup-Lebens auf mehreren Schultern zu verteilen.

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In welche technologischen Trends wird derzeit am meisten investiert?
Die digitale Wirtschaft ist eindeutig das wichtigste Gründungsumfeld. Der Einfluss der Digitaltechnik ist sozusagen die Quelle von vielen Ideen, die wir im Startup-Bereich beobachten.

Im vergangenen Jahr kooperierten 70 Prozent der Startups mit etablierten Unternehmen, dieses Jahr ist es nur noch die Hälfte. Wie lässt sich dieser drastische Rückgang erklären?
Das erklärt sich meiner Meinung nach dadurch, dass nicht alle Startups und Industrieunternehmen zusammenpassen.

In Kürze: Deutscher Startup Monitor 2017

Der 5. Deutsche Startup Monitor der Unternehmensberatung KPMG und des Bundesverbands Deutsche Startups e.V. in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für E-Business und E-Entrepreneurship der Universität Duisburg-Essen repräsentiert 1.837 Startups, 4.245 Gründerinnen und Gründer sowie 19.913 Mitarbeiter. Als Startup werden dabei Gründungen definiert, die jünger als zehn Jahre und mit ihrer Technologie und/oder ihrem Geschäftsmodell hochinnovativ sind sowie ein signifikantes Mitarbeiter- und/oder Umsatzwachstum haben oder anstreben.

 

Als die drei wichtigsten Ergebnisse kristallisierten sich heraus:

  • Mehr Europa: Mit 82,7 Prozent der befragten Startups wollen so viele weiter internationalisieren wie noch nie. 34,4 Prozent in die übrigen EU-Länder.
  • Mehr Vielfalt: 63,9 Prozent der Startups stimmen zu, dass die deutsche Startup-Landschaft durch die Zuwanderung von Menschen aus dem Ausland profitiert. 28,6 Prozent der Startup-Mitarbeiter haben keine deutsche Staatsangehörigkeit, in Berlin sind es sogar 47,7 Prozent.
  • Mehr Kooperation: 67,5 Prozent der Startups kooperieren mit anderen Startups (2016: 53,4 Prozent). Die Kooperationen mit etablierten Unternehmen ging jedoch binnen Jahresfrist von 70 Prozent auf 50,4 Prozent zurück.

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Wir unterscheiden hier zwischen dem B2B- und dem B2C-Bereich. Im B2C-Bereich ist es immer fraglich, ob Kooperationen mit bestehenden Unternehmen sinnvoll sind oder ob Startups dort besser untereinander kooperieren. Hier stellten wir im Startup Monitor mit 67,5 Prozent Kooperationen ein gestiegenes Interesse fest – im letzten Jahr waren es erst 53,4 Prozent.

In B2B-Bereich ist die Kooperation mit Unternehmen vielleicht besser. Trotzdem ist das alles nicht einfach, da müssen Kulturen miteinander in Einklang gebracht und Win-win-Situationen zwischen ganz Kleinen und ganz Großen erzeugt werden. Von daher ist nicht für jeden das passende Modell dabei. Aber 50,4 Prozent halte ich immer noch für enorm viel, sodass ich trotz Rückgang immer noch optimistisch bin, dass die Zusammenarbeit zwischen Startups, Mittelstand und Industrie eine wesentliche Stütze für die Gründerszene in Deutschland bleiben wird.

Wie lässt sich die Kooperation zwischen Mittelstand und Startups richtig in Schwung bringen?
Kooperationen in Form regionaler Cluster stellen eine hervorragende Möglichkeit dar, um die Herausforderungen von jungen und etablierten Unternehmen gemeinsam zu meistern. Das Interesse der Startups ist eindeutig da. Ich glaube, wenn man jetzt noch verstärkt den Mittelstand motivieren kann, in den regionalen Clustern mit den Startups mitzuwirken, wäre das ein wesentlicher Schub nach vorne.

Anders als in den USA haben wir hierzulande nicht den einen zentralen Startup-Hotspot, sondern gleich sechs davon. Worin liegen hier die Vorteile für die deutsche Wirtschaft?
Der Vorteil ist, dass wir keine Monokultur bekommen, die anfällig ist für Schwankungen. Ich finde es positiv, dass sich die Gründerszene in ganz Deutschland verteilt, auf mehreren Säulen ruht und auch regional unterstützt werden kann. Es ist vorteilhaft, mit Berlin eine Gründermetropole zu haben, die auch im internationalen Umfeld und in der Wahrnehmung heraussticht und eine Leuchtturmfunktion einnimmt. Aber viele Regionen in Deutschland haben dasselbe Potenzial. Gerade in der Digitalisierung ist man ja sowieso mit einem Mausklick direkt weltweit im Wettbewerb, sodass geografische Standorte keine so große Rolle mehr spielen.

Deutscher Startup Monitor Deutscher Startup Monitor: So sind die Startups in Deutschland verteilt. (© 2017 Deutscher Startup Monitor)

Lassen sich den Regionen bestimmte Schwerpunkte zuordnen?
Es gibt Tendenzen, aber keine eindeutige Ausrichtung einer Region. In Berlin sehen wir beispielsweise einen starken Bezug zu B2C-Modellen, während wir in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg einen deutlich stärkeren B2B-Bezug sehen. In München haben wir oftmals einen stärkeren Hightech-Bezug, während Hamburg stärker medienbezogene Modelle aufweist.

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Welche Rolle spielen die deutschen Hochschulen bei den Gründungen?
Tatsächlich ist die Hochschule eine wesentliche Quelle für die Gründergeneration im Bereich der Digitalwirtschaft. Wir haben in diesem Jahr verstärkt die Hochschulen befragt, weil vier von fünf Gründern einen Hochschulabschluss haben. Wirtschaftswissenschaften in Kombination mit den MINT-Fächern waren die relevantesten Studiengänge. Einige Hochschulen ragen heraus, von dort stammen ganz viele Gründer und Gründungen. An der Spitze steht dabei die TU München, gefolgt von der KIT Karlsruhe und der RWTH Aachen. Die restlichen der Top 10 sind bundesweit verteilt.